Kinobuch

Der Schöne im Biest: Historischer Saal 1 im Küchlin

Der älteste und grösste Theatersaal Basels, der historische Saal 1 des Pathé Küchlin, aufgenommen von Filmbuch-Photograph Oliver Lang.

Der älteste und grösste Theatersaal Basels, der historische Saal 1 des Pathé Küchlin, aufgenommen von Filmbuch-Photograph Oliver Lang.

«Rex, Roxy, Royal» stellt die 111 schönsten Kinos der Schweiz vor – als Vorabdruck hier der Küchlin-Text

In der Lobby des New Yorker Vier-Sterne-Hotels Meridien Parker hängt ein roter Samtvorhang. Wer durch ihn hindurchgeht, findet sich in einem Burger-Schuppen wieder. Als dieser dem Hotel hätte weichen sollen, protestierten dermassen viele Kunden, dass schliesslich das grosse Hotel rund um die kleine Burgerbude herum gebaut werden musste. Fans sprechen heute vom «David-Lynch-Moment im Meridien».

Einen ähnlichen Lynch-Moment kann das Pathé Küchlin in der Basler Steinenvorstadt bieten. Mitten in diesem Multiplex, das ausschaut wie von einem Kind designt, das ums Verworgen sämtliche Farbstifte in der Schachtel ausprobieren wollte, führen Vogelfüsschen auf einem roten Teppich entlang lila Wänden mit gelben Sprechblasen zu einer knallorangen Tür. Dahinter öffnet sich ein hoher historischer Saal. Mit roten Wänden und feinen Säulen, mit gestaffelten Balkonrängen und verzierten Brüstungen. Die Ornamente sind Akanthusblätter, in denen Birnen unterschiedlich hell leuchten. Wenn die Vorstellung beginnt, glühen sie ganz schwach weiter, wie Tieraugen im Dschungel. Der über hundertjährige Saal 1 des Küchlins ist der älteste und grösste Theatersaal ganz Basels – und der schönste.

15 000 Basler gegen den Abriss

Wie der Burger Joint in New York hätte Küchlins Saal 1 dem neuesten Geschäft weichen sollen, und wie jener existiert dieser nur noch dank des Protests Tausender von Basler Bürgern. 15  000 unterschrieben 1989 eine Petition zur Erhaltung des Saals. Der damalige Besitzer Enrico Ceppi wollte das unrentabel gewordene Kino zu Gunsten des Multiplex abreissen. Und die damalige Basler Regierung war auf seiner Seite. Nach einem Rundgang durchs Küchlin wollte sie «kein Vorhandensein eines kulturellen, geschichtlichen, künstlerischen oder städtebaulichen Wertes» erkennen.

Nach einem langwierigen Rechtsstreit gab das Bundesgericht 2003 den Bewahrern recht. Das Varieté-Theater sei «eines der ältesten heute noch bestehenden der Schweiz», seine Innengestaltung von Bedeutung «wegen der Art und Weise, wie das klassische Rangtheater aufgegriffen und der anspruchsvolle Jugendstildekor dem Spielzweck des Gebäudes angepasst wird». Der Saal und die neoklassizistische Hausfassade stehen seither unter Denkmalschutz. Und das Pathé Küchlin musste seine sechs moderner ausgestatteten Kinosäle etwas umständlich rundherum bauen.

Das Küchlin, von den Baslern liebevoll «Kiechli» genannt, war in den zwanziger und dreissiger Jahren in ganz Europa als eines der besten und schönsten Varieté-Theater bekannt. Der Lörracher Karl Küchlin, ein weitgereister, umtriebiger Mann, hatte es vom Architektentrio Widmer, Erlacher und Calini in neuester Eisenbetontechnik bauen lassen. Die Fassade mit den Säulen und die Inneneinrichtung hat Lörrachs berühmtester Künstler, Max Laeuger, entworfen; die Figurenfriese sind von Karl Albiker, einem Rodin-Schüler.

