Schande von Basel
Der schmachvolle Anfang eines langen Weges

Am Freitag jähren sich die heftigsten Ausschreitungen im Schweizer Sport zum zehnten Mal. Wie es dazu kommen konnte und was sich seither verändert hat.

Benjamin Rosch
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Der geschichtsträchtige 13. Mai 2006
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Das Tor, das den Baslern die Meisterschaft kostete.
Die FCZ-Spieler Iulian Filipescu und Alhassane Keita werden angegriffen.
Die Spieler verlassen nach dem Schlusspfiff fluchtartig das Spielfeld.
Cesar Andres Carignano und Ivan Ergic verlassen nachdenklich den Platz.
Unter der Kontrolle der Polizei feiern Zürcher Fans auf dem Spielfeld den Meistertitel des FCZ
Die Polizei versuchte den Rasen zu sperren und die beiden Fan-Gruppierungen auseinander zu halten.
Ein von Tränengas und Gummischrott getroffener FCB-Anhänger liegt am Boden
Ein FCB-Fan rennt davon, nachdem er von der Polizei eine Ladung Tränengas ins Gesicht bekommen hatte.
Die heftigen Krawalle gingen rund ums Stadion weiter.
Nur eine der Strafmassnahmen: Für mehrere Heimspiele blieb die Muttenzerkurve gesperrt

Der geschichtsträchtige 13. Mai 2006

Keystone

Der 13. Mai 2006 ist eine Zäsur in der jüngeren Geschichte Basels. Kaum jemand, der zu diesem Tag keine Meinung hat, kaum jemand aber, der gerne über diesen Tag spricht. Den Umgang mit dem Spannungsfeld Muttenzerkurve begreift nur, wer den 13. Mai kennt. Seine Ursachen, seine Folgen.

Die Stimmung ist schlecht. Fans und Club verstehen sich nicht. Die Fans sind idealistisch, befürchten den Ausverkauf, haben Angst vor den Folgen des Erfolgs. Gigi Oeri amtet seit vier Tagen als Präsidentin, sie hat wenig Einblick in die Fanseele, obwohl sie eigenen Angaben zufolge viele Gespräche führt. Fans und Behörden verstehen sich nicht. Für die Euro 08 soll ein Hooligan-Konkordat geschaffen werden, die Fans sammeln Unterschriften für ein Referendum. Die Meisterschaft nähert sich derweil dem Ende, steigert sich in eine Finalissima, in der jeder Einwurf saisonentscheidend sein kann. Im Vorfeld finden Gespräche statt zwischen Behörden und FC Basel. Die Fans bleiben aussen vor.

Dann der Knall

Noch am gleichen Abend gehen die Diskussionen los – innerhalb der jeweiligen Parteien. Fans treffen sich mit Fans. Polizisten werden debrieft. Im Stadion treffen sich Verantwortliche des FC Basel, Spieler und Mitarbeiter, die gemeinsam das Geschehen einzuordnen versuchen. Nach dem Spiel äussert sich Trainer Christian Gross positiv zur Unterstützung der Fans, ohne zu wissen, dass gleichzeitig ausserhalb des Stadions die Luft vom Tränengas geschwängert ist und eigentliche Strassenkämpfe toben. Josef Zindel, damals Pressesprecher, erkennt sehr früh die Dimension der Ereignisse und berät die Verantwortlichen in ihrer Kommunikation. Oeri äussert sich erst nicht, unter anderem im «Blick» bricht sich ihr Zorn Bahn: «Von Fans kann hier nicht mehr gesprochen werden, das sind Hooligans, solche Personen wollen wir nicht mehr bei uns haben.» Auch ein Bundesrat zeigt sich bestürzt.

Anlässlich einer Sitzung von Stadion-Sicherheit, Polizei und FCB wird am frühen Sonntagmorgen entschieden, dass seitens des FCB das damalige Vorstandsmitglied Bernhard Heusler die Position des Klubs an der auf Nachmittag angesetzten Pressekonferenz vertreten sollte. Bis zu jenem Zeitpunkt war dieser nur eigentlichen FCB-Kennern, Insidern und den Mitgliedern des Vereins, welche ihn zwei Jahre vorher in den Vorstand wählten, ein Begriff. Durch das nationale Interesse an der «Schande von Basel», die mediale Berichterstattung sowie die aufwändige Aufarbeitung der Ereignisse, für die Heusler sehr bald die Verantwortung übernahm, sollte sich dies in den Folgemonaten ändern. Noch im selben Jahr wird er zum Vizepräsidenten ernannt.

