Nähkästchen

Der Singvogel ist seit 25 Jahren an der Basler Fasnacht: «Der Druck bleibt, egal, wie erfolgreich man ist»

Im Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» finden sich viele Lösli mit verschiedenen Begriffen darauf. Der Singvogel hat im Foyer des Hotel Basel «Identität» herausgepickt.

Zwei Wochen vor dem Morgestraich plaudert der Singvogel, seit 25 Jahren an der Basler Fasnacht unterwegs, aus unserem Nähkästchen.

Henry Fogal*, worüber plaudern wir?

Über Identität.

Deine wahre Identität sei hier nicht verraten. Du bist als Singvogel bekannt, gehörst zu den Top-Bänklern der Fasnacht. Seit 25 Jahren schlüpfst Du während der drey scheenschte Dääg in diese andere Identität. Ein Vierteljahrhundert! Gibt’s ein Fest?

Ich habe mit meinem Helgenmaler und meinem Helgebueb angestossen. Weil sie mich seit 25 Jahren aushalten.

Kein eigener Vers zum 25-Jährigen?

Nein. Aber zum 50-Jährigen machen wir dann einen Ausflug in die Vogelwarte Sempach. Und zum 100-Jährigen gibt’s ein grosses Vogelfest.

Welches sind die Topsujets des Singvogels an der diesjährigen Fasnacht?

Es war ein ergiebiges Jahr; vor allem im lokalen Bereich hat sich viel getan. Denken wir nur an den Polizei-Tesla, das Baby im Grossen Rat, die BVB. Auch überregionale und internationale Themen sind reizvoll, etwa der Brexit, die sozialen Medien, die Hornkuh-Initiative ...

... das Baselbiet wirst Du sicher auch wieder aufs Korn nehmen.

Selbstverständlich. Zu den Themen unserer Region gehören halt die gescheiterte Spital-Fusion, die Partnerschaft, tief sitzende Emotionen zwischen Stadt und Land, die Finanzen, die Kultur. Das ist Singvogel-Stoff. Andere wiederkehrende Themen sind BVB, Post und SRF.

Gibt Dir die Identität des Singvogels auch die Möglichkeit eines Ventils? Dass Du Deinem Ärger über irgendwas Luft machen kannst?

(überlegt) Ich habe keine Mission. Gewiss, hin und wieder drückt meine Weltanschauung durch. Hauptmotivation aber ist es, zu unterhalten. Es ist das Schönste für mich, einen Saal voller Menschen mittels Wortwitz zum Lachen zu bringen.

Wie viele Verse hast Du jetzt?

Es waren mal 40, nach der ersten «Ussmischtete» sind es noch 20. Für die Fasnacht bleiben rund zwölf Verse übrig. Ich habe meist das Problem, dass ich mehr lokale Themen habe als solche, die schweizweit verstanden werden. Ist ja klar, ich bin Basler, identifiziere mich mit der Region. Aber es kommen immer mehr Auswärtige an die Fasnacht, und entsprechend stelle ich fest, dass Verse zu nationalen und internationalen Themen besser ankommen.

Wie Dein legendärer Langvers über die SBB aus dem Jahr 2013. Hast Du so einen in diesem Jahr in petto?

Langverse sind extrem anspruchsvoll, nach jeder zweiten Linie braucht es eine Pointe. Der zur SBB war was Einmaliges.

SBB-Chef Andreas Meyer wurde sogar in Interviews darauf angesprochen.

Ja, und zwei Wochen nach der Fasnacht fragte er mich tatsächlich an, ob ich an einem SBB-Anlass auftreten könnte. Aber ich schweife ab ... Zurück zu den Themen: Man muss als Bank eine ausgewogene Mischung bringen. Ich muss zusehen, dass noch allgemein verständliche Pointen dazu kommen.

Warum? Die Fasnacht ist nun mal eine lokale Angelegenheit. Sie ist Teil der Basler Identität. Ein Auswärtiger muss damit rechnen.

Sicher. Aber es tut halt gut, wenn man verstanden wird, wenn der Applaus kommt.

Apropos lokal. Sprache schafft Identität; und der Basler Dialekt macht die Identität der Fasnacht aus. Doch das Baseldeutsch verwässert zusehends ...

Ich sehe das nicht so eng. Sprache verändert sich. Laufend. Anglizismen zum Beispiel tun mir nicht weh. Gerade an der Fasnacht packen viele ihr schönstes Baseldeutsch aus. Gewiss eine gute Sache. Grundsätzlich dichte ich aber so, wie mir der Schnabel gewachsen ist, sonst wirkt es gekünstelt.

Wann fängst Du mit dem Dichten an?

Nicht zu früh. Vor November macht das keinen Sinn. Ab Dezember, Januar kommt die «dichte» Phase, dann muss alles passieren. Auch noch kurz vor der Fasnacht. Solch spontane Verse kommen oft besser an als jene, an denen man monatelang «rumdökterlet».

Wie gehst Du vor?

Ab Sommer lese ich systematisch Zeitung, höre Radio, surfe im Internet. Wenn mich etwas anspringt, mache ich mir eine Notiz. Ich führe eine Liste mit Themen, später lassen sich diese miteinander verspinnen. Dichten ist Arbeit. Anstreichen, streichen, ausprobieren, Reime auf gewisse Worte überlegen, wieder verwerfen. Schlüsselwörter festlegen, und so weiter. Und wenn der Vers steht, schleife ich immer wieder daran. Ein langer Prozess.

Wo bist du am kreativsten? Im Zug?

Wie kommst Du darauf?

Nach dem SBB-Langvers nehme ich an, dass Du ein Pendler bist.

