Als der Fotograf Andreas Gerth vor 20 Jahren von St. Gallen nach Basel zog, fiel ihm auf, dass es keine schöne Postkarten von der Stadt gab und er beschloss, welche auf den Markt zu bringen. «Das hat sofort eingeschlagen», erinnert er sich.

Seine Karten bewegen sich im Hochpreissegment und kosten, je nachdem, wo man sie kauft, zwischen 2 und 2.30 Franken. Die bisher meist verkaufte ist die abgebildete Karte vom Roche Turm. «Sie ist aktuell und hat etwas, das die Leute anspricht», sagt Gerth. Auf dem Markt ist sie bereits seit gut einem Jahr und jetzt vergriffen – im August wird sie nachgedruckt.

«Ich bin wegen dem Sujet schon von Kunden angesprochen worden, als der Turm noch im Bau war», erinnert sich Gerth. Als er fertig war, stellte sich die Frage nach dem Standort für das Foto. «Ich habe lange gesucht», berichtet er. Fündig geworden ist er schliesslich im Breite-Quartier. Die Aufnahme zeigt das Rheinbad Breite, einen Teil der Grossbasler Promenade, den Rhein und den Roche-Turm (siehe oben). «Im Hintergrund ist das Münster zu sehen», präzisiert der Fotograf – dafür muss man allerdings sehr genau hinschauen.

Gerth ist überzeugt, dass die Beschränkung auf das Turm-Sujet als Karte nicht funktioniert hätte. Zu wenig Basel sei das. Er spricht aus Erfahrung, denn seine sehr schöne Karte vom Messeturm hat sich derart schlecht verkauft, dass er sie aus dem Sortiment genommen hat.

Ähnlich ist das mit dem von Touristen und Besuchern viel fotografierten imposanten Durchgang unter der neuen Messehalle 1 von Herzog & de Meuron. «Erst kürzlich hatte ich eine Gruppe aus Paris zu Besuch bei der Messe. Sie haben danach alle Selfies unter der Halle 1 gemacht», sagt Frédéric Pothier, Vizedirektor von Basel Tourismus.

Spannend zum Fotografieren

«Die Messe ist spannend zum Fotografieren», urteilt Gerth. Seine schöne Karte davon (siehe unten) aber hat sich nicht verkauft. Zum Glück für ihn gibt es die Aufnahme vom Roche-Turm.

Am Messeturm heisst diese Karte. Der Durchgang unter der Halle 1 von Herzog & de Meuron wird zwar viel fotografiert, aber als Postkarte nur wenig gekauft.

Am Messeturm heisst diese Karte. Der Durchgang unter der Halle 1 von Herzog & de Meuron wird zwar viel fotografiert, aber als Postkarte nur wenig gekauft.

Vier Mal hat er das Foto auch in unterschiedlicher Grösse auf Karten mit Collagen eingesetzt, die aus drei, vier, neun oder 13 Fotos bestehen – bei letzterem steht der Turm als zentrales und grösstes Bild in der Mitte.

Gerth hat das Foto auch an Schweiz Tourismus und an Basel Tourismus verkauft. Beide wollten allerdings für Wasser und Himmel ein grüneres Blau, weil dies ihrem Aussenauftritt entspricht. Ausserdem wird es in dem Kalender «Light of Switzerland» zu sehen sein.

Davon, selber Kalender zu produzieren, hat Gerth immer die Finger gelassen. Das sei finanziell zu risikoreich. Er beschränkt sich auf das Fotografieren und das Verlegen der Postkarten. Vor einem Monat allerdings ist ein neues Produkt dazu gekommen: Neuerdings bietet er zehn verschiedene Fotomagneten mit Sujets aus Basel an – darunter auch das Foto vom Roche-Turm. Nach einem ersten nicht erfolgreichen Versuch hat sich Gerth auch hier für eine hochwertige Produktion entschieden. «Die Leute haben darauf gewartet. Ein Kunde hat nach einer Woche schon nachbestellt», erzählt der Fotograf.

Generell laufen Magnete auch bei Basel Tourismus gut. «Das nehmen die Leute gerne mit», sagt Frédéric Pothier. Der Erfolg der Karte vom Roche-Turm überrascht ihn nicht. «Wer reist, findet hohe Gebäude spannend. Mit 178 Metern ist er eher ein bescheidener Wolkenkratzer, aber doch das höchste Gebäude der Schweiz.»

Er fährt fort: «Türme faszinieren.» Die Touristen seien neben dem Roche-Turm auch an der Bar Rouge im Messeturm, dem Münster, der Elisabethenkirche oder dem Wasserturm auf dem Bruderholz interessiert.

Seit 100 Jahren im Geschäft

Der Zürcher Verlag Photoglob, der seit über 100 Jahren im Geschäft mit Postkarten und Landkarten aktiv ist, hatte den Roche-Turm bisher nicht in seinem Programm. «Das war nicht etwas, wo jeder sagt, das muss ich unbedingt haben. Es war nicht wesentlich», urteilt Geschäftsführer Gion Schneller. Zudem stelle sich auch die Frage, ob man nicht Werbung für Roche mache.

