Sperber-Jugendpreis

Der Preis geht an zwei alte Hasen der Parkour-Szene

Die Parkour-Cracks Kevin Fluri (links) und Chris Harmat posieren 2015 vor der malerischen Küste der griechischen Kykladeninsel Santorini.

Die Parkour-Cracks Kevin Fluri (links) und Chris Harmat posieren 2015 vor der malerischen Küste der griechischen Kykladeninsel Santorini.

Kevin Fluri und Chris Harmat prägten die internationale Szene des Parkour-Sports. Dafür wurden sie am Sonntag ausgezeichnet, obwohl beide Plan A verwerfen mussten.

Chris Harmat humpelt leicht. Unter seinen weiten Jogginghosen versteckt sich ein grosser Gips. Es ist nichts gebrochen, aber nach mehr als zehn Jahren Parkour-Sport hat sich der 26-jährige Basler entschieden, seine lädierten Knöchel operieren zu lassen. Rechts hat er schon hinter sich. Nun wurden Ende November auch im linken Knöchel kaputte Bänder geflickt und abgesplitterte Knochenpartikel entfernt.

Keine einfache Situation für einen «Hyperaktiven» – so bezeichnet sich Harmat selbst – könnte man meinen. Doch auch mit Krücken lässt sich Parkour betreiben, wie Harmat seinen 25'000 Followern auf Instagram zeigt. Am 2. Februar will er zum zweiten Mal bei der Deutschen TV-Show Ninja Warrior mitmachen. Dann ist der Gips zwei Wochen weg. «Das sollte klappen», sagt Harmat.

Kurz darauf trifft auch Kevin Fluri auf dem Theaterplatz ein. Die Begrüssung zwischen den beiden fällt herzlich aus. «Wir sehen uns nur noch ab und zu», sagt Fluri. «Ja, das liegt daran, dass du nicht mehr aus deinem Loch raus kommst», sagt Harmat und grinst. Am vergangenen Wochenende ist es fast wieder ein wenig wie früher. Freitag zum Interview, Samstag zum Training und am Sonntag zur Preisverleihung, wo Harmat und Fluri im Keller des Hotel Basel den Sperber-Jugendpreis, die Nachwuchsvariante des «Ehrespalebärglemer», entgegennehmen. Denn die beiden Basler Parkour-Cracks haben sich in der Szene weit über die Schweizer Grenzen hinaus einen Namen gemacht. Durch sie wurde Basel zur Schweizer Parkour-Hochburg.

Weltmeister und Pioniere

Früher gab es Harmat und Fluri nur im Doppelpack. Ihre gemeinsame Erfolgsgeschichte beginnt in der WBS Leonhard. Irgendwann fällt Fluri der Film Ghettogangz in die Hände. «Wir wollten das, was die Stuntmen im Film machen, auch können», sagt Fluri. So fing alles an. Über den Besuch von Workshops und tägliches Training werden Fluri und Harmat irgendwann besser als ihre Trainer.

2009 wird Harmat Weltmeister in Berlin in der Speedkategorie, Fluri 2011 in Kuwait in der Stylekategorie. Er ist es dann auch, der in Paris einen Sprung wagt, der weltweit Anerkennung bekommt: Den Man-power-Sprung. Dabei überspringen die Athleten eine sechs Meter breiten Abgrund und landen vier Meter weiter unten auf einem anderen Hochhausdach. Es ist die Feuertaufe für Parkour-Profis.

Nachdem Harmat der Sprung gelingt, überquert Fluri als erster Mensch überhaupt den Manpower-Gap mit einem Vorwärtssalto. Das war 2014. Zu diesem Zeitpunkt träumen beide Jungs, irgendwann vom Parkour leben zu können. Sie gründen den Verein World’s Parkour Family, leiten Trainings, haben konkrete Pläne für eine eigene Trainingshalle in Basel und werden dabei über ein Jahr von «SRF» begleitet, wo im letzten Jahr vierteilige Dokumentation «Absprung ins Leben» zu sehen war.

Küche statt Hollywood

Der Traumberuf von Harmat und Fluri ist Stuntman. Tatsächlich bekommen beide Aufträge in Werbevideos, doch in der Schweiz lassen sich im Stuntmanbusiness «nur kleine Brötchen backen». Auch die Reisen nach Los Angeles, wo einige ihrer -Kollegen in Hollywood als Stuntman ihren Lebensunterhalt verdienen, bringen nicht die gewünschten Jobs an Land. 2015 gehen Harmat und Fluri gemeinsam an die Parkour-WM nach Santorini. Dort werden die beiden Schweizer als «alte Hasen» gefeiert; für die vorderen Plätze reicht es dennoch nicht.

Nach der WM machen beide ihr eigenes Ding. Kevin Fluri ist der erste, der sich von Plan A verabschiedet. In Las Vegas heiratet er seine Freundin Debbie, die beiden ziehen zusammen und Fluri beginnt zu 100 Prozent als Koch zu arbeiten. «Früher hatten wir keine Augen für Frauen. Statt Ausgang ging es am Wochenende nach Wil in eine Parkour-Halle», sagt er. Solche Ausflüge haben heute Seltenheitswert. Auch die Wettbewerbe reizen den 27-Jährigen nicht mehr. Dieser Druck war nie mein Ding», sagt Fluri. Mittlerweile steht er statt vor lieber hinter der Kamera, fotografiert und filmt seine Kollegen.

Das ist bei Harmat anders. Er hat zwar auch gesehen, dass es schwierig ist, mit Parkour seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Vor allem wenn man nicht mehr bei Mama, sondern mit seiner Frau Adrienn einen eigenen Haushalt inklusive Hund führt. Aber Harmat ist hartnäckiger. Zwar hat auch er eine zweite Ausbildung als Fitnesstrainer angefangen, doch anders als Fluri geht Harmat weiterhin an Wettkämpfe und arbeitet immer noch als Parkour-Trainer. Ausserdem hat er eine Kleidermarke für die Szene gegründet. Sein Berufsziel ist immer noch Stuntman, doch zunächst muss der Gips weg und dann kommt Ninja Warrior.

Dem Gewinner winken 300'000 Euro. 2016 erreichte Harmat das Halbfinale. Sollte er 2017 tatsächlich der glückliche Sieger sein, könnte er zumindest für eine Weile von seiner Passion so richtig leben.

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