Seit 1995 steht er wie eine Schildwache neben der Nordtangente und beobachtet die vorbeifahrenden Autos und Lastwagen. Still. Grau. Aber vertraut.

Der Lüftungsturm an der Wiese begrüsst die Grenzgänger am Morgen und verabschiedet sie am Abend wieder. Er ist der Fels in der Brandung im Chaos des tagtäglichen Verkehrs.

Nun soll der 50 Meter hohe Riese abgerissen werden. Und Platz machen für Lärmschutzwände an der Erlenmatt. Man ist versucht zu sagen, er habe seine Schuldigkeit getan – doch das ist falsch: Getan hat er nichts, weder seine Schuldigkeit noch sonst irgendetwas. Weil er auch nie eine Aufgabe hatte. Er stand nur da. 1991 setzten die Umweltschutzbehörden seine Planung im Rahmen des Nordtangenten-Tunnels durch. Zusammen mit drei weiteren Kollegen gleichen Kalibers, jeder 3,5 Millionen Franken teuer.

Überholt vom Fortschritt

Doch bis zum Bau der Nordtangente waren die Lastwagen und Autos bereits viel schadstoffarmer unterwegs und die Ablufttürme wurden nicht mehr benötigt. Doch er, der einzige gebaute der geplanten Lüftungsschächte, war schon fertig – sozusagen betongewordenes Mahnmal für den technischen Fortschritt des Menschen und jene, die dabei auf der Strecke bleiben. Oder für staatliche Geldverschwendung, falls man es lieber staatskritisch hat. Oder für kurzsichtige Planung, sollte man die geistige Myopie der Menschheit im Visier haben. Doch sehen wir ihn doch positiv als im Zen-Buddhistischen Sinne präsent im Hier und Jetzt. Fokussiert auf die Leere seines Innern und seiner Existenz.

Denn die Lüftungsanlagen, die den Turm einst zu einem Abluftkamin machen sollten, sie sind längst nicht mehr da. Der grosse Graue ist nicht nur nutzlos, er ist auch hohl.

Das Ende naht aus Zofingen

Nun aber soll der Turm weichen. Nicht dass er müde wäre, nach zwanzig Jahren des sinnlosen Herumstehens und Indenhimmelragens. Er würde wohl noch weitere hundert Jahre durchhalten, ist er doch solide verankert und aus bestem Beton gebaut.

Aber das Bundesamt für Strassen hat das Todesurteil über Basels grossen Grauen verhängt. «Der Turm wird im Rahmen der Abschlussarbeiten für die Nordtangente abgerissen», sagt Mediensprecherin Esther Widmer von der zuständigen Astra-Filiale in Zofingen. Der Bund hat die Verantwortung für die Autobahnen grundsätzlich übernommen. Dazu gehören auch die zu den Autobahnen gehörigen Bauten. Und damit eben auch der Turm ohne Zweck. Doch geschleift wird das namenlose Bauwerk von jenen, die ihn erbaut hatten: den Baslern. Gemäss André Frauchiger, Sprecher des Tiefbauamtes, soll dies nächstes Jahr geschehen. «Der Rückbau erfolgt nach altem Recht, Bauherr ist also Basel-Stadt, das auch ein Drittel der Kosten von rund 600 000 Franken übernehmen muss.»

So bald muss er also weichen, der Turm, den die Entwicklung überholte. Sehen wir ihn doch als grossen und teuren Begleiter der grössten und teuersten Baustelle, die die Stadt je gesehen hat: Einst signalisierte er den Baubeginn der Nordtangente. Sein Abbruch ist gleichsam das symbolische Ende der Bauarbeiten.

Und jene, die ihn täglich passiert haben können irgendwann ihren Kindern erzählen: «Hier stand einst zwanzig Jahre lang ein Mahnmal der Sinnleere und der Vergänglichkeit.»