Theater Basel
Der Opernleutnant «Madama Butterfly» als Sextourist

«Madama Butterfly» aus Puccinis gleichnamiger Oper wird zum Objekt eines Sextouristen von heute. Das funktioniert als Prinzip gut – wenn man über eine Unstimmigkeit hinweg sieht.

Dominique Spirgi
Drucken
Teilen
Die im Stich gelassene Madama Butterfly (Talise Trevigne) findet bei Konsul Sharpless (Domen Križaj) keinen Trost.

Die im Stich gelassene Madama Butterfly (Talise Trevigne) findet bei Konsul Sharpless (Domen Križaj) keinen Trost.

Priska Ketterer

Mit der Oper ist es so eine Sache, mit der italienischen erst recht. Bei Giacomo Puccinis bekannter «Tragedia giapponese» mit dem Titel «Madama Butterfly» zum Beispiel muss man sich daran gewöhnen, dass ein US-amerikanischer Marineleutnant und seine blutjunge japanische Gespielin auf Italienisch singen.

Nun gut. Oper ist nun halt eine extreme Kunstform. Und dann gibt es da ja auch noch die Musik, die sich vortrefflich für die Umsetzung von Stimmungen und Gefühlen eignet.

Schmelz und Schmiss

Mit «Madama Butterfly» hat Puccini ein Meisterstück geschaffen: Sentimentalität und Schmelz verbinden sich mit hinreissenden musikalischen Zitaten aus fernöstlicher Musiktradition und amerikanischem Schmiss, der mit Versatzstücken der US-Nationalhymne immer wieder durchdringt.

Aber Puccini ist ein gemeiner Kerl. Die Hauptfigur Madama Butterfly ist eine blutjunge Geisha von 15 Jahren, die eine äusserst anspruchsvolle Gesangspartie meistern muss. Mit dem Engagement der amerikanischen Sopranistin Talise Trevigne hat die Basler Oper ein gutes Händchen gehabt, was das Gesangliche angeht. Ihre warm und stets ohne jegliche Anstrengung vorgetragenen Sehnsuchts-Arien berühren sehr.

Musikalisch sehr überzeugend

Überhaupt ist es eine Aufführung, die musikalisch durchs Band überzeugt. Mit Otar Jorjikia steht Trevigne in der Rolle des Marineleutnants Pinkerton ein Sänger gegenüber, dessen Tenor genau den nötigen Schmelz verinnerlicht. Auch die kleineren Partien sind vorzüglich besetzt.
Nicht zuletzt gebührt dem Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Antonello Allemandi höchstes Lob. Stets bleibt die Balance und das Zusammenspiel zwischen dem gross besetzten Orchester und den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne aufs Beste bewahrt.

Nun ist Oper aber auch Theater. Mit einem Regisseur, der Bilder und Szenen für die Geschichte finden muss, mit einem Bühnen- und einem Kostümbildner für die Ausstattung.

In «Madama Butterfly» böte sich nun die Gelegenheit, das Ganze in den exotischen Rahmen der Entstehungszeit der Oper um 1900 zu packen. Entsprechend geschminkt und in meterlange Stoffbahnen eingepackt, wird auch aus einer mehr oder weniger bejahrten westlichen Sängerin eine junge Geisha. Und die Marineuniform verwandelt jeden Tenor in ein stattliches Mannsbild.

In Basel wollte Regisseur Vasily Barkhatov davon nichts wissen. Er versetzt die Geschichte in ein panasiatisches Umfeld von heute. Das Exotische ist fast nur noch Staffage für den Sextouristen – hier in der Figur des Amerikaners Pinkerton, der zum lüsternen Geschäftsreisenden mutiert ist. Und Butterfly ist die junge Einheimische, die darauf hofft, sich über die Liebesbeziehung aus dem einschnürenden Korsett der übrig gebliebenen Traditionen zu befreien.

Aktualisierung mit einem Haken

Als Prinzip geht diese Aktualisierung des Stoffs bestens auf. Es ist erstaunlich, wie das über hundert Jahre alte Libretto zu diesem Setting passt: Westlicher Mann zieht sich auf seiner Asienreise eine exotische Gespielin rein, diese verliebt sich in ihn. Sie heiraten, er reist zurück in die USA, um sich «richtig» zu vermählen. Und sie, die inzwischen einen Sohn geboren hat, versauert in der trügerischen Hoffnung, dass der feige Lüstling doch noch zu ihr zurückkehrt.

Die Bühne von Zinovy Margolin setzt diese Aktualisierung trefflich um: Aus dem traditionellen japanischen Haus wird ein moderner Luxusbungalow mit pseudoexotischem Flair. Einer, der sich überdies als Video-Projektionsraum für die sehnsüchtigen Erinnerungen der Madame Butterfly eignet – ein wunderbarer Regieeinfall.

Das Setting ist aber in einem wesentlichen Punkt problematisch: In T-Shirt und engen Jeans eingekleidet verschwindet in der von der dunkelhäutigen Amerikanerin verkörperten Hauptfigur jegliche Vorstellung einer jungen japanischen Frau. Man sieht sich bildlich eher einer frustrierten amerikanischen Gattin gegenüber, die nach vielen Ehejahren von ihrem Gatten im Stich gelassen wurde. Ein exotisches, blutjunges Objekt der Begierde gibt sie nicht her.

Regisseur Barkhatov hat sich ganz offensichtlich dazu entschlossen, über diese Unstimmigkeit einfach hinweg zu sehen. Wir Zuschauerinnen und Zuschauer müssen dies nun ebenso tun, was einem bis zum Schluss nicht wirklich leicht fällt.

Weitere Vorstellungen Ab 6. April auf der Grossen Bühne des Theater Basel. www.theater-basel.ch