Ausstellung

Der Reiz des Banalen: Das Vitra Design Museum macht Alltägliches zu Kunst

Das Vitra Design Museum in Weil zeigt mit «Typologien» eine Studie zu wohlbekannten Alltagsdingen.

Gebannt sassen wir als Kinder vor dem Fernseher, wenn in der «Sendung mit der Maus» erklärt wurde, wie Würfelzucker gemacht werden oder Glasflaschen entstehen. Ein kleines Stück Selbstverständlichkeit unseres Alltags bekam plötzlich eine Geschichte, in der sich Rohmaterial in einen wohlbekannten Gegenstand verwandelte.

Ganz ähnlich ergeht es dem Publikum in der kleinen Ausstellung in der Vitra Design Museum Gallery. In einer Vitrine reiht sich eine Weinflasche aus grünem Glas an die andere. Sie stehen für zweitausend Jahre Entwicklung einer Form, die millionenfach im Umlauf ist und unseren Alltag prägt. Ein überaus erfolgreiches Design, aber vom Designer fehlt jede Spur.

Zwei Flaschentypen haben sich durchgesetzt

Die Rotweinflasche ist nicht das Werk eines oder einer Einzelnen, sondern das Ergebnis politischer und sozialer Umschichtungen: Als im späten 16. Jahrhundert der englische Adel erstarkt, steigt der Weinbedarf, und die Serienproduktion des seit der Antike bekannten Behälters kommt in Gang. Für den Transport an die Adelssitze sind die grünen Flaschen ideal – sie sind hygienisch und schützen vor Licht. Die Füllmenge eines Sechstels einer englischen Gallone ist bis heute gültig. Dass sich bis heute zwei französische Flaschentypen durchgesetzt haben, hängt einerseits mit den Weingegenden Bordeaux und Burgund zusammen und andererseits damit, dass ausgerechnet diese Flaschen patentrechtlich nicht geschützt wurden.

Die kurze Objekt- und Kulturgeschichte ist das Werk von vier Designern aus Frankreich, die sich unter dem Namen Collections Typologie der Erforschung anonymer Alltagsobjekte verschrieben haben. Mit kindlich anmutender Neugier beginnen sie ihre Studien mit einer Sammlung von Objekten eines bestimmten Typs. So trugen sie bisher neben Weinflaschen etwa Korkzapfen, Pétanque-Kugeln oder Transportkisten zusammen. Auf die Sammlung folgt die Recherche: Im Austausch mit Produzenten und Experten werden Geschichte und aktuelle Herstellungsbedingungen beleuchtet und im «Journal Typologie» publiziert.

Ihre Arbeit zu Obst- und Gemüsekisten zeigt auf eindringliche Weise, dass es hier nicht nur darum geht, den ästhetischen Wert banaler Objekte ins Rampenlicht zu stellen, oder um Detailfragen wie die nach der Herkunft der Rillen bei Pétanque-Kugeln zu beantworten. Sondern sie erhellt auch, welchen komplexen Bedingungen die Konstruktion einer simplen Orangenkiste unterworfen ist und wie schwer Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit durchzusetzen sind.

So erfährt man etwa, dass die ursprünglich aus Weidenkörben weiterentwickelte Obstkiste aus leichtem und billigen Pappelsperrholz weniger standardisiert ist, als es der weltumspannende Handel vermuten liesse: Da der Transport von Leergut teurer ist als die Neuproduktion, werden die Kisten mehr oder weniger lokal und in Varianten produziert. Das klingt an sich nicht unsympathisch, erschwert aber auch die Durchsetzung einer nachhaltigeren Produktion. Die Holzkisten wieder zu verwenden, wäre überdies auch deshalb problematisch, weil das mit Pestiziden behandelte Gemüse und Obst ins Holz eindringt und es quasi vergiftet.

Recycling ist damit viel teurer als die einmalige Verwendung und Neuproduktion, die beispielsweise bei einem französischen Kistenproduzenten 120 Bäume pro Tag verschlingt. Da erweist sich der viel geschmähte Kunststoff plötzlich wieder als Alternative. Der europäischen Pappelkiste droht das Aus allerdings von anderer Seite: Bambus wächst noch schneller und ist zudem stabiler und weitgehend wasserdicht.

Historische und formal-ästhetische Interessen

Guillaume Bloget, Raphaël Deaufresne, Thélonious Goupil und Guillaume Jandin von Collections Typologie haben die Erforschung autorloser Alltagsobjekte nicht erfunden. Henry Petroski ging ähnlichen Fragen bereits in den Neunzigerjahren nach, und das Vitra Design Museum selbst wandte sich vor einem Jahrzehnt mit der Ausstellung «Heimliche Helden» dem Thema zu.

Die Besonderheit der aktuellen Schau liegt in der Verknüpfung von historischen und formal-ästhetischen Interessen: Ausgangspunkt bildet dabei der ästhetische Wert scheinbar banaler Objekte, die aus dem Alltagszusammenhang isoliert und wie eine Schmetterlingssammlung in Reih und Glied präsentiert werden. Damit gelingt Collections Typologie besser als anderen, überhaupt erst das Interesse auf solche Objekte zu lenken und Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.

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