Sie springen, sie trommeln, sie laden pfeifend und singend zum Tanz. Auch ihre Partner haben sie gewählt und wirbeln sie nun umher: Könige, Kaiserinnen, Ritter, Ärzte, Bauern – und sogar der Papst. Sie alle finden sich in den Armen des Todes wieder. Dieses unschöne Bild, zumal der Tod dabei als verwesende Leiche auftritt, ist als «Totentanz» in die Basler Geschichte eingegangen.

1440 wurde das 60 Meter lange Bild von einem unbekannten Künstler an die Fassade des damaligen Dominikanerklosters gemalt – dort, wo heute die Predigerkirche steht. Der Pfarrer der dort ansässigen christkatholischen Gemeinde, Michael Bangert, will nun an dieses ausserordentliche Kunstwerk erinnern: «Die Botschaft des Totentanzes ist auch für heute lebende Menschen zentral». Deshalb lädt er ein zu einem Abend, an dem der Tod wieder zum Tanz und das Mittelalter zum Leben erweckt wird.

Der verdrängte Gevatter Tod

Dass heute vom ursprünglichen Totentanz kaum mehr als ein paar Fragmente übrig sind, und auch diese ihr Dasein hinter Vitrinen in der Barfüsserkirche fristen, ist nicht nur dem Zahn der Zeit geschuldet: «Das Schicksal des Basler Totentanzes ist auch symbolisch für das Zurücktreten des Todes in unserer Gesellschaft», meint Bangert. Als Museumsstück verwahrt, in seiner Ästhetik zwar geschätzt, aber vom Leben der Menschen durch Glaswände getrennt, sei der Tod in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr marginalisiert geworden.

Diese Entwicklung ist in Basel sogar stadtgeografisch aufzuzeigen: Nicht nur der Laienfriedhof, der an die heutige Predigerkirche angrenzte, und sich somit an einem zentralen Ort des mittelalterlichen Basels befand, wurde überpflastert. Auch der Kannenfeldpark dient heute als Ruhe- und Vergnügungsplatz, an dem kaum mehr etwas an die Endlichkeit des Lebens erinnert. Die genutzten Friedhöfe befinden sich heute am Rand der Stadt: «Der Friedhof Hörnli beispielsweise ist symbolisch für unseren Umgang mit dem Tod: Wir behandeln ihn sorgsam und kümmern uns intensiv um seine Pflege. Aber unseren Alltag berührt er kaum», erklärt Bangert – und das will er ändern.

Memento Mori

Mit dem Anlass, der am Sonntag um 18 Uhr in der Predigerkirche stattfindet, möchten die Organisatoren den Tod für einen Abend wieder in die Mitte der Gesellschaft rücken. Der Totentanz an der Fassade des Dominikanerfriedhofs hat die mittelalterliche Basler Bevölkerung täglich an ihre Sterblichkeit erinnert: Heute soll er, unserer Zeit entsprechend, interaktiv in Erinnerung gerufen werden. Der Tod wird personifiziert von einem Musiker, der – die Fiedel in der Hand – zugleich dem Abend und dem Leben den Rhythmus vorspielt. Um ihn herum erinnert ein liturgisches Ritual an seine Anwesenheit.

Vom Ensemble «Voce d’Argovia» wird der Abend untermalt mit gregorianischen Gesängen und vertonten Texten aus dem 14. Jahrhundert, sodass nicht nur die Örtlichkeit, sondern auch Klang und Stimmung die Besucher mitnehmen auf eine Zeitreise ins dunkle Mittelalter – das so dunkel gar nicht war: «Der Tod hatte damals viele Facetten. So kann er auch freundlich sein, humorvoll und überraschend», erklärt Bangert. Auch diesen Seiten des Todes soll während der Feier Raum gegeben werden. Das Datum des Anlasses ist keineswegs zufällig gewählt: Morgen ist der Allerheiligentag, an dem nach christlicher Tradition der Verstorbenen gedacht werden soll.