Wohnraum

Der verlassene Veloständer verwandelte sich in ein Zimmer

Sein Veloständer-Zuhause hat Daniel gut eingerichtet.

Sein Veloständer-Zuhause hat Daniel gut eingerichtet.

Kaum jemand benutzt die beiden Veloständer auf der Luzernerring-Brücke beim Bahnhof St. Johann. Ein Mann hat daraus sein Heim gemacht. Die Polizei weiss von ihm. Er hofft auf einen Zwischennutzungsvertrag.

In einer blauen Plastiktasche von Ikea liegt Daniels* Vorrat: fünf Äpfel, ein Zopf, eine Tube Mayonnaise und hundert Gramm Rinderschinken nach türkischer Art. Das Essen hat der 47-Jährige weder gekauft noch geklaut. «Viele geben mir etwas zu essen, wenn sie bei mir vorbeigehen», sagt Daniel und fährt mit seiner Hand über seinen schwarzen Vollbart und die vereinzelten grauen Barthaare unterhalb des Kinns. Der Berner mit den langen schwarzen Haaren ist nicht der Einzige auf der Luzernerring-Brücke, der für die ungezwungene Lebensmittelhilfe der Passanten dankbar ist.

Gelegentlich erhält er so viele Nahrungsmittel, dass der Vorrat zu gross ist für ihn allein. Manches Fleisch ist zudem nur noch halbwegs geniessbar. Das gibt Daniel dann weiter an die Krähen, die hier regelmässig vorbeischauen. Eine sitzt auf der Strassenlampe gegenüber. Sie schreit, blickt zum Veloständer, Daniel ahmt ihr Schreien nach. Zwischen ihnen die Autos und Fussgänger, Lastwagen und Velofahrer.

Kaum jemand benutzt die beiden Veloständer auf der Brücke. Wer möchte, müsste sein Velo über ein Geländer hieven, das zwischen Strassenrand und Haltevorrichtung steht. Hier hat sich Daniel eingerichtet. Er hat ein Dach über dem Kopf und drei Plexiglaswände um sich herum. Die offene Seite des Veloständers hat er mit Karton, Plastikblachen und Stoff ausstaffiert. Eine Matratze verdeckt den Eingang seines schlichten Zimmers.

Ein Vierteljahr im Veloständer

Daniel bettelt nicht. «Das ist verboten», sagt er. Aber die Geschenke kann er auch nicht ablehnen - ohne sie würde er nicht durchkommen. «Viele Menschen helfen aus einem Urtrieb heraus. Dafür muss man dankbar sein», sagt Daniel. Auch Polizisten haben ihre Urtriebe beziehungsweise ihre klar definierten Abläufe. Schon 56 Mal hätten sie ihn kontrolliert, seit er hier im Veloständer lebt - seit dreieinhalb Monaten. Daniel weist die Polizisten jeweils darauf hin, dass er weder zur Anhaltung noch zur Verhaftung ausgeschrieben sei. Der Eigentümer des Veloständers müsste zuerst einen Antrag stellen, bevor die Polizei ihn wegschicken könne. «Ich würde dann um einen Tag Zeit bitten, um meine Sachen wegzuräumen. Aber am liebsten hätte ich einen Zwischennutzungsvertrag», sagt Daniel, «bis Silvester bleibe ich sicher hier.»

Die Polizei bestätigt, dass sie Kenntnis von der Situation hat. «Das Community Policing steht mit der obdachlosen Person in Kontakt und bemüht sich, gemeinsam mit zuständigen Partnerorganisationen, für diese Person eine Lösung für die Wintermonate zu finden», schreibt Martin Schütz, Mediensprecher der Kantonspolizei.

«Der Obdachlose kann bleiben»

Die Zuständigkeit für den Veloständer oberhalb der Bahngleise liegt beim Basler Tiefbauamt. 2015 soll er abgebrochen werden. Während der Arbeiten müssen die SBB ihren Betrieb unterbrechen. «Der genaue Termin für die Demontage steht darum noch nicht fest», sagt André Frauchiger, Mediensprecher des Basler Tiefbauamts. Was sagt er zur Zwischennutzung des Veloständers? «Nach Ansicht des Tiefbauamts stört der Obdachlose dort nicht, er kann auf Zusehen hin dort bleiben.»

Daniel kann also noch einige Zeit im Velounterstand wohnen. Seitdem er den Veloständer in Beschlag genommen hat, hat er diesen den Umständen entsprechend wohnlich eingerichtet. Zu Beginn war sein einziges Möbel eine Camping-Schlafmatte. Heute schläft er auf einer richtigen Bettmatratze, vor allem an den Nachmittagen. «Dann ist es ruhiger, weil weniger Lastwagen über die Brücke fahren.»

Neben der Matratze steht ein zerbrochener Spiegel, den Daniel im Abfall gefunden hat. Auch ein alter Besen steht in der Einraumwohnung. «Ich putze jeden Tag», sagt er. «Eine Brücke ist wie eine Frau, man muss sie pflegen.» Manchmal geht Daniel zu Freunden, um dort zu duschen. Zum Beispiel am nächsten Sonntag.

Warum der gelernte Käser auf der Strasse gelandet ist, wird nicht ganz klar. 1997 sei er aus der Strafanstalt Bostadel im zugerischen Menzingen entlassen worden, welche die Kantone Zug und Basel-Stadt gemeinsam betreiben. Ein Viertel der Häftlinge sitzt wegen Betäubungsmitteldelikten ein. Auch Daniel arbeitete früher mehrere Jahre als Drogendealer.

Jahrelang im Tram geschlafen

Vor der Entlassung seien ihm von einer Mitarbeiterin des Vereins Neustart eine Wohnung und eine Arbeitsstelle versprochen worden. Doch in Basel war nirgends Platz für ihn. Jahrelang hat er in den Trams der BVB übernachtet. «Die Chauffeure kennen mich», sagt Daniel.

Noch nie hat er mit seinen Eltern Kontakt gehabt. Trotz Jahrgang 1967 bezeichnet sich Daniel als Verdingbub. «Mein Leben ist ein einziges Fragezeichen», sagt Daniel dazu. Mit ihm möchte wohl niemand tauschen.

*Nachname der Redaktion bekannt

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