Oh, Tannenbaum!

Der Weihnachtsbaum: Aus dem einstmaligen Bühnenbild wurde ein Massenprodukt

«Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum.» Einst reichlich geschmückt – und dann ein strassensäumender Wegwerfartikel. (Symbolbild)

«Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum.» Einst reichlich geschmückt – und dann ein strassensäumender Wegwerfartikel. (Symbolbild)

Eine kleine Kulturgeschichte zum Baum, der heute Abend wieder im Mittelpunkt steht.

Heute Abend steht er wieder im Wohnzimmer. Wie letztes Jahr und die Jahre davor. Er begleitet uns von Kindsbeinen an. Sein Glanz spiegelt sich in den Augen unzähliger Familien. Zu seinen Füssen liegen beachtliche Teile des 13. Monatslohns. Seine Nadeln füllen Abertausende von Staubsaugersäcken.

Er war die letzten hundert Jahre Stolz und Aushängeschild so manch kreativer Hausfrau. So mancher Mann hat sich nachmittagsweise damit abgemüht, dass das Ding im Lot steht. Die Frage, wie er geschmückt werden soll, füllt seitenweise Lifestyle-Magazine. Schlicht oder üppig, hyperkünstlich oder naturbezogen. Dabei ist er selbst ein geheiligtes Stück Natur – und zugleich strassensäumender Wegwerfartikel: der Weihnachtsbaum.

Vom Pharao über Luther bis zur Queen Victoria

Wo der Ursprung dieses eigenartigen Brauches liegt, einen Baum zu fällen und ihn winters in die Stube zu stellen, wo er dann in wenigen Tagen den Trocknungstod stirbt, darüber sind sich Historiker und Christbaum-Exegeten uneinig. Jetzt, wo der Weihnachtsbaum zum weltweiten Verkaufsschlager geworden ist, möchte jedoch so mancher die Erfindung für sich reklamieren.

Protestanten und Reformierte pflegen die Legende, Luther himself habe als Erster eine Tanne in seinem Wohnzimmer mit Geschenken geschmückt, um seinen Kindern das spirituelle Geschenk Christi näher zu bringen. Was dazu führte, dass die Katholiken sich nur langsam mit dem Brauch anfreunden konnten. Die Nazis behaupteten erwartungsgemäss, der Ursprung sei germanisch, was dazu führte, dass zu ihrer Zeit Hakenkreuze und kleine Hitlerbüsten zwischen den brennenden Kerzen baumelten.

Viele Historiker sehen den Ursprung des Weihnachtsbaums jedoch im Fest der Wintersonnenwende, das im antiken Persien und Ägypten gefeiert wurde. Haushalte und Tempel wurden dort zur längsten Nacht im Jahr mit immergrünen Palmblättern geschmückt. Von diesem Brauch führt eine direkte Linie zu den römischen Saturnalien, die ebenfalls im Dezember gefeiert wurden. Die einwöchige, rauschende Party zu Ehren Saturns, Gott des Ackerbaus, fand ebenfalls unter immergrünem Dekor statt.


Aber auch Götter sind vergänglich. Im Jahr 336 wurde das Fest christianisiert. Ganz einfach indem man das Rauschhafte wegliess und den Geburtstag des Gottessohnes auf den 25. Dezember verlegte, ohne genau zu wissen, ob dieses Datum denn auch stimmt. Kommunikationstechnisch war das ein Coup. Die Götter wechselten, das Fest blieb. Darauf folgt in der Geschichtsschreibung ein schwarzes Loch, auch Mittelalter genannt.

Vom Paradiesbaum zum Massenprodukt

In den Ausläufern dieses vermeintlich dunklen Zeitalters taucht aber wieder ein Baum auf, der am 24. Dezember eine Rolle spielt: der Paradiesbaum. Er war Bühnenbild für die Paradiesspiele, das Stück um Adam und Eva, die Schlange und den roten Apfel. Letzterer hing denn auch in Mehrfachausführung im Dekor. Damit betrat der geschmückte Tannenbaum die Kulturgeschichte, und er tat es, um zu bleiben.
1605 ist sein Erscheinen in Strassburg belegt, geschmückt mit Äpfeln, Süssigkeiten und Schmuck aus Papier. Überhaupt etablieren sich von da an das Elsass und benachbarte deutsche Lande als Pioniere in Sachen Weihnachtsbaum. Es dauerte jedoch gut 200 Jahre, bis der von strenggläubigen Christen als heidnisch disqualifizierte Baum die Wohnzimmer eroberte. Denn erst brauchte es dafür so etwas wie Wohnzimmer.

Es schlug die Stunde des Biedermeier-Zeitalters: Während draussen die ersten Fabrikschlote den Horizont mit Russschwaden verdunkelten und Revolutionäre wie Georg Büchner den Palästen den Krieg ansagten, zog sich die gebildete, vermögende Familie ins traute, bedienstete Heim zurück.

Im Bücherregal erinnerte Heinrich Pestalozzi die Eltern daran, dass Kinder nicht einfach von selbst zu guten Menschen und Christen werden. Und so entstand der Brauch, den eigenen Nachwuchs anlässlich des Geburtstags des palästinensischen Asketen Jesus zu beschenken.

In einer ersten Phase hingen die Süssigkeiten und Spielzeuge noch am Baum. Mit zunehmender Grösse und Gewicht der Geschenke wanderten sie unter das Geäst. Dieses wiederum wurde mit Weihnachtsschmuck behängt, dessen Herstellung die Besitzverhältnisse der entstehenden Industriegesellschaft widerspiegelte: Menschen ohne Biedermeier-Wohnzimmer, fortan Arbeitskräfte genannt, fertigten möglichst schnell möglichst viele Christbaumkugeln. Vor allem die schlechtbezahlten, handwerklich jedoch versierten Heimarbeiter in Thüringen taten sich mit der Herstellung von Weihnachtsschmuck hervor. Er wurde zum Exportschlager.

1846 liessen sich Queen Victoria und ihr deutscher Ehemann, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, umgeben von ihren Kindern vor einem Christbaum auf Windsor porträtieren. Das war Marketing der Spitzenklasse. Royals waren schon damals tonangebend in Sachen Lifestyle. Und so wurde der geschmückte Baum zur Ikone familiärer Eintracht und gleichzeitig zur Massenware. Luthers Idee, Kinder mit Kerzenlicht und Gebäck an die Vita Christi heranzuführen, steht seit da in Konkurrenz zur kerzenbeleuchteten Päckli-Schlacht.

Deutschland ist Christbaum-Weltmeister

Die weltweite Anzahl Christbäume ist heute, im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts, kaum zu eruieren. In den USA sind es schätzungsweise 30 Millionen pro Jahr. Im Verhältnis zur Bevölkerungsdichte ist jedoch immer noch Deutschland Christbaum-Weltmeister. 2017 wurden dort 29,5 Millionen Bäume verkauft. In der Schweiz sind es 1,2 Millionen. Also denken Sie daran, in dieser stillen Nacht: Sie sind heute Abend nicht allein.

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