Es folgen Schuldzuweisungen

Schuld ist die Polizei, die sich nicht genügend vorbereitet hat. Schuld ist der FCB, der keinen Zaun vor der Kurve wollte. Schuld ist die Fanarbeit, die Gewalttäter decken soll. Schuld sind die Medien, die im Vorfeld gehetzt haben. Der FCB beschäftigt kurzfristig eine junge Frau, die die rund 3000 Mails beantworten soll. «Wer seinen Absender hinterliess, bekam auch Antwort», sagt Zindel. Sicherheitsdirektor Hanspeter Gass drängt auf Massnahmen, ein Katalog wird erstellt, das Referendum ist definitiv vom Tisch. Die Gespräche finden ohne die Fanarbeit statt, diese reagiert ungehalten. Geredet wird hingegen in der Aula der Uni Basel. Fans und Fanprojekt gehen mit Soziologie-Professor Ueli Mäder dem Mysterium Muttenzerkurve nach. Eine andere Zeit, wenngleich nicht so lange her. Aus dem Publikum erhebt sich irgendwann auch ein junger Mann in violettem T-Shirt und sagt: «Der 12. Mann des FCB hat eine rote Karte gekriegt, aber wir brauchen ihn dringend.» Es ist FCB-Captain Ivan Ergic.

Währenddessen Geisterspiele. Die Kurve muss noch drei weitere Male draussen bleiben. Inzwischen sind Monate nach dem Friedensbruch ins Land gezogen. Die Fans treffen sich vor verschlossenen Türen. In dieser Zeit geht Heusler auf die Fans zu. Während national die Stunde für die harten Worte von Karin Keller-Sutter schlägt, schafft er nach und nach die Basis für Gespräche zwischen allen Parteien. Es nähert sich die Geburtsstunde für den Basler Weg, für die es gemäss dem damaligen Fanarbeiter Thomas Gander aber «keinen Tag X» gibt. Gerold Dünki ist Sicherheitschef beim FCB, ein Fan ist eng in die Diskussionen involviert. Und Heusler. Alle wollen Szenen wie am 13. Mai verhindern. Durch Dialog, Deeskalation und Durchgreifen.

Manchen kommt letzter Teil zu kurz, ein Kuschelkurs ist der Basler Weg aber nicht: Kein Club investiert so viel in die Repression wie der FCB, «praktisch alle aktuellen Stadionverbote, welche Basler Fans wegen des Abbrennens von Feuerwerk absitzen, wurden in Basel ausgesprochen», heisst es im Befreyigsschlag, in dem sich die Muttenzerkurve einmalig schriftlich erklärt. Zindel sagt: «Stadionverbote, Überwachung und andere Sanktionen sind neben Integrations- und Präventionsbemühungen auch Teil der Strategie.» Der Dialog ist zentrales Element. Beispielsweise mit dem Projekt 2. Chance: Leistet sich ein Matchbesucher ein Vergehen, bei welchem nicht zwingend die Verletzung von Personen in Kauf genommen wird, wird er lange angehört. Und unter Umständen darf er weiter an die Spiele des FC Basel, muss sich aber vor und nach dem Match bei den Sicherheitskräften melden. «Man hat angefangen, sich gegenseitig ernst zu nehmen», sagt Zindel.

Inzwischen will kaum jemand mehr Steine in den Basler Weg legen. Auch Sicherheitsdirektor Baschi Dürr nicht. Im April hatte es nach langer Zeit wieder einmal geknallt, wieder bei einem Spiel gegen den FC Zürich, diesmal gegen die Polizei. Dürr sagte an der anschliessenden Pressekonferenz, dass man nun «das Kind nicht mit dem Bade ausschütten» wolle, und berief sich auf eine «gute Gesprächskultur». Der 13. Mai 2006 ist eine Zäsur in der jüngeren Geschichte Basels.

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