Arnold Annen
Der Porzellan-Extremist sucht immer die Herausforderung

In Basel kennt ihn kaum einer, weltweit jedoch ist er berühmt als der «Porzellan-Extremist». Beim Arbeiten muss Arnold Annen manchmal den Atem anhalten. Ansonsten würden ihm seine hauchdünnen Objekte unter den Händen zerbrechen

Sarah Serafini
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Bei seiner Arbeit an den Porzellan-Schalen muss Arnold Annen hoch konzentriert arbeiten. Seine Schalen sind äusserst heikel.

Bei seiner Arbeit an den Porzellan-Schalen muss Arnold Annen hoch konzentriert arbeiten. Seine Schalen sind äusserst heikel.

Nicole Nars-Zimmer

Es ist kaum zu glauben, dass hinter den Mauern an der Klingelbergstrasse 5 ein weltbekannter Künstler wohnt. Die Fassade ist heruntergekommen, die Schaufenster zur Strasse hin verstaubt. Hier wohnt Arnold Annen mit seiner Lebenspartnerin Violette Fassbaender. In der Keramikszene nennt man Annen einen Extremisten, einen Revolutionär, ein Genie. Hier in Basel kennt ihn kaum jemand. Vielleicht ist das gerade der Grund, wieso Annen hier immer wieder zu neuen Schöpfungen kommt – abseits des Ruhms, in diesem alten Haus, das unter jedem Schritt knarrt und staubt.

Hier sitzt er gerne am Fenster vor seiner Töpferscheibe und arbeitet. Manchmal bleiben neugierige Passanten stehen und schauen ihm eine Weile zu. Wenn er aber ganz konzentriert ist, dann nimmt er das gar nicht mehr wahr, sieht nur noch sein Werk unter den Händen, hält die Luft an und hofft, dass das dünne Material nicht unter seinen Händen wegbricht. Denn das passiert schnell und oft.

Er macht es sich nicht einfach; für seine Arbeit hat sich der 61-Jährige ein Material ausgesucht, dass extrem empfindlich und mühsam zu bearbeiten ist sowie wahnsinnig viel Gefühl und Geduld braucht: Porzellan. Als er 1984 in Amsterdam seine Liebe zum Material entdeckt, gibt es noch kaum jemand, der mit Porzellan Kunst macht. Es sind Annens lange Jahre des traditionellen Handwerkes, die weiten Reisen und der unbändige Wille, die ihn an die Grenzen des Machbaren bringen. Er beginnt, mit dem Porzellan Objekte zu gestalten, welche die Welt aus diesem Material und in dieser Form noch nie gesehen hat. An der internationalen Porzellantriennale in Nyon gewinnt er 1992 den ersten Preis. Das ist der grosse Durchbruch. Seither stellt er seine Kunst auf der ganzen Welt aus und gewinnt regelmässig Preise.

Wie bei einem Neugeborenen

Annen fasst mit beiden Händen die untere Seite der Porzellan-Schale und stellt sie, langsam und sehr vorsichtig, auf seine Töpferscheibe. Er zentriert die Schale und bedient dann mit dem rechten Fuss das Pedal. Die linke Hand führt Annen ganz bedacht, als würde es sich um den Kopf eines Neugeborenen handeln, an den oberen Schüsselrand. In seiner Rechten hält er ein Sägeblatt, das er nun vorsichtig ans Porzellan führt. Weisser Staub fällt über seine Finger auf die drehende Scheibe. Schicht für Schicht arbeitet sich Annen durch das Material.

Jede zweit Schale zerbricht

Seine Partnerin Violette Fassbaender sitzt neben ihm auf einem niedrigen Hocker. Auch sie ist Keramikerin und arbeitet auf der anderen Seite des Raumes, mit Blick in den Garten. Kennengelernt hat sie ihren Mann in Japan, wo Annen drei Jahre lebte, um die japanische Keramik-Arbeitsweise zu lernen. Sie begegneten sich auf einer Cocktailparty. Ein Künstlerpaar, das sich hilft und versteht. Und doch – nach all den Jahren des Zusammenlebens und des Zusammenschaffens – liegt in Fassbaenders Blick immer noch Bewunderung, wenn sie ihrem Mann bei der Arbeit zusieht.

«Es sind die extremen Formen, das Lichtspiel, die Perfektion und die Reinheit des Materials, die Schönheit und das Schlichte, das mich fasziniert.» Annen gerät ins Schwärmen, wenn er erklärt, wieso er das Porzellan so liebt. «Wenn ich damit arbeite, muss ich tausend Dinge beachten.» So fährt er beispielsweise alle paar Monate nach Kandern, im Schwarzwald, um 120 Liter Wasser zu holen. Denn das Quellwasser enthält dort keinen Kalk, im Gegensatz zum Basler Wasser, das seinen Porzellan kaputtmacht. Das abgekochte Kanderwasser mischt er mit dem Porzellanpulver, bis eine flüssige Masse mit der richtigen Dichte entsteht. Diese giesst er dann in seine Formen hinein und lässt sie nur 120 Sekunden stehen. Am Rand erhärtet das Porzellan, den Rest giesst Annen wieder hinaus. So entsteht eine Schale, deren Wand hauchdünn, ja fast transparent ist. Jede zweite Schale zerbricht, bevor Annen sie fertigstellen kann.

Spielerisches perfektionieren

«Wenn ich wollte, könnte ich Lampen herstellen und teuer verkaufen und so mein Geld verdienen», sagt Annen. Kommerz interessiere ihn aber nicht: «Ich bin Künstler, möchte Einzelstücke herstellen, Exklusives erschaffen und immer wieder neue Formen finden.» Ideen dazu kommen ihm während seiner Arbeit. Nachdem er mit einem Gasbrenner eine Schale trocknete und diese wegen der Hitze zersprang, begann er zu versuchen, solche Material-Absprengungen nur an der Aussenseite der Schale vorzunehmen. Aus spielerischem Ausprobieren wurde zuletzt perfektionierte Kunst – die Absprengungen sind inzwischen eine von Annens Spezialitäten.

Annen sei seiner Zeit voraus, das sagen Kritiker, das sagt er selbst, während er auf seinem Schemel im Atelier sitzt. Warum, weiss er auch nicht so genau. «Wenn etwas zu einfach wird, interessiert es mich nicht mehr.» Er wendet sich wieder der Schale auf der Töpferscheibe zu. Mit dem Abdreheisen trägt er Material ab, bis die Schicht so dünn ist, dass das Licht durchscheint. Die Bezeichnung «Porzellan-Extremist» ist wahrlich keine Übertreibung.