Gastkommentar
Der Teufel macht dem Beelzebub Platz

Der Baselbieter Roger Blum war Publizistikprofessor an der Uni Bern, seit April ist er Ombudsmann für die SRG Deutschschweiz. Im Gastkommentar schreibt er über Putschversuche 1944 gegen Hitler und 2016 in der Türkei.

Roger Blum
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Der türkische Präsident Erdoğan sagte vor zehn Tagen, der gescheiterte Putsch sei «ein Geschenk Gottes». Er könne jetzt das Land von seinen Gegnern säubern.

Der türkische Präsident Erdoğan sagte vor zehn Tagen, der gescheiterte Putsch sei «ein Geschenk Gottes». Er könne jetzt das Land von seinen Gegnern säubern.

Reuters

Das Wort «Putsch» kommt aus dem Schweizerdeutschen und bedeutet «putsche», «zämmeputsche», «stosse». Schon 1830 sprach man vom Freiämter Putsch, und 1939 ging der Begriff um die Welt, als im «Züriputsch» die konservative Zürcher Landbevölkerung die liberale Regierung wegen deren progressiver Bildungs- und Religionspolitik wegfegte. Als im Baselbiet die fremdenfeindliche «Bewegung der Vaterlandsfreunde» 1839/40 die Institutionen unterwandern wollte, schlug die Regierung den angeblichen Putsch nieder. Er blieb wegen eines der Anführer, des Gelterkinders Jakob Freivogel, als «Gemeindejoggeliputsch» in Erinnerung. Die Schweiz hat also der Welt nicht nur das Rote Kreuz geschenkt, sondern auch den Putsch.

Als am 15. Juli 2016 ein Teil der türkischen Armee putschte, aber scheiterte, dachte ich sofort an den 20. Juli 1944. Die Parallelen sind augenfällig. Damals putschte ein Teil der deutschen Wehrmacht, aber der Aufstand war ziemlich dilettantisch geplant. Die von den Rebellen kommandierten Truppen versäumten es, in Berlin den Radiosender, das Propagandaministerium und das Zentrum der Geheimen Staatspolizei zu besetzen. Hitler überlebte im Führerhauptquartier das Bombenattentat. Der italienische Diktator Mussolini, der Hitler unmittelbar nach dem Anschlag besuchte, fand, dass Hitler heil davongekommen sei, sei «ein Zeichen des Himmels». Der türkische Präsident Erdoğan sagte vor zehn Tagen, der gescheiterte Putsch sei «ein Geschenk Gottes». Er könne jetzt das Land von seinen Gegnern säubern, vor allem von den Anhängern der Gülen-Bewegung, die sich «wie ein Krebsgeschwür im Staat ausgebreitet» hätten. Hitler sprach 1944 von einer ganz kleinen Clique «ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere», einem «Klüngel verbrecherischer Elemente, die jetzt unbarmherzig ausgerottet werden». Die Anführer wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Tausende von Mitläufern und Familienangehörigen wurden in Lager verschleppt, gefoltert, gedemütigt.

Geht man nach der «Süddeutschen Zeitung», so hat die türkische Regierung bis zum letzten Wochenende bereits 7423 Soldaten und Offiziere festgenommen, 8777 Polizisten und andere Beamte entlassen, 2963 Behörden-Angestellte suspendiert, 2854 Richter und Staatsanwälte zur Verhaftung ausgeschrieben, 41'738 Lehrer vom Dienst entfernt, 1577 Universitätsdekane zum Rücktritt aufgefordert und 24 Radio- und Fernsehlizenzen annulliert. Man erwägt, die Todesstrafe wieder einzuführen. Die Grundrechte wurden eingeschränkt, ja aufgehoben.

Ein Grossteil der türkischen Bevölkerung hat den Misserfolg des Militärputsches bejubelt. Das ist vor dem Hintergrund der Militärputsche von 1960, 1971, 1980 und des weichen Putsches von 1997 verständlich, denn sie bedeuteten für viele Türkinnen und Türken traumatische Erfahrungen. Aber man sollte nie zulassen, dass der Teufel durch den Beelzebub ausgetrieben wird. Und es zeigt sich einmal mehr: Der Europarat ist zu schwach, um die Durchsetzung der Menschenrechtserklärung zu garantieren. Wir sind in vielerlei Hinsicht nicht wirklich weiter als 1944.