1912, im Jahr, als die Titanic unterging, eröffnete dieser Luxusdampfer von einem Theater am 31. August mit einer Privatvorstellung für geladene Ehrengäste. Bald galt das Küchlin als erste Adresse für Revuen, Artisten, Varieté-Stars. Später kamen Schauspiel, Oper, Operette und Ballett dazu.

Im Parterre, wo sich heute Kinostühle aneinanderreihen, standen damals Tische. Es wurde getrunken, gegessen und geraucht, während auf der Bühne Frauen im kleinen Glitzrigen tanzten, Artisten balancierten, Clowns faxten, Bauchredner bauchredeten: Herr Edler und seine Patentpuppe, Fred Folkmann und seine «lebende Okarina», die Gleichgewichtskünstler The Percelly’s, das Akrobatentrio «Les Anserouls», der Clown Grock, der Chansonnier Maurice Chevalier, Knies Elefanten und Josephine Baker – das Showgirl soll mitten im Restaurant ihren Liebhaber geohrfeigt haben, weil er mit einer Serviertochter flirtete. 1932, zum 20-Jahr-Jubiläum, liess Josephine Baker dem Varieté-Theater eine Grussbotschaft zukommen: «J’ai deux amours en Suisse, c’est Bâle et son Küchlintheater!»

Varieté und Kurzfilme

Karl Küchlin war ein Filmfan der ersten Stunde. Sehr früh kombinierte er die Varieté-Einlagen mit zehnminütigen kinematografischen Vorführungen und soll das Publikum jeweils aufgefordert haben, für dieses Zusatzerlebnis länger sitzen zu bleiben.

Die Kombination Varieté und Kurzfilme war in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts auch in anderen Städten beliebt. In Zürich unterhielt damals das Theater-Kino Corso sein Publikum mit derselben Mischung, dieser Originalsaal ist aber nicht erhalten geblieben.

Am 31. Oktober 1927 schreibt die National-Zeitung: «Ist es wahr, dass nun unser einziges grosses Varieté in diesem festlich schönen Rahmen auch noch zum Film hinüberwechseln soll, oder wird es möglich sein, uns diese Bühne zu erhalten? Die Geschäftsleitung hat den diesmal glücklichen Weg des Kompromisses beschritten: sich die Glanznummern des Varieté zugleich mit denjenigen des Films zu sichern.»

Im Laufe der Jahre wurde es des Theatralen aber immer weniger, ab 1950 kippte das Verhältnis ganz zu Gunsten des Films. Das Küchlin wurde stark umgebaut, die Leinwand das wichtigste Requisit im Raum. Nur noch nebenbei waren Aufführungen wie die populäre Vor-Fasnachts-Veranstaltung «Drummeli» bis in die neunziger Jahre zu Gast. 1985 wurde ein zweiter Kinosaal hinzugebaut, 2008 wurde die alte Komödie nebenan abgerissen, um den inzwischen acht Pathé-Kinosälen für insgesamt 2306 Zuschauer Platz zu machen.

Unpraktisch, aber aller Liebling

Heute sind die Küchlin-Betreiber froh, dass ihnen das Bundesgericht damals verboten hat, den historischen Saal 1 zu entfernen. «Wir sind glücklich, dass der Saal 1 existiert», sagt Küchlin-Manager Rolf Köchl. «Er macht uns anders, er gibt uns andere Möglichkeiten.» Zwar sei die Leinwand zu klein und das Parkett zu eben. «Aus Multiplex-Sicht ist vieles unpraktisch, aber die Leute akzeptieren und lieben das Küchlin so wie es ist.» Manchmal kämen Leute vorbei, um sich im Pathé Küchlin nach einem geeigneten Saal für eine Tagung oder einen Kongress umzuschauen. Köchl zeigt ihnen den Saal 1 jeweils ganz zum Schluss. Und innerlich freut er sich jedes Mal über den «Wow-Effekt»: «Wenn die Leute den Saal 1 sehen, dann wollen sie den.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1