«Easy.» Conradin Cramer steckt seine Hände in das Linsen-Gemisch. Kurz zuvor hat er Krawatte gegen Kochschürze getauscht und einer kleinen Tour d’Horizon des Tofus gelauscht. Und nach einer mehrstündigen, kräftezehrenden Debatte im Grossen Rat kramt er nun in einer breiigen Masse, welche später erster Gang in einem veganen Kochkurs werden soll.

Den Regierungskandidaten Conradin Cramer aus einer gewohnten Umgebung zu reissen, ist nicht einfach. Cramer ist anpassungsfähig, locker, offen. Und vor allem neugierig. Auf der Hinfahrt hat er die Fragen gestellt, nicht der Journalist. Vieles findet er faszinierend. Beispielsweise die Fasnacht, aber auch den Vogel Gryff. Bei beidem ist er nicht aktiv, wie man hätte vermuten können. Im vergangenen Jahr lief er bei der Clique onYva den Morgestraich mit, auf Einladung seines Freundes und Parteikollegen Mats Brenneis, im Vortrab. Cramer trommelt und pfeift nicht. Es hätte zu seinem roten Siegelring gepasst, zu seiner Frisur, überhaupt zur LDP, seiner Partei, die ihren Basel-Bezug auch gerne in Wahlflyern zur Schau stellt. «Ich langweile mich schnell», sagt er von sich. Positiv formuliert wäre: Er interessiert sich schnell und für Vieles.

Der Vorwurf des Elitären

So auch im Kochkurs, in Liestal. Hierhin will er nicht so ganz passen. Nicht des veganen Essens wegen. Es ist die Zubereitung, die ihm anfänglich zu schaffen macht. Denn er, der immer wieder zum Traumschwiegersohn erhoben wird, sagt: «Ich kann nicht kochen.» Muss er denn nie? Dochdoch, Pasta und so könne er schon. Es sind diese Momente, in denen sich der Vorwurf des Elitären aufbaut. Diesem entgegnet er: «Ich hoffe nicht, dass ich so wirke. Man soll mich kennenlernen, dann sieht man, dass dem nicht so ist.» Dennoch sei er sich bewusst, dass er als Anwalt und Notar in gewissen Kreisen verstärkt verkehre.

Beim Essen hingegen ist Cramer in einer anderen Rolle. Galant kümmert er sich darum, den anderen Kursteilnehmerinnen den Wein einzuschenken, die Serviette liegt auf dem Schoss, er sitzt gerade und komplimentiert das Essen, der Wein ist ihm ein bisschen zu warm. Er befragt Kursleiterin Anne Treccarichi zu sämtlichen Details der veganen Lebenseinstellung. Für ihn wäre das nichts, obwohl er die Grundgedanken bewundert. Es wäre ihm zu radikal, auf ein Lederarmband an der Uhr zu verzichten. Cramer ist nicht radikal, er sucht den Weg der Mitte. Er drängt seine Positionen aber nicht auf. Viel wohler, so scheint es an diesem Abend, ist er in der Rolle des Fragenden.

Eigener Humor

Als Wirtschaftsliberaler versteht er es, wenn die Kursleiterin zu Marketingzwecken gerne die Schürze mit ihrem Schriftzug auf dem Erinnerungsfoto festhält. Er lacht dann, vielleicht macht er einen kleinen Spruch. Aber dieser wäre nicht gemein, er wäre auch nicht süffisant. Cramer hat einen eigenen Schalk, einen höflichen Humor – am Zofingerconzärtli, das er früher mitorganisierte, war dieser wohl noch etwas derber. Sein Charme hilft ihm, auch in der Politik. Und dieser ordnet er vieles unter. Die Politik war sein Verein, seine Clique. Natürlich auch noch die Zunft, die Studentenverbindung. Doch da gibt es Überschneidungen, natürlich. Es ist schwierig, bei Cramer Frei- und Arbeitszeit zu trennen. Nach dem Hauptgang geht es um den Abwasch. Die Maschine will nicht funktionieren. Während andere sich um das Dessert kümmern, will er zuerst Ordnung schaffen. Vielleicht will er auch einfach dem Backen aus dem Weg gehen. Die Frauen im Kurs hat er längst für sich gewonnen, auch wenn sie ihm keine einzige Frage zur Politik gestellt haben.

In der Stadt zu Hause

«Ah, wieder in Basel», sagt er bei der Einfahrt des Zuges in den Bahnhof SBB. Die Krawatte sitzt wieder am angestammten Ort. Auch Cramer ist wieder zu Hause. Liestal, das merkt man, ist für den Städter weit weg. Dabei wäre es locker möglich, dass ein heute geborener Cramer dereinst die Jurisprudenz im Stedtli studiert. Ebenso locker möglich, dass der 1979 geborene Cramer sich als Vorsteher des Erziehungsdepartements schon bald mit solcherlei Fragen vertieft auseinandersetzen muss. Er aber fragt: «Was haben Sie eigentlich studiert? Wo?»

Was ist das für ein Gefühl, wenn einem seit Jahren erzählt wird: «Der wird einmal Regierungsrat»? «So ist das nicht», sagt Cramer. Solches Lob ist ihm wahrscheinlich peinlich. Es sei ein Aneinanderreihen von Schritten, bleibt er vage. Kein Ziel aber, das er schon seit Jahren verfolge, seit er mit 17 den Jungliberalen beigetreten sei. Seither habe er sich auch verändert. «Man wird ja erwachsen.» Manchmal ist es schwer, sich Conradin Cramer nicht erwachsen vorzustellen. Auch wenn in ihm immer wieder der Jugendliche durchblitzt. Der sich nicht so sehr um Konventionen schert, wie man vermuten könnte. Der alles mit einer Leichtigkeit angeht, der nichts Karrieristisches anhaftet. Der sagt: «Easy.»