Wer sich mit der Nacht in Basel beschäftigt, kommt um diesen Mann kaum herum. Dabei ist er kein Türsteher eines Nachtclubs. Und wenn man von ihm sagen kann, er sei ein Mann, der im Dunkeln sieht, so nicht etwa wegen eines Laserblickes, sondern wegen der Art und Weise, wie er die Nacht betrachtet. Und weil er sie untersucht hat. Sei es an der Museumsnacht Basel, sei es an einer Rooftoplesung: Die Zuhörer von Michel Massmünster (34) hängen ihm an den Lippen, wenn er sein Wissen preisgibt.

Nun stellt er seine Doktorarbeit vor: «Im Taumel der Nacht». Erschienen ist sie schon im Frühjahr, für eine Vernissage eignet sich der Herbst aber einfach besser, schliesslich ist der Herbst nicht nur der Abend des Jahres, sondern auch die Zeit, in der die Tage kürzer und die Nächte länger werden.

Michel Massmünster, Kulturwissenschaftler an der Universität Basel, hat jahrelang von Berufes wegen über die Nacht nachgedacht. Ein Vorteil des Fachs Kulturanthropologie ist es, dass es oft nicht nur erlaubt, sondern gar fordert, am Gegenstand der Untersuchung persönlich teilzunehmen. Teilnehmende Beobachtung nennt sich das dann. «Natürlich habe ich selber eine Faszination für das Nachtleben», sagt Massmünster und lacht.

Streifzüge durch die Nacht

Für seine Arbeit durchstreifte er Plätze und Strassen, tauchte ein in Partys und Konzerte, liess Szenerien und das Stadtbild auf sich wirken, sichtete Beschreibungen der Nacht in Popsongs, Stadtkrimis, Planungskonzepten und Presseartikeln. Wenn bei den meisten von uns nach dem Erleben der Nacht der Rausch ein Ende findet, begann bei Massmünster der Rausch des Forschens.

Die Nacht als Untersuchungsgegenstand ist ein Phänomen, das auf den ersten Blick weniger fassbar ist als andere Themen des Faches Volkskunde, wie die Kulturanthropologie früher hiess. Eine Baselbieter Tracht etwa hat einen Anfang (oben) und ein Ende (unten) aber bei der Nacht sind diese Grenzen nicht so klar. Wann beginnt sie? Wann hört sie auf? Wer definiert das? Wer erzählt wie über sie?

Licht ins Dunkel

Massmünster stellte Fragen an seinen Gegenstand, und da die Nacht schwieg, fragte er weiter. DJs, Barkeeper, Nachtbusfahrer. Dabei zeigt er auf, wer und was alles dazu beiträgt, dass die Nacht in Basel heute so ist, wie sie ist. Die elektrische Beleuchtung hat nicht nur Fabrikarbeit ermöglicht, sondern auch eine soziale Kontrolle erbracht über jene, die zuvor die Dunkelheit als Versteck nutzten. Mit der Beleuchtung wurden zudem Probleme sichtbar. Die Stadt- und Verkehrsplaner haben die Nacht ebenso verändert wie die Veranstalter und Wirte. Dass sich das Buch so flüssig liest, macht es nicht weniger wissenschaftlich. Und wer sich schon lange fragte, wie und worüber im Fach Kulturanthropologie diskutiert wird, hat an diesem Abend Gelegenheit: Nebst dem Kulturwisschenschaftler Massmünster sind auch Ulrike Langbein und Professor Walter Leimgruber in ihrem Element zu erleben, dem Gespräch über Alltagskultur. Carpe noctem!