Das ist richtig. Zwei bis vier Mal die Woche nach Winterthur. Vor der Zugfahrt gehe ich die Liste durch, dann kommt es vor, dass ich auf der Reise dichte. Manchmal kommt aber auch nichts, da muss ich mich richtig zwingen. Spazieren hilft mir dann.

Tauschst Du Dich mit anderen Schnitzelbänklern aus?

Ja, teilweise intensiv. Wir sind so eine Gruppe... Bei meinem Vorsingen in diesem Jahr waren fünf andere Bänkler dabei. Früher war der Konkurrenzkampf viel grösser. Das ist heute zum Glück entspannter.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Verse dann zu ähnlich werden?

Klar besteht die. Aber wir klauen nicht voneinander, wir diskutieren. Brauchen das alle ein bisschen, motivieren uns gegenseitig, helfen einander.

Der Singvogel ist ein kleiner Superstar; das Publikum johlt und jauchzt bereits, wenn Du die Bühne betrittst. Trotzdem noch Lampenfieber?

An den ersten Auftritten an der Vorfasnacht stehe ich oftmals neben mir, von wegen Identität und so (lacht). Da ist eine Nervosität, eine Angst, dass etwas in der Dramaturgie, im Ablauf, falsch ist. Dass ein Vers nicht ankommt. Der Druck bleibt, egal, wie erfolgreich man ist.

Deine grössten Pannen?

Einmal ist mein Helgebueb von der Bühne gefallen. Bei Aussetzern hilft nur improvisieren; manchmal rettet mich der Helgebueb mit einem Stichwort oder Überblättern. Ein anderes Mal stand ich ohne Larve vor dem Bühneneingang. Ich hatte sie in der Toilette einer Beiz liegen lassen – sie war zum Glück noch dort! Dafür ist mir noch nie eine Saite gerissen. Aber verstimmt war die Gitarre schon gefühlte zwanzigtausend Mal.

Und wie schaust Du, dass Deine Stimme nicht verstimmt ist?

Ich habe immer Gelorevoice-Halstabletten im Sack, wie die Schauspieler. Denn ich habe tatsächlich mal die Stimme verloren. Du kannst mit Fieber und allem Wüsten auf die Bühne – aber ohne Stimme oder mit einem schlimmen Husten geht nichts. Davor habe ich grossen Respekt.

Du gehörst zur älteren Garde. Wann waren aus Deiner Sicht die besten Bänke unterwegs?

In den 1960er- bis 1980er-Jahren, etwa das «Zytigs-Anni», das «Stachelbeeri», die «Rätsch-Dätsch», «d Mischtkratzerli», die «Standpauke»... Das war eine grosse Zeit.

Und heute? Wie steht es um den Nachwuchs?

Nun, es ist bekannt, dass die Fasnacht diesbezüglich ein Problem hat, das ist bei den Bänklern nicht anders. Es gibt jedoch schon ein paar vielversprechende Junge! Aber wir brauchen dringend weiteren Nachwuchs.

Du bist seit Beginn als Vogel unterwegs. Gelüstet es Dich nicht mal nach was anderem?

Ich kann mich noch sehr gut mit diesem schrägen gelben Vogel identifizieren. Nach 25 Jahren muss ich aber sagen: Es ist nicht ein wahnsinnig glücklicher Name. Jene von anderen Bänklern haben mehr Biss. Etwas Giftiges, Scharfes. Namen wie etwa die «Stächpalme», «Pfäfferschote», «Giftschysser» oder die «Penetrante». Der Singvogel wirkt da direkt liebenswürdig.

Wo trittst Du am liebsten auf?

Weil ich beim Schnitzelbangg-Comité dabei bin, geniesse ich das Privileg, auf die grossen Bühnen zu kommen, das ist irrsinnig. Auf die Auftritte im Theater, im Schauspielhaus, Tabourettli und Teufelhof, auch in den klassischen Fasnachtsbeizen freue ich mich besonders. Zu den schönsten Erlebnissen gehören zudem die Besuche in Spitälern oder Heimen am Fasnachtsdienstag. Das sind Auftritte, die ans Herz gehen.

Singvogel

Der Singvogel an der Fasnacht 2017.

Und nach der Fasnacht? Hast Du nicht Mühe, Dich in Deiner wahren Identität zurechtzufinden? Wieder zu landen?

Dann bin ich in erster Linie k.o., will nur noch schlafen. Und danach finde ich rasch in den Alltag zurück. Vor allem mit einem Brummschädel landet man zackig.

Trinkst Du während der Fasnacht Alkohol?

Wenn, dann trinke ich gespritzten Weissen. Die Route ist Schwerstarbeit, da schwitzt man gleich alles wieder raus. Und das Federkleid gibt sehr warm, die Strumpfhosen auch – ich trage zwei, damit die Häärchen an den Beinen nicht durchdrücken.

Diese Strumpfhosen gehören zum Erscheinungsbild des Singvogels. Wie viel Paar davon kaufst Du jeweils vor den drey scheenschte Dääg?

Berufsgeheimnis! Wenn ich selbst durch die Strumpfabteilung eines Warenhauses spaziere, werde ich von Verkaufspersonal jeweils ziemlich schepps gemustert. Deshalb schicke ich meistens eine Dame zum Einkaufen.

Wie lange bleibt der Singvogel der Basler Fasnacht noch erhalten?

Wenn ich ein Baselbieter wäre, würde ich sagen: «Mir wei luege.» Als Basler sage ich: Zurzeit geht mir der Stoff nicht aus. Und diesen Vogel, diese Identität, möchte ich so schnell nicht missen.

 

*Name der Redaktion bekannt

Autorin

Rahel Koerfgen

Rahel  Koerfgen

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