Die anfänglichen Zweifel haben sich gelegt: Zwei Karten mit dem Roche-Sujet sind in Produktion und sollen in zwei Wochen auf den Markt kommen, berichtet Schneller. «Wir sind in Basel recht gut vertreten, da unser Fotograf Jan Geerk dort wohnt.» Die beiden Fotos stammen von ihm; der Turm ist aber nicht so deutlich zu sehen wie auf dem obigen Foto.

Gerth glaubt nicht, dass die Zürcher Karten ihm Konkurrenz machen werden. «Photoglob und ich haben unterschiedliche Kunden», urteilt er. Tatsächlich sind die Karten aus Zürich, die in der Regel 1,20 Franken kosten und auch in Kiosken verkauft werden, erheblich günstiger und weniger aufwendig produziert als die von Gerth.

Postkarten - Totgesagt, aber immer noch sehr lebendig

«Unter den Einheimischen gibt es Personen, die sammeln meine Postkarten und kleben sie ein. Bei jeder neuen Serie steigen die Verkäufe anfangs stark an. Die Leute warten darauf», sagt Andreas Gerth. Mit seinem kleinen Verlag beliefert er in Basel vor allem im Zentrum 15 Verkaufsstände – vertreten ist er auch in den Buchhandlungen Bider & Tanner und Orell Füssli. Bei letzterer auf der Passerelle und in der Freien Strasse.

Da Gerth nur einmal im Jahr im August drucken lässt, muss er dann entscheiden, welche Sujets er neu auf den Markt bringen will. Diesmal denkt er an die Weihnachtsfähre bei der Kaserne, die Herbstmesse mit dem erleuchteten Riesenrad oder den Rhein mit dem noch nicht eingerüsteten Münster.

Rheinbord war Erfolg

«Ob ich was zum Elsässer Rheinweg mache, muss ich mir noch überlegen.» Neben der Uferpromenade vom St. Johann zur Dreiländerbrücke zwischen Huningue und Weil ist auch das Kleinbasler Rheinbord unter seinen Projekten. «Vor 20 Jahren habe ich die Karte gemacht und sie ist sehr gut gelaufen. Aber es muss mit dem Licht stimmen und es dürfen nicht zu viele Leute drauf sein», erklärt er.

Gerth glaubt an die Zukunft der Postkarte: «Sie wird immer totgesagt, aber das stimmt nicht.» Allerdings sei Basel keine grosse Touristenstadt. «Ich sehe das im Vergleich mit Freiburg im Breisgau, wo ich einen Fotografen kenne. Dort läuft mit den ganzen Touristen aus dem Schwarzwald x Mal mehr.»

Wie Gerth bemüht sich auch der weitaus grössere Zürcher Verlag Photoglob um Vielfalt. So gibt es neben den klassischen Sujets wie Münster, Fähren oder Altstadt auch das Joggeli, das Unispital oder das Tinguely-Museum als Postkarte. Ausserdem bietet Photoglob am Kiosk ein günstiges, schönes 64-seitiges Fotoalbum von Basel an, das einen breiten Überblick über die Stadt, ihre Bauwerke und Veranstaltungen wie das Tattoo, die Fasnacht, den Weihnachtsmarkt und die Herbstmesse gibt.

Da das Heft 2014 produziert wurde, fehlt auf dem Blick vom Riesenrad in Richtung Wettsteinbrücke der Roche-Turm. Weil die Produktion teuer ist, wird es dauern, den kleinen Schönheitsfehler zu korrigieren.

Ohne Turm ist auch eine Panorama-Karte mit ähnlichem Blickwinkel des kleinen deutschen Verlags Phönix Panorama. Das Fotografenpaar Jutta Schneider und Michael Will hat früher in Grenzach-Wyhlen gewohnt und bezeichnet sich selbst «als begeistert von der Stadt Basel.» Neben 42 Panoramakarten haben sie sechs Supersize-Panoramakarten produziert, die man aufschlagen kann und die statt 23 Zentimetern 40 Zentimeter breit sind.

«Wir machen in erster Linie, was uns gefällt und weniger, was kommerziell nötig wäre», schreiben die Fotografen der bz. Deshalb hätten sie letztes Jahr neu Schwarzweiss-Karten angeboten, die seien allerdings «schwer an die Leute zu bringen».

Für Photoglob-Geschäftsführer Gion Schneller sind die Postkarten «ein schwieriger Markt». Er verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass er auf der Passerelle im Basler Bahnhof SBB ausserhalb der Läden keine Ständer aufstellen darf, angeblich aus Sicherheitsgründen.

Anpassung an Jahreszeiten

Bei Veränderungen im Stadtbild müssen die Kartenproduzenten reagieren. So ist für Andreas Gerth klar, dass er die Karte vom Roche-Turm neu machen muss, wenn der zweite Turm fertig ist. Das jeweilige Angebot hat auch mit der Jahreszeit zu tun. Bei Basel Tourismus wählt eine kleine Kommission von drei Personen regelmässig die Karten aus. Michelangelo Faralli gehört dazu und sagt: «Wenn Herbstmesse, Weihnachtsmarkt oder Fasnacht ist, sorgen wir dafür, die entsprechenden Karten im Angebot zu haben.»