Heinz Osswald feiert in seiner Eigentumswohnung in Weil am Rhein zweimal im Jahr Geburtstag. Sein erstes Leben begann vor 81 Jahren im deutschen Grenzstädtchen, sein zweites im März 2017 am Basler Unispital (USB). Drei Wochen hatten ihm die Ärzte noch zu leben gegeben. Das Herz erbrachte nur noch dreissig Prozent der Leistung. Osswald durchlitt Qualen, konnte nicht mehr normal atmen, sondern japste nur noch.

Ausschlag hatte ein Herzinfarkt gegeben, den er 2014 erlitten hatte. Völlig unerwartet traf es ihn eines Tages bei der Morgentoilette. Nie hatte er geraucht, ab und zu mal ein Glas Wein oder Bier getrunken. Als er zur Tür rauskam und sich über den starken Druck in der Brustgegend beschwerte, wusste seine Frau, dass es schnell gehen muss. Zwei Stunden später hatten ihm die Ärzte des Basler Claraspitals einen Stent gelegt. Vorerst war alles wieder gut.

Danach verspürte Osswald knapp drei Jahre nichts, ehe es kurz vor Weihnachten 2017 massiv schlechter wurde. Woche für Woche verlor sein Herz an Kraft, die konservative Behandlung mit Medikamenten nützte kaum noch etwas. Selbst das Telefonieren ging nicht mehr, was für ihn besonders schlimm war. Sein einziger Sohn und seine beiden Enkel wohnen in Australien. Den Kontakt aufrechtzuerhalten war also beinahe unmöglich. 

Zwei Möglichkeiten boten sich Osswald: Sterben, was er für keine gute Idee befand, schliesslich fühlte er sich bis auf sein Herz fit. Ebenfalls war er in seinem Alter kein Kandidat, um sich ein richtiges Herz implantieren zu lassen. Osswald sagt: «Richtige Herzen sollen an die Jungen gehen.» Da blieb nur, sich ein sogenanntes Kunstherz einpflanzen zu lassen. Bis heute ist das ein schwieriger, teurer und seltener Eingriff. Der Beschrieb auf Wikipedia klingt nicht danach, als ob sich zart Besaitete bei der OP im Operationssaal aufhalten sollten. «Die traditionelle Kunstherzimplantation erfolgt über eine totale, mediane Sternotomie, d. h. über eine vollständige Durchtrennung des Brustbeines», schreibt das Onlinelexikon. «Hiernach folgt der Anschluss des Patienten an die Herz-LungenMaschine und die Freipräparation des Herzens.» Der Einflusstrakt des Unterstützungssystems werde dann über einen Ring am Herzen befestigt, der Abflusstrakt an die Aorta genäht. Am Schluss der OP wird das Brustbein mit Drähten verschlossen.

Kostenpunkt: 100'000 Franken

Nicht viele Menschen leben mit Kunstherzen. Lange galten sie lediglich als Übergangslösungen, wenn die Patienten auf Spenderherzen warteten. Bis vor wenigen Jahren galt das System als fehleranfällig, die Menschen hatten keine hohe Lebenserwartung. 1969 wurde das erste Kunstherz verpflanzt, ehe dem Patienten vier Tage später ein richtiges eingesetzt wurde. Kurz darauf verstarb er. Lange waren die Menschen, die mit einem Kunstherzen lebten, stark eingeschränkt. Erst kühlschrank-, dann rucksackgross waren die Apparaturen, die sie nach der Operation mit sich rumzuschleppen hatten. In Basel wurde 1999 das erste künstliche Herz eingesetzt – der Patient blieb daraufhin allerdings sieben Monate im Spital, ehe er ein richtiges Organ eingesetzt bekam. Es war angesichts der massiven Technik keine Option, dass er nach Hause geht.

Anders bei Osswald. Er hat «lediglich» eine Bauchtasche, in der er das «Hirn» und die Batterien für sein künstliches Herz mit sich rumträgt. Drei Wochen verbrachte er im Krankenhaus, Schmerzen hatte er während oder nach dem Eingriff nie – dafür Halluzinationen. Er träumte von Hunden im Operationssaal, aber Angst vor dem Tod hatte er nie. «Er hat die Ruhe weg», sagt seine Frau. Er sagt nur: «Wenns schiefgelaufen wäre, dann läge ich heute halt ein bisschen tiefer. Aber es hat sich wirklich gelohnt.»

100'000 Franken kostet ein künstliches Herz ungefähr. Bis etwa 75, so sagen die Herzchirurgen, kann eine Operation sinnvoll sein, wenn der Patient in gutem Zustand ist. Osswald hatte aber gute Argumente auf seiner Seite. Sämtliche Gesundheitschecks bestand er, er verfügte über ein intaktes Umfeld und einen wachen Geist. Es fehlte ihm an nichts, sodass das Ärzteteam des Unispitals um den Herzchirurgen Martin Grapow zum Schluss kam: Dieser Eingriff lohnt sich. Als nur einer von acht USB-Patienten ist er mit Abstand der älteste Kunstherzempfänger in diesem Jahr.

