Novartis
Der Patient wird digital vermessen

Medizin und Forschung werden immer mehr digitalisiert. Die Technologie hat zum Teil überraschende Ursprünge. Ein Bericht über eine Tagung bei Novartis.

Stefan Schuppli
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Novartis
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Jonas Dorn, Digital Development Novartis, demonstriert das Gerät, welches Bewegungen digital analysiert.
...und das «sieht» der Computer, wenn jemand ein Selfie macht. die Daten sind aber aufschlussreicher als die Bilder.

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Keystone

Das Gerät auf dem TV-Bildschirm sieht einer gewöhnlichen Settop-Box ähnlich. Nur, dass es mit einer Linse bestückt ist. Spektakulär ist jedoch, was der nachgeschaltete Rechner mit den Daten machen kann: Er zeichnet digital die Bewegungen in drei Dimensionen auf. Damit lässt sich beispielsweise erkennen, wie sich der Zustand eines Patienten mit multipler Sklerose (MS) verändert. Und damit kann auch die Therapie entsprechend angepasst werden.

Exakte Analyse

Das Problem bisher war, dass die ärztliche Beurteilung des Patienten jeweils in so grossen Abständen erfolgte, dass die standardisierten Bewegungsmessungen nicht sehr aussagekräftig waren. Es liess sich mit dieser zusammen mit Microsoft entwickelten Methode auch nachweisen, dass Ärzte subjektiv urteilten. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Datenerfassung auch von paramedizinischem Personal vorgenommen werden kann. Dieses muss einfach die Gebrauchsanweisung befolgen.

Es war erst 2010, als Forscher, inspiriert durch Microsofts Spielkonsole Xbox, auf die Idee kamen, die «Bewegungsmelder» in Dienst der Diagnose und Analyse zu stellen, sagte Norman Putzki, Chef des Neurowissenschaftsprogramms bei Novartis an einer Tagung zum Potenzial neuer Technologien im Gesundheitswesen. In der Endausführung dürfte das Gerät auf Tablet-Grösse geschrumpft sein. Bis zur Serienreife und bis die amtlichen Bewilligungen vorliegen, wird es noch etwa zwei Jahre dauern. Weltweit gibt es 2,5 Millionen MS-Patienten.

Erst am Anfang der Entwicklung

Dieses Analysegerät ist eine der vielen Anwendungen, bei der die digitale auf die medizinische Welt trifft. Für sich alleine genommen sind die neuen Technologien erst kleine Schritte, aber Novartis-Chef Joe Jimenes ist überzeugt, dass «wir erst am Anfang der Entwicklung stehen. In den nächsten 10 Jahren kommt an Innovation mehr als in den vergangenen 50 Jahren», sagt er. Ein grosser Teil des Fortschritts werde sein, dass man die in der Gesundheitsbranche herrschende Verschwendung reduziere. Das sei ein absolutes Erfordernis, denn in den kommenden Jahren würden die Gesundheitskosten wegen der Alterung der Bevölkerung weltweit zunehmen. Die Gesundheitsbranche müsse viel mehr resultatsorientiert arbeiten. Es gebe oftmals keine zuverlässigen Daten, wie und ob die Medikamente wirklich wirken. Zweitens müsse man mit neuen Technologien die Produkte verbessern, die «über die Pille hinaus» gehen. Etwa durch die Entwicklung von Biomarkern, die für jede Medizin die richtige Patientengruppe finden.

«Fernüberwachte» Patienten

Oder die «Fernüberwachung» der Patienten, damit man weiss, ob sie ihre Medikamente auch genommen haben. Dazu kommen neue Preismodelle, die der Hersteller nach der Wirksamkeit des Präparats entlöhnt. Mit den Gesundheitsbehörden in den USA und in Kanada arbeitet Novartis bereits an solchen neuen Vergütungsmodellen.

In anderen Fällen erfolge die Diagnose und das therapeutische Eingreifen zu spät, sagt der Neurologe Putzki, wie etwa bei Alzheimer. So könnte es künftig sein, das man bei Alzheimer mit der Behandlung beginnen würde, bevor die Symptome manifest würden.

Und der Datenschutz?

Elena Bonfiglioli, Direktorin bei Microsoft Health Industry, meinte, es gehe um nichts anderes, als das Wartezimmer der Arztpraxis nach Hause in die Stube zu bringen. Das wäre nach der Verschiebung vom stationären zum ambulanten Bereich ein weiterer Schritt weg vom Spital. Virtuelle Praxen in Schweden würden schon heute eine Online-Ferndiagnose im Bereich Diabetes erlauben, sagte sie an der Veranstaltung. Speichern, teilen und analysieren von Gesundheitsdaten würden die Entwicklung von massgeschneiderten Therapien erlauben, gibt sie sich zuversichtlich. In Skandinavien scheint man in verschiedenen Gebieten ziemlich weit fortgeschritten zu sein.

Freilich stellt sich immer wieder die Frage des Datenschutzes, das war an der Veranstaltung nur am Rand ein Thema. Die neuen Technologien erfordern, besonders wenn sie interaktiv sind oder die Daten anderen behandelnden Fachleuten zur Verfügung gestellt werden, das Einverständnis der Patienten – diese müssen mitmachen.