Erste Haarsträhnen haben sich grau verfärbt. Oli Bürgin ist mit dem Skaten alt geworden – das Leben auf dem Brett hat ihn jung gehalten. Ein paar jugendliche Skater erscheinen auf dem Margarethenhügel und besichtigen den fertiggestellten Skatepark.

Der 44-Jährige steigt aufs Board und braust zu ihnen rüber. Er fährt die Rampe hoch, klatscht mit den Jungs ab, die seine eigenen Kinder sein könnten. Der Papa der Basler Skatingszene organisiert acht Jahre nach den letzten Skate-Europameisterschaften wieder einen kontinentinternen Contest.

Oli Bürgin war «11 oder 12 Jahre alt», als ihm die Grossmutter zum Geburtstag sein erstes Skateboard schenkte. Bevor der Oberwiler das Brett für sich entdeckte, übte die Basler Skateszene in den 70er-Jahren auf dem Bruderholz Slalomfahrten und Handstände. Vom Hügelquartier verjagt, fanden die Skater vor dem Stadttheater einen neuen Treffpunkt. Weil hier Verbote nichts nützten, kieste die Stadt den Pyramidenplatz in den 90er-Jahren.

Bürgin hatte im eigenen Garten gelernt, das Brett zu beherrschen. Auf einer Minirampe aus Holz, die er als Teenager mit Kollegen gebaut hatte.

Drei Mal wurde Bürgin Europameister – 1996 gewann er im deutschen Münster, damals 23-jährig, als erster Schweizer den Skateboard-Weltmeistertitel. «Ich gehöre vielleicht zu den weltweit 20 besten Skateboardern», sagte Bürgin damals zum «Blick».

Der bescheidene Basler war nie stolz auf seinen WM-Titel, weil die besten US-Amerikaner in Münster nicht dabei gewesen waren. Sie hatten sich über Mängel in der Organisation beklagt und den Anlass boykottiert. «Als schliesslich der Organisator mit einem Lamborghini in die Halle fuhr, flippten die Amis aus», erzählte Oli Bürgin damals. «So etwas passt nun wirklich nicht in unsere Szene.»

Skateboard-Europameister Oli Bürgin im August 2015 in seinem Element, mit dem Brett an den Fersen. zvg

Skateboard-Europameister Oli Bürgin im August 2015 in seinem Element, mit dem Brett an den Fersen. zvg

Gegen den Kommerz

Zwei Stunden bleiben, bevor die Skater über die Kunschti St. Margarethen brettern. Bürgin hat sich trotz Vorbereitungsstress Zeit für ein Gespräch genommen. Zwischen den Worten bewegt er sich mal auf dem Brett, mal zu Fuss wie ein Ball in einem Flipperkasten von einer in die andere Ecke der Anlage.

Alle paar Meter hält ihn ein Helfer an, bittet um Anweisungen. Bürgin wirkt angespannt. Er sagt: «Es gab Momente, in welchen ich Druck verspürte. Jetzt wo alles steht, freue ich mich.»

Erst im Januar gebar die Idee, wieder einen europäischen Wettbewerb für Skateboarder nach Basel zu holen. Das stadteigene Standortmarketing ging mit einem lukrativen Angebot auf Bürgin zu. Er willigte ein, obwohl ihn die Kommerzialisierung des Skate-Sports stört.

Von 2001 bis 2010 hatte er die europäische Elite nach Basel geholt. «Lange war Basel Skate-Provinz. Die grossen Events waren immer in Zürich und Genf. Erst als wir hier zehn Jahre lang die Europameisterschaften organisierten, kamen die internationalen Skater und lernten die Stadt kennen und lieben», sagte Bürgin 2013 in einem Interview gegenüber der bz. Nach einer einjährigen Pause hätte Bürgin gerne wieder zur EM nach Basel eingeladen – doch es fehlte das Geld.

Keine EM mehr in Basel

Jetzt kommt die europäische Skate-Elite heim nach Basel. Nur finden nun keine European Skate Championships (ESC) mehr statt. Das C steht neu für Contest.

Daran widerspiegelt sich ein Wandel der Skating-Szene, der Bürgin missfällt: Als er begann, die EM auf dem Margarethenhügel zu organisieren, regulierte sich die Skateboard-Gemeinschaft noch selbst. Heute steht mit der World Skateboarding Federation ein internationaler Verband dahinter. Weil Bürgin keine Lust hatte, sich unterzuordnen, aber auch, weil die Zeit knapp war, ist der ESC in Basel in diesem Jahr keine offizielle Europameisterschaft mehr.

Die Institutionalisierung des Skate-Sports ist mitunter eine Folge der Kommerzialisierung, die bei Bürgin für gemischte Gefühle sorgt. Ab 2020 ist Skateboarden erstmals eine olympische Disziplin. «Ich war von Anfang an nicht euphorisch, wusste aber, dass es sowieso olympisch wird. Es wurde von oben bestimmt», sagt Bürgin. Für den Sport könne es viel Gutes bewirken, indem die Infrastruktur gefördert werde.

Ein Wegbegleiter von Bürgin war Benedikt Wyss. In der «First Love Expo» des Sportmuseums erzählte er 2013 die Geschichte der Basler Skateboard-Szene. Gegenüber der bz sagte er damals: «Anfangs 80er waren die Skater mehr die Aussenseiter, die Freaks, nicht die Coolen. Mit der neuen Skatebowl ‹Portland›, diesem neuen Leuchtturm der Szene, war es Zeit für eine Retrospektive. Mit diesem Highlight der Do-it-yourself-Kultur passierte etwas Stadtrelevantes. Skaten wurde zum Stadtgespräch wie schon lange nicht mehr. Die Skater wurden in der Klybeck-Zwischennutzung zum Vorzeige-Projekt, zu den Strebern unter all den Alternativen.»

Die Betonschüssel Portland am Rheinhafen hatte nach den EM-Jahren – wer wohl? – Oli Bürgin initiiert. Über ein Crowdfunding finanzierten die Skater ein Musterprojekt. Zeitgleich zu seinen sportlichen Erfolgen machte Bürgin das Skaten zu seinem Beruf.

Schon nach der Lehre als Chemielaborant hatte er begonnen, bei einer Schweizer Pionier-Rampenbaufirma zu arbeiten, die der Baselbieter Paul Heuberger gegründet hatte. Bis heute lebt Bürgin von der Skate-Szene, baut in ganz Europa Skaterparks, organisiert Events. «Der rote Faden in meinem Leben ist das Skaten.»

Ja, vielleicht seien die Skater heute die Streber unter den Alternativen, meint der Oberwiler. Er selbst hat mit seiner Leidenschaft die Sportart vorangetrieben und damit womöglich – ohne es zu wollen – mitgeholfen, dass sie bald olympisch ist.

In der «Basler Zeitung» sagte er einst, es sei wichtig, «dass man aus den gleichen Gründen skate wie früher – aus Spass daran, seine Umgebung anders zu erleben». Die Basler Skatelegende steht rund drei Mal wöchentlich auf ihrem Brett. Manchmal mache er es aus Routine, an anderen Tagen spüre er den Drang, zu skaten. «Aber weil Skaten auch mein Beruf ist, kriege ich den Kopf nicht immer frei», sagt er. Bürgin steigt aufs Brett und rollt auf den vier Hartgummirädern davon.