«Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.» Dieser Spruch des amerikanischen Schriftstellers William Faulkner drängt sich auf, wenn man die aktuellen Debatten rund um das 500-Jahr-Jubiläum der Schlacht von Marignano verfolgt. Das Gemetzel in der Lombardei kostete am 13. und 14. September 1515 rund 10 000 Schweizern das Leben. Ein halbes Jahrtausend später beschäftigt uns Marignano mehr denn je.

War die Schlacht der erste Schritt hin zur schweizerischen Neutralität? Oder wurde die Eidgenossenschaft nach 1515 bis zum Wiener Kongress von 1815 für drei Jahrhunderte ein Satellitenstaat Frankreichs? Was bedeutet Marignano für unser heutiges Selbstverständnis und die Rolle der Schweiz in Europa? Die historisch-politische Debatte tobt und lenkt die Aufmerksamkeit auch auf physische Spuren der Schlacht.

Kaufmann und Zunftherr

Diese sind – abgesehen vom offiziellen Beinhaus in der Lombardei, das die sterblichen Überreste der eidgenössischen Krieger beherbergen soll – allerdings kaum sichtbar: Ausnahme ist Basel. Nirgendwo sonst wird im Stadtbild derart markant an die Niederlage vor Mailand erinnert. Das überlebensgrosse Gemälde eines bewaffneten Bannerträgers auf dem Turm des Basler Rathauses ist unübersehbar. Beim Herrn mit dem Baselstab handelt es sich um den Basler Tuchhändler, Ratsherrn und Zunftmeister Hans Bär, der in der Schlacht von Marignano getötet wurde.

Geboren wurde Hans Bär um 1484 in Basel. Seine Eltern waren der Kaufmann Hans Bär der Ältere und Anna Eberler. Hans Bär der Ältere war als Kaufmann und Geldwechsler aus dem elsässischen Zabern zugewandert. In Basel war er unter anderem auch Zunftmeister der Safranzunft. Die Familie von Anna Eberler war ursprünglich jüdisch und kam aus Colmar. Unmittelbar nach der Wiederzulassung einer jüdischen Gemeinde im Gefolge des grossen Erdbebens wird die Familie 1362 in Basel erwähnt. Nach einer Ausweisung 1377 wegen Blasphemie und der Rückkehr 1393 als Christen steigen die Eberlers in die städtische Oberschicht auf und nehmen Einsitz in den Räten und Zünften. Sohn Hans Bär folgte den Eltern und war in der Schlüssel– und in der Safranzunft. 1513 wurde Bär zusätzlich zünftig zur Herrenzunft zu Hausgenossen.

Als Zunftherr war er zum Kriegsdienst verpflichtet. So zog Hans Bär denn 1515 auch mit einem Basler Kontingent nach Italien, um mit den Eidgenossen gegen den französischen König zu kämpfen. Insgesamt schickte Basel drei Kontingente in den Krieg. Bär war Fähnrich des zweiten, 600 Mann starken Aufgebots. So kam er nach Marignano, wo das eidgenössische Heer auf die übermächtigen Franzosen und Venezianer traf. Bern, Solothurn, Freiburg, Biel und das Wallis zogen es vor, nicht zu kämpfen. Es blieben die Innerschweizer sowie Basel, Zürich und Luzern. Beim Angriff am 13. September mitten in das Heerlager der Franzosen bildeten Basler und Luzerner den sogenannten linken «Gewalthaufen». Am 14. September erfolgte der Gegenangriff. Die Eidgenossen wurden geschlagen.

Rettung der Fahne?

Unter den Toten war auch Hans Bär. Der Chronist Christian Wurstisen schrieb später, dass laut Augenzeugen ein Projektil Bärs Beine zerrissen habe. Kurz vor dem Tod soll er die Fahne an den Basler Georg Werlin übergeben haben. Andere Quellen besagen, dass Bär, um das Feldzeichen vor der Erbeutung durch den Feind zu bewahren, es von der Stange gezerrt und dann zerrissen habe. Danach habe er bis zum Tod weitergekämpft. Insgesamt sollen Dutzende Basler in Marignano gefallen sein. Hans Bär wurde in Italien begraben. In Basel hielt die Schlüsselzunft für ihn Gedenkgottesdienste ab. Er hinterliess seine Frau und sechs Töchter.

Wie aber kommt Hans Bär auf den Rathausturm? Das Gemälde wurde vom Basler Maler Wilhelm Balmer im Jahr 1901 erstellt. Damals wurde gerade das 400-Jahr-Jubiläum der Zugehörigkeit Basels zur Eidgenossenschaft begangen. Mit der Hervorhebung eines Basler Helden unterstrich Basel die Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft und zum gerade mal 53 Jahre alten Bundesstaat. Dieser bezog sein Selbstverständnis um die Jahrhundertwende aus der eidgenössischen Heldengeschichte, die mit Schlachtengemälden, Denkmälern, patriotischen Dichtungen und Feiern zelebriert wurde.

Übrigens: Der Bannerträger auf dem Rathausturm trägt nicht die Züge von Hans Bär. Abgebildet ist der Architekt Eduard Vischer. Er leitete von 1898 bis 1904 den Umbau und die Erweiterung des Rathauses.

Basler Prostituierte im Krieg

Ein weiteres Zeugnis aus der Zeit von Marignano ist das heutige Kinderbüro auf der Lyss. Das Haus wurde 1459 als städtisches Bordell gebaut. Einige der hier lebenden Prostituierten wurden von der Obrigkeit 1515 für den Feldzug in Italien zwangsverpflichtet und für den Kriegsdienst mit eigens angefertigten Kleidern und feldtauglichen Stiefeln versehen. Sie mussten die Basler Truppen bis Marignano begleiten. Die überlebenden Frauen galten dann als Kriegsveteranen und erhielten von der Stadt lebenslange Renten.