Basel
Der schwebende Forscher auf der Suche nach Leben

Nikolaus Kuhn von der Universität Basel ist in die Planung der nächsten Mars-Mission involviert. «Als Geograf reizt mich der Mars, weil es dort eine ganz neue Landschaft zu entdecken gibt», sagt er.

Noemi Lea Landolt
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«Man versucht, sich festzuhalten, um nicht davonzudriften»: Nikolaus Kuhn von der Universität Basel während des Parabelflugs.

«Man versucht, sich festzuhalten, um nicht davonzudriften»: Nikolaus Kuhn von der Universität Basel während des Parabelflugs.

zvg/Regina Sablotny

Er ist nicht Astronaut und war auch noch nie im Weltall. Trotzdem weiss Nikolaus Kuhn, wie sich Schwerelosigkeit anfühlt. Der Professor für Physiogeografie und Umweltwandel an der Universität Basel ist Ende Oktober zusammen mit Techniker Hans-Rudolf Rüegg auf dem Flugplatz Dübendorf in ein spezielles Flugzeug gestiegen.

Dieses ist über dem Mittelmeer mehrmals in einem Bogen zuerst steil nach oben und dann nach unten geflogen, um so die Erdanziehung zu überwinden und jeweils gut 20 Sekunden lang Schwerelosigkeit zu simulieren (siehe Grafik rechts). Den Parabelflug hat die Universität Zürich organisiert. Neben Kuhn und Rüegg waren noch fünf weitere Forschungsteams an Bord.

Während eines solchen Parabelflugs sei man in einem «interessanten Zustand», erzählt Kuhn. «Es ist eine Mischung aus Aufregung und Müdigkeit.» Letztere verursacht die Tablette gegen Reisekrankheit. Diese ist nötig, weil die Schwerkraftwechsel einen stabilen Magen verlangen.
Sind wir die Einzigen?

Kuhn hat schon mehrere Parabelflüge mitgemacht. Das Gefühl der Schwerelosigkeit sei jedes Mal wieder speziell: «Zuerst einmal hat man keine Ahnung, wie man sich bewegen soll. Man versucht, sich festzuhalten, um nicht davonzudriften. Aber es kann immer passieren, dass die Füsse einfach den Boden verlieren», sagt er.

Viel Zeit, um wie zwei Heliumballone an der Flugzeugdecke zu hängen, hatten Kuhn und Rüegg aber nicht: Sie waren schliesslich nicht zum Spass an Bord des Flugzeugs, sondern wollten ein neu entwickeltes Messgerät unter verringerter Schwerkraft testen. Die so gewonnenen Daten sollen helfen, die Frage aller Fragen zu beantworten: «Sind wir die Einzigen, oder gibt es irgendwo im Universum noch anderes Leben?»

Konkret haben Kuhn und Rüegg während des Parabelflugs untersucht, wie sich kleinste Partikel bei veränderten Schwerkraftbedingungen im Wasser bewegen. So möchten sie herausfinden, wie sich der Unterschied der Schwerkraft auf die Sedimentation auswirkt. «Das wiederum gibt uns Hinweise, wo Spuren von Leben abgelagert werden, und wo man sie suchen müsste, wenn man den nächsten Rover auf den Mars schickt.» Kuhn würde sich wünschen, dass Wissenschafter in den nächsten zehn Jahren auf dem Mars Spuren von Leben finden. «Es wäre toll, wenn ich mit meiner Forschung einen kleinen Beitrag zu einer grossen Erkenntnis liefern könnte.»

Suche nach einem Landeplatz

Der Basler Forscher ist in die Planung der nächsten Mars-Mission direkt involviert. Er hat an einem Workshop der Europäischen Weltraumorganisation ESA teilgenommen, an dem Wissenschafter aus verschiedenen Fachrichtungen potenzielle Landestellen auf dem Mars diskutierten. Zusätzlich ist er Mitglied in einer anderen Kleinkommission der ESA. Deren Aufgabe ist es, zu verhindern, dass der Mars versehentlich durch den Rover kontaminiert wird.

Es sei praktisch unmöglich, ein steriles Gerät ins All zu schicken. «Deshalb können wir den Rover nicht an einem Ort landen lassen, wo Mikro-Organismen heute überleben könnten», erklärt Kuhn. Tendenziell werden also Bereiche angeflogen, die kühler und trockener sind.
Den Mars zu erforschen, war nicht Kuhns Bubentraum. Aber einsame, unberührte Landschaften mochte er schon immer. «Als Geograf reizt mich der Mars, weil es dort eine ganz neue Landschaft zu entdecken gibt», sagt er.

Dank Mars die Erde verstehen

Zudem helfe es, die Erde zu verstehen, wenn man den Mars erforscht. Denn während der ersten 500 Millionen bis eine Milliarde Jahre nach ihrer Entstehung herrschten auf den beiden Planeten so ähnliche Bedingungen, dass sich Leben hätte entwickeln können: «Mich interessiert, was dann passiert ist: Also warum der Mars kälter und trockener wurde», sagt Kuhn.

Wenn dieses Geheimnis einmal gelüftet sei, helfe das, herauszufinden, was die Erde vor dem gleichen Schicksal bewahrt hat. «War es Zufall, Glück oder gibt es Mechanismen, die bei uns dafür sorgen, dass das System stabil geblieben ist?»

Es gibt noch viele unbeantwortete Fragen, die Kuhn interessieren. Gleichzeitig kann er mit seiner Forschung auf der Erde schon heute etwas bewirken. Wenn er zum Beispiel untersucht, wie sich Krankheitserreger im Wasser fortbewegen und wo sie sich sammeln. Mit diesem Wissen kann man verhindern, dass sich Mensch oder Tier anstecken. «Das ist das kleine Alltägliche», sagt Kuhn. Das Andere ist das Grosse: «Leben auf dem Mars zu finden, wäre natürlich supertoll.»

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