Ägypten

Der Schattenmann aus Zürich, der den Nahen Osten mit Waffen belieferte

(Symbolbild)

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Wie der vom Bund protegierte Unternehmer Hassan Sayed Kamil die Schweiz als diskreten Umschlagplatz für die Aufrüstung Ägyptens benutzte.

Im Laufe des Basler Prozesses und der Aufdeckung der ägyptischen Rüstungspläne geriet zunehmend der Zürcher Unternehmer Hassan Sayed Kamil ins Rampenlicht. Mit seiner Maschinen-, Turbinen- und Pumpenfabrik MTP AG wurde er ab 1960 zum Verbindungsmann zwischen Ägyptens Diktator Gamal Abdel Nasser und deutschen Firmen und Experten, die Maschinenteile und Know-how nach Ägypten bringen sollten. Über Jahre gelang dem ETH-diplomierten Maschineningenieur, die neutrale Schweiz als diskreten Umschlagplatz für die Aufrüstung des mächtigsten Staates im Nahen Osten zu benutzen.

Der Sohn eines Ägypters und einer Schweizerin, geboren im bernischen Langenthal, war in erster Linie ein tüchtiger Geschäftsmann und hatte keinerlei Berührungsängste, mit hochrangigen Ex-Nazis zusammenzuarbeiten. So setzte er den ehemaligen SS-Standartenführer und Flugzeuginstrukteur Ferdinand Brandner als Geschäftsführer seiner MTP AG ein. Mit dem Export von Maschinenteilen und der Stellenvermittlung tat er jedoch nichts Illegales.

Erst der Basler Spionagefall machte diese Geschäfte publik – nicht ohne Folgen. Neben öffentlichen Protesten bekamen auch zwei MTP-Mitarbeiter Skrupel, für Kamil zu arbeiten. Sie begannen, heimlich Akten ihres Chefs zu kopieren und verkauften die Informationen an den israelischen Geheimdienst. Nach einer Anklage Kamils standen sie im Mai 1964 wegen Verletzung von Geschäfts- und Fabrikationsgeheimnissen vor dem Zürcher Bezirksgericht. Die beiden wurden schuldig gesprochen, doch die öffentliche Aufmerksamkeit richtete sich nun gegen den Ägypter an der Limmat.

Am 18. Juni 1964, wenige Wochen nach dem Urteil gegen die beiden Mitarbeiter, schlossen sich 317 Professoren von mehreren Schweizer Universitäten zusammen und forderten in einem ganzseitigen Inserat der «Neuen Zürcher Zeitung» ein Ende der Schweizer Rüstungshilfe an Ägypten. Das Inserat appellierte an die Moral: «Es genügt nicht, dass wir lediglich das rechtlich Verbotene nicht tun.»

Der Zürcher Kantons- und Nationalrat Werner Schmid vom Landesring der Unabhängigen (LdU) bemühte sich mit Vorstössen vergeblich um eine Ausweisung Kamils. Sollten dessen Geschäfte die innere oder äussere Sicherheit der Schweiz gefährden, wäre dies möglich gewesen. Dennoch sah sich Kamil durch den öffentlichen Druck gezwungen, seine Position darzulegen, und berief am 9. Juli 1964 eine Medienkonferenz im Zürcher Kongresshaus ein und beteuerte, die Schweizer Behörden hätten ihm eine Unbedenklichkeitserklärung erteilt. Dies war nicht falsch, wie sich nun nach Öffnung der entsprechenden Akten im Bundesarchiv erwiesen hat.

Der Segen aus Bern

Die vornehme Zurückhaltung des Bundesrats und das Ausbleiben der geforderten Ausweisung Kamils hatten handfeste wirtschaftliche Gründe: Nasser hatte nach seiner Machtübernahme 1956 Industrieunternehmen, Banken sowie Import- und Exportfirmen nach und nach verstaatlicht, auch solche in ausländischem Besitz. Davon betroffen waren auch einige Schweizer Firmen wie die Zementfabrik des Industriellen und FDP-Nationalrats Max Schmidheiny.

Der Bundesrat und die betroffenen Firmen forderten Entschädigung. Seit April 1962 liefen Verhandlungen mit der Regierung Nasser. Die Gespräche endeten nach mehreren Unterbrüchen am 20. Juli 1964. Die Schweiz erhielt von Ägypten die Zusage für Entschädigungen im Umfang von 40 Millionen Franken. Eine Ratifizierung durch das ägyptische Parlament stand noch aus. Eine Vermittlung durch Kamil ist nicht auszuschliessen: Er kannte Ägypten und die Schweiz, sprach perfekt beide Sprachen, war eng vernetzt in der gesamten Maschinen- und Motorenindustrie – und war gut befreundet mit Nasser.

Diese Umstände wären jedenfalls eine plausible Erklärung für den schonenden Umgang der Behörden mit Kamil. Laut einem vertraulichen Protokoll sagte ein Vertreter des Aussenministeriums im August tatsächlich: «Wenn wir Kamil ohne seriöse Gründe ausweisen, so müssen wir mit ägyptischen Repressalien rechnen.» Es gelte, die Ratifizierung abzuwarten. Offenbar wollte der Bundesrat das Abkommen mit Ägypten nicht durch eine ablehnende Haltung gegenüber Kamil gefährden. Das Abkommen wurde im November 1964 durchgewinkt. Wenige Monate später löste Kamil seine Firma auf. Nasser hatte sich für eine sowjetische Aufrüstungshilfe entschieden. Zur Ausweisung Kamils kam es nie.

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