Zwei Batterien halten ihn am Leben, das er beinahe genau so gestalten kann, wie er will. Spektakulär sind die Tagesabläufe nicht, aber erfüllend. «Was soll ich denn noch gross machen?», fragt er. Morgens steht Osswald weiterhin früh auf, macht seiner Frau und dem Hund das Frühstück bereit, während diese auf dem Morgenspaziergang sind. Danach liest er die Zeitung, dann folgt der Mittagsschlaf. Meist geht er nach dem Nickerchen einkaufen. Mit dem Rollator, obwohl er gut genug zu Fuss wäre. «Ich fühle mich so einfach sicherer», sagt er.

Am liebsten kocht er Pouletbrust und wenns kälter wird Gulasch. Nur Baden geht er nicht mehr aufgrund der Elektronik, die ihm am Körper hängt und von der er auf Gedeih und Verderb abhängt. Wenn er die Batterien mal verkehrt rum anhängt, dann «piepst das Ding wie verrückt», wie seine Frau sagt, sodass sie es mit der Angst zu tun bekomme. «Dann sagt er mir immer: ‹Geh kurz raus, ich bringe das in Ordnung› und dreht die Batterie.» Doch längere Ferien liegen nicht mehr drin. Nach neun Besuchen bei den Enkeln in Australien wird es kein zehntes Mal geben. Sollte die Technik im Flugzeug versagen, würde dies sein definitives Ende bedeuten, meint er. «Selbst ein Arzt kann da nichts mehr machen.» Da pflichtet ihm Grapow zwar bei. Er sagt aber: «Die Maschinen sind wie die alten VW-Käfer-Motoren, die laufen fast störungsfrei.»

Grapow selbst sieht die Entwicklung bei der Implantierung von Kunstherzen erst am Anfang. Doch kommt den künstlichen Organen eine immer wichtigere Funktion zu, was auf eine positive Entwicklung zurückzuführen ist. Die Zahl der verunglückten jungen Menschen geht zurück, die Zahl der echten Herzen, die weitergegeben werden können, sinkt dadurch.

Die Wartelisten von Menschen, die aufgrund einer Herzschwäche auf ein neues Organ angewiesen sind, wird lang und länger. Doch halten die Kunstherzen in vielen Punkten nicht Schritt mit den echten. Richtiger Sport ist nicht möglich, da das Gerät im Weg ist. Noch besteht eine verhältnismässig grosse Gefahr von Thrombosen oder Infektionen. All das werde sich ändern. «Die Pumpen werden stets besser und günstiger», sagt Grapow. «Und irgendwann werden die Geräte auch in den Körper integriert.» Grapow glaubt, dass es dereinst gar keine Transplantation echter Herzen mehr braucht. Die brächten schliesslich auch Probleme mit sich, etwa die Gefahr des Abstossens oder der Tumorbildung.

Keine 100 Jahre alt werden

Zunächst müssen die Patienten aber mit dem heutigen Forschungsstand klarkommen. Zwölf bis vierzehn Jahre können Kunstherzen heutzutage halten. Ob Osswald dereinst ein weiteres bekommt, ist unklar. Was mit über 90 sei, daran verschwende er keine Gedanken. 100 Jahre will er jedenfalls nicht werden, das weiss er schon jetzt. Er könnte auch jetzt schon in die «Bergstrasse» zügeln, wie er witzelt. Dorthin, wo der Weiler Friedhof liegt. Ein erfülltes Leben hat er bereits leben dürfen.

Der ausgebildete Textiltechniker arbeitete jahrzehntelang in der Schweiz, in der Nähe von Winterthur, später in Langenthal, wo er dem Nebel an den Wochenenden heimwärts ins Wiesental entfloh, danach in Basel. Seine Frau, mit der er seit 53 Jahren verheiratet ist, stammt schliesslich auch aus Weil am Rhein. Darauf angesprochen, wie sie sich kennen gelernt haben, müssen sie beide schmunzeln. Ein Freund sei zuerst mit ihr zusammengewesen, er mit einer anderen Frau. «Danach gab es so was wie ein Tauschgeschäft», sagt Heinz Osswald mit einem Lachen. Er sollte es nicht bereuen.

Beim Besuch der «Schweiz am Wochenende» erreicht das Thermometer in Weil am Rhein fast 30 Grad. Der Nachbar klingelt, wird hereingebeten. «Wir sollten dann noch den Adventshock vorbereiten», erinnert ihn Osswald. Dass er heute drei Monate in die Zukunft planen kann, davon hätte er vor eineinhalb Jahren nicht zu träumen gewagt. Damals ging es nur drum, die nächsten Tage zu überleben.