Mit 13 Minuten Verspätung betritt Chilly Gonzales die Bühne. Er trägt einen schwarzen Satin-Bademantel mit violetten Details und beigefarbenen Hausschuhen. Seine Erscheinung ruft in der ausverkauften Reithalle in der Kaserne neben Applaus auch anzügliche Pfiffe und einige verwirrte Blicke aus.

Eigen, charmant und ehrlich

Virtuos beginnt der Pianist sein Konzert auf dem Flügel von Steinway & Sons. Gonzales Gastspiel ist ausverkauft. Er präsentiert die Songs seines elften Albums «Solo Piano 2». Es sind mehrheitlich zarte Melodien zwischen Klassik und Jazz. Durch Gonzales’ Auftreten wirken sie nachdenklich, brachial, melancholisch oder schon beinahe hämisch. Während der 40-Jährige am Piano sitzt, wirkt er verschroben und eigen. Unterhält er sich jedoch mit den Konzertbesuchern, wirkt er charmant und ehrlich: ein Künstler, der keinen Hehl aus seinen Ambitionen macht. «Ich habe ‹Solo Piano 2› bewusst sehr flach gehalten», erzählt er, «damit die Leute mehr darin sehen können. Ich will, dass die Leute süchtig danach werden.»

(Quelle: youtube.com/TheChillygonzales)

Chilly Gonzales

Die Faszination des Abends ist klar: Einerseits ist Gonzales ein begnadeter Pianist und sich dessen auch bewusst. Andererseits begegnet er der klassischen Musik mit Ironie und hat auch Sarkasmus und Spot für seine konservativeren Kollegen übrig. Auch über sein Erfolgsrezept spricht er offen: «Mein bekanntester Song hat drei Töne. Es ist nicht an mir, zu entscheiden, ob der Song gut ist. Und auch nicht an euch. Das entscheidet Steve Jobs», sagt er grinsend. Sein bisher grösster kommerzieller Erfolg ist die Melodie, die er für den Werbespot für die ersten iPads beisteuerte.

Unterhaltung und Massagen

Gonzales ist zudem ein begnadeter Entertainer, der seinem Publikum einen zehnminütigen Vortrag über Musik halten kann, bei dem dieses jedes Wort aufsaugt. Seine Faszination für Musik und Kompositionen ist spürbar. Er gibt zu, ein grosser Hip-Hop-Fan zu sein. «Rap ändert sich alle fünf Jahre. Das Genre hält uns einen Spiegel vor. Wenn du den Rap von heute nicht magst, dann magst du die heutige Gesellschaft nicht», sagt er.

Gegen Ende des Konzerts bittet Gonzales zu Gratis-Klavierstunden – und geht hart ins Gericht mit seinen Schülern. Die Verabschiedung nach knapp zwei Stunden zieht sich hin: Nach der ersten Zugabe bittet ihn ein Fan um ein Autogramm und den Song Othello. Gonzales fordert im Gegenzug eine Massage. Er hat Glück: Sein Fan ist Physiotherapeut.