In Kriminalserien enttarnen sie Massenmörder, Serienbrandstifter und andere psychologisch angeschlagene Kriminelle: die Profiler des FBI. Psychologisch geschult, erkennen sie aus den kleinsten Details, wer wie tickt. In Basel erledigt dies ein Velomechaniker. Er muss offenbar einen Menschen bloss ein einziges Mal ansehen und weiss: Das ist ein Velodieb.

Hansheiri Jucker, der Velomechaniker vom Morgartenring – er hat letzte Woche einen Velodieb entlarvt, der ein Velo zu ihm in die Werkstatt brachte. «Bereits als der Mann den Laden betrat, hatten mein Mitarbeiter und ich das Gefühl, sein Velo passe überhaupt nicht zu ihm.»

Er hatte nämlich ein schönes, teures Velo dabei. Die Erscheinung des Mannes jedoch erweckte bei den beiden Mechanikern alles andere als den Eindruck, er könne sich das Gefährt auch leisten. Obwohl die beiden sehr misstrauisch waren, flickten sie das Velo des Mannes. Dann aber wollte Jucker es genau wissen. Er rief die Polizei an und gab den Beamten die Rahmennummer des Fahrrads durch. Und tatsächlich – das Velo war als gestohlen gemeldet.

Das lange Warten

Wie der Zufall es wollte, kam der dubiose Kunde genau in dem Moment in die Werkstatt zurück, in dem Jucker mit der Polizei telefonierte. Der Velomechaniker war zu jenem Zeitpunkt alleine. Niemand war vor Ort, der den Unbekannten hätte aufhalten können. Die Polizei beauftragte Jucker, den Mann abzulenken, sie komme in wenigen Minuten. Einfacher gesagt als getan. Unter dem Vorwand, noch etwas an den Bremsen des besagten Fahrrads einstellen zu müssen, konnte Jucker den Unbekannten noch etwas hinhalten. Doch die Zeit wollte kaum vergehen. Hansheiri Jucker begann zu bibbern. «Ich war froh, als dann noch zwei weitere Kunden kamen, die ich bedienen konnte», sagt er. Währenddessen wartete der Fremde noch immer auf seinen Edel-Göppel. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, kreuzte die Polizei auf. Der mutmassliche Velodieb konnte sich nicht ausweisen, wurde festgenommen und samt dem Fahrrad mitgenommen. «Der Mann wollte nicht zugeben, das Velo gestohlen zu haben», berichtet Jucker weiter. «Er behauptete, es gehöre seinem Kollegen.»

Erfahrung macht den Profiler

Es war nicht das erste Mal, dass Jucker dank seines Bauchgefühls einen Velodieb überführen konnte. In den letzten vier Jahren sei das bereits mehrere Male vorgekommen. «Einmal hatte ich einen Kunden, der einfach nicht mehr auftauchte. Der hat wohl gemerkt, dass etwas nicht stimmt.» Oder dass Jucker ihn entlarvt hatte. «In letzter Zeit bekommen wir sehr viele Anrufe von Kunden, denen das Velo gestohlen wurde», erzählt der Velomechaniker.

Es habe schon Tage gegeben, an denen ihm drei verschiedene Diebstähle gemeldet wurden. Seit Neustem würden sogar Velos aus Häusern und Einstellhallen gestohlen. «Viele Leute denken, dass wir Velohändler dadurch ein super Geschäft machen. Für uns sind die Diebstähle jedoch eher kontraproduktiv, denn aus Angst vor einer erneuten Entwendung wollen sich die Leute oftmals kein teures Velo mehr kaufen», sagt Jucker. Dann falle die Wahl oft auf ein «Schrottvelo», da die Kunden befürchten, dass ein besseres Fahrrad wieder geklaut würde. Diese Befürchtung scheint berechtigt zu sein, denn mehr als 40 000 Fahrräder werden jährlich in der Schweiz als gestohlen gemeldet, rund 2000 davon allein in Basel. Velodiebstahl ist und bleibt ein Dauerthema.