Es ist ziemlich genau ein Jahr her, da wusste Lorenz Nägelin noch nicht, dass er schon bald seine Regierungsambitionen begraben würde. In Interviews positionierte er sich als gemässigten SVPler, ging sogar auf Distanz zu seinem Ja bei der Masseneinwanderungsinitiative. «Ich habe mit der Mehrheit gestimmt», umschrieb er das in einem Gespräch mit der «Tageswoche». Seine Rolle war klar: Die ideologischen Gräben gegenüber den Bündnispartnern CVP, LDP und FDP klein zu reden, denn mit dem Zusammenschluss von Mitte bis rechts sollte der Einzug in die Exekutive gelingen. Die SVP machte Gemeinsamkeiten in der Finanzpolitik geltend, in der sie sich profilieren wollte.

Inzwischen hat Nägelin eine andere Rolle. Er ist der Präsident der SVP. Und diese Partei scheint sich wieder auf ihr ursprüngliches Terrain zu besinnen: Ausländer. Wer die rund 40 in diesem Jahr eingereichten Vorstösse durchliest, dem fällt auf, dass die Ausländerpolitik wieder stärker im Fokus steht. Die jüngeren Vorstösse drehen sich um Hassprediger («verfehlte Asylintegration»), Asylgesuche («Willkommenskultur») und auch bei auf den ersten Blick artfremderen Themen wie der Gesundheitspolitik stehen Ausländer im Zentrum. So will Vize-Präsident Eduard Rutschmann wissen, wie hoch der Ausländeranteil der Walk-In Klinik in der UPK sei und ob dort auch «Bleiberecht-Abklärungen für Asylanten» vorgenommen würden. Ihm zufolge sind die steigenden Gesundheitskosten stark mit der Migration verbunden: «Wirtschaftsflüchtlinge spielen ein Trauma vor, um hierzubleiben und unsere Kosten steigen.»

Der aktuelle Stil fällt auf

Für Rutschmann ist die SVP nicht rechter als vor einem Jahr, sondern «realistischer». Dass diese Themen bewegen, «das zeigt Europa». Ohnehin fallen im Gespräch mit Parteiexponenten bald einmal die Namen AfD und FPÖ. Sowohl Rutschmann als auch Fraktionschef Andreas Ungricht beziehen sich auf die Parteien, die in Deutschland und Österreich viel Aufmerksamkeit mit stramm rechter Ausrichtung erzielen. Für Ungricht ist die Alternative für Deutschland kein Vorbild, «wir schauen auf uns, beobachten aber die AfD.» Er vergleicht die Rechtsaussen-Partei mit der SVP vor einigen Jahren, die «provozieren» müsse. Um dann gleich nachzuschieben: «Auch die SVP muss aufpassen, nicht zu brav zu werden.» Eine Einladung von der AfD habe er unlängst ausgeschlagen.

Den anderen Parteichefs ist der aktuelle Kurs der SVP aufgefallen, wie Luca Urgese (FDP), Pascal Pfister (SP), Patricia von Falkenstein (LDP) und Balz Herter (CVP) bestätigen. «Es ist nicht von der Hand zu weisen», sagt etwa Herter, «dass der Stil der AfD salonfähiger geworden ist. Das widerstrebt mir und ist nicht meine Art der Politik.» «Damit ist die SVP auf dem Holzweg» pflichtet Pfister bei. Von Falkenstein vermutet, dass sich die Rechtspartei nach dem Schulterschluss wieder stärker abgrenzen wolle. «Wir sind ja auch nicht zusammen eine Partei», sagt Urgese.

Nägelin: «Zufall»

Nägelin hingegen wiegelt ab. Die Häufung von Vorstössen, die sich mit der Ausländerthematik befassen, sei zu einem gewissen Stück auch «Zufall». Dass man sich an der AfD und anderen Rechtspopulisten orientiere, «aus der Luft gegriffen». Allerdings sagt auch er: «Die SVP ist präsenter als vor einem Jahr und hat einen breiteren Themenfächer, was damit zu tun hat, dass neue Köpfe im Parlament sitzen.» Zudem lege er als Präsident Wert auf eine «offensivere Kommunikation», mit mehr Medienmitteilungen, welche die Vorstösse aus der Fraktion begleiten.