Mephisto trägt schwer an Christus. Teuflischer Hexenschuss nach Anfall von Ordnungssinn. Er hätte Holbeins Gemälde «Der tote Christus im Grab» auch einfach am Boden liegen lassen können, da, wo es Faust zuvor hingelegt hat. Als der Teufel das ikonische Christusbild ächzend über die Schulter zurück zur Wand trägt, entfährt ihm ein: «Au, mein Kreuz!». Gelächter im Publikum des Schauspielhauses Basel. Christ und Antichrist haben für einen Moment die Rollen getauscht. Mephistopheles gibt noch einen drauf, klagt über Durst, lechzt nach Wasser; wie in der Bibel der sterbende Jesus. Witz komm raus!

Dabei hätte man sich schon den Kalauer mit dem Kreuz lieber verkneifen sollen – kill your darlings. Doch abgedroschene Witze und obszöner Slapstick, viel Gezüngel und Griffe in den Schritt beherrschen diesen Urfaust, den Hausregisseurin Nora Schlocker für das Schauspielhaus Basel inszeniert hat. Womöglich hätte man vor 50 Jahren mit ein wenig Blasphemie und Vulgarität noch schockieren können. Ujuj, sowas beim heiligen deutschen Kulturgut Faust! Doch heute lockt man damit keinen Pudel hinter dem Ofen hervor.

Goethes Jugendversion

Goethe hat sich jahrzehntelang am Faust-Stoff abgearbeitet. Stilistisch und inhaltlich. Am wissensdurstigen Menschen, der über sich hinauswachsen will. An Margarethe, der Kindsmörderin aus Verzweiflung und sozialem Druck. Am Teuflischen in Faust, in sich, in jedem von uns. Der Urfaust ist des Dichters Jugendversion, zu der er als Greis nicht mehr stehen wollte. Er hat dieses erste Manuskript vernichtet, doch nach seinem Tod wurde eine Abschrift gesichtet. Manche schätzen diese allererste Fassung, gerade weil sie ungeschliffener daherkommt als der über Jahre gereifte, ausgearbeitete Faust I.

Weshalb hat die junge Regisseurin Nora Schlocker gerade den Urfaust gewählt? Warum sollte uns dieser Urstoff jetzt und heute interessieren? Was ist ihr Fokus? Keine Ahnung. Ein zeitgenössischer Prolog über die heutigen Gretchen und Heinriche verpufft ohne Nachhall. Fausts Selbstmordversuch, der – gerade im Unterschied zu Faust I – im Urfaust nicht vorkommt, glückt ihm hier fast. Und auch die Idee vom Rollentausch zwischen Christus und Mephisto bleibt ein Witz unter vielen. Ohne stilistische Stringenz, ohne inhaltliche Kohärenz häufen sich Bilder, Symbole, Einfälle. Das Stück gerät zum Kreuz der Zuschauer: Es ist schwer zu ertragen.

Nichts will so recht zum anderen passen. Die einen machen auf Komödie – Nicola Mastroberardino spielt seinen Teufel mit Lust, Verve und viel Zunge. Die anderen auf zeitgenössisches Understatement – Max Rothbart spielt seinen Faust als abgelöschten Zyniker mit leeren Augen. Die Szenen changieren zwischen Gothic und Volksschwank, mit Chören, Kerzen und Harmonium-Klängen.

Gefühlsechtes Gretchen

In all dem Gefummel und Getummel bleibt eine Schauspielerin ganz bei sich: Lisa Stiegler ist eine Margarethe von solch spröder Unschuld, solch nüchterner Ernsthaftigkeit, dass es ihr gelingt zu berühren. Eine ehrliche Haut, zum ersten Mal verliebt: «Du lieber Gott, was so ein Mann; Nit alles, alles denken kann! Beschämt nur steh ich vor ihm da; Und sag zu allen Sachen ja.» Trotz des ihr auferlegten schrecklichen Frankfurter Dialekts, trotz ihrer Naivität wirkt Stieglers Gretchen nie lächerlich; weckt Mitgefühl nicht Spott.

Durch die Begegnung mit ihr wandelt sich auch Fausts vom Teufel angefachte Unterhaltungsgier in echte Zuneigung. Durch sie wird der Abgelöschte am Ende zu Empathie und Gefühlen befähigt. Derweil der anfänglich schöne Teufel nun mit Horrorclown-Fratze hinter der Bühne wie ein Vogel auf einer Stange kauert. Der vermeintliche Gewinner, in Wahrheit ein Verlierer. So tröstlich kann mans sehen; vielleicht war es ganz anders gemeint.

Weitere Spieldaten: www.theater-basel.ch