Klassik
«Der wolkige, himmlische Klang» des Flügels aus dem 18. Jahrhundert

Jermaine Sprosse spielt historische Flügel des Musikmuseums Basel – auch auf CD

Jenny Berg
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Jermaine Sprosse und sein «Herzensinstrument»: Das Fortepiano von Johann Andreas Stein aus dem Jahr 1792, das dem Musikmuseum Basel gehört.

Jermaine Sprosse und sein «Herzensinstrument»: Das Fortepiano von Johann Andreas Stein aus dem Jahr 1792, das dem Musikmuseum Basel gehört.

Martin Toengi

Mit eiligen Schritten eilt Jermaine Sprosse die Treppe des Musikmuseums hinauf. Der grosse, schlanke Musiker weiss genau, wo er hin will: In den ersten Stock, jenen Bereich, in dem die historischen Tasteninstrumente stehen. Am Fortepiano von Johann Andreas Stein von 1792 macht er Halt: Das ist es, sein «Herzensinstrument», wie er sagt, das er für seine jüngste CD spielen durfte.

Es ist Vormittag. Noch ist das Museum geschlossen, die Putzfrau wirbelt herum. Doch Jermaine Sprosse lässt sich nicht zweimal bitten und legt los: Eine kurze musikalische Episode, voller Farben, voller Überraschungen. Er spielt im Stehen, bückt sich hinunter zu den Tasten. Denn der Flügel ist ein Ausstellungsobjekt und als solches auf einem Podest so drapiert, dass ein Stuhl zum Spielen gar nicht vorgesehen ist.

Der Musik tut das keinen Abbruch. So energetisch, wie er sich bewegt, so spielt Jermaine Sprosse auch: Jedes Motiv ein kleines Feuerwerk, jeder Ton eingebettet in ein Beziehungsgeflecht, jede Melodie ein Kapitel einer langen Erzählung.

Berühmter Geiger und Pianist

So klingt es auch auf seiner jüngsten CD, die dieser Tage herauskommt. «Der Clavierpoet» heisst sie und enthält drei Sonaten von Friedrich Wilhelm Rust. Ein unbekannter Name, selbst in der Alte-Musik-Stadt Basel. Doch die Werke, die Sprosse ausgegraben hat, sind musikalische Juwele.

Friedrich Wilhelm Rust war ein Zeitgenosse Carl Philipp Emanuel Bachs, seinerzeit hoch angesehen als Musiker und Pädagoge, und erst noch auf mehreren Instrumenten: den verschiedenen Tasteninstrumenten und der Violine. Als frühklassisch möchte Sprosse Rusts Musik dennoch nicht bezeichnen: zu einzigartig sei seine Tonsprache, zu individuell, um sie einem Label zuzuordnen.

Tatsächlich offenbaren Rusts Sonaten eine innere Dramatik, die auf die Frühromantik vorausweist. Doch warum musste es für die Weltersteinspielung von Rusts späten Sonaten ausgerechnet dieser Flügel von Stein sein? «Mich hat der offene, vielfarbige, sehr erdige Klang von Anfang an fasziniert», sagt Sprosse. Damit meint er nicht nur die Effekte, die mit den Kniehebeln zu erzeugen sind – etwa jene Art Dämpfung, die «diesen wolkigen himmlischen Klang erzeugt – eine ganz besondere transzendentale Ebene», so Sprosse.

Der Hauptgrund sei aber die stabile Klangpräsenz durch alle Register. Viele Hammerflügel jener Zeit schwächeln in den hohen Lagen. Nur der Stein sei auch hier exzellent, erklärt Sprosse: «Und gerade für die späten Werke Rusts braucht man in den oberen Lagen diese Expressivität und Kantabilität, die dieser Flügel hat».

Alte Instrumente als Offenbarung

Wie kommt man eigentlich dazu, Instrumente spielen zu dürfen, auf denen das Schild steht: Berühren verboten? Sprosse ist Teil jenes Teams, das bei Führungen im Musikmuseum gelegentlich die Instrumente vorführen darf.

Nicht alle, aber viele der alten Tasteninstrumente werden vom Musikmuseum so restauriert, dass auf ihnen gelegentlich musiziert werden darf. «Besonders die Flügel zwischen 1790 und 1820 hier sind sehr gut spielbar – und sie sind eine Offenbarung für jeden Spieler.» Ob er davon träumt, einmal versehentlich im Musikmuseum eingeschlossen zu werden – und die Nacht mit all den historischen Flügeln zu verbringen, spielender Weise? «Hätte ich überhaupt nichts dagegen», antwortet Sprosse und lächelt verschmitzt.

Für sein Herzensinstrument, den Stein-Flügel, den wir beim Fotoshooting tunlichst nicht verschieben dürfen, hat er sogar eine Sondergenehmigung erhalten: Er durfte das empfindliche Instrument «entführen», wie Sprosse es nennt, ins Radio-Studio Zürich von SRF, um dort seine Rust-CD aufzunehmen.

Dorthin hat er auch sein Clavichord, den Nachbau eines Hubert-Modells von 1772, transportiert, eines von fünf Tasteninstrumenten, mit denen Sprosse gemeinsam lebt, wie er sagt. Und jenes Clavichord bringt auf der CD noch einmal eine ganz andere, ungemein reizvolle Klangfarbe hinein.

Doch Sprosse ist nicht nur Spezialist für historische Tasteninstrumente, sondern auch Spezialist für Improvisation. Sein Publikum darf sich ein Thema wünschen, über das er im Stil des 18. Jahrhunderts improvisiert. Einmal fiel das Stichwort «Zweite Gotthardröhre». Was hat Sprosse dazu improvisiert? «Es klang auf jeden Fall sehr rasend, sehr wild, sehr virtuos – das war sicher eine der anspruchsvollsten Aufgaben in einem Konzert», sagt Sprosse, und schmunzelt noch heute darüber.

Konzert mit dem einstigen Lehrer

Lange ist es her, als der gebürtige Berliner Jermaine Sprosse einst über das Keyboard mit dem Musiker-Virus infiziert wurde. Bis auf den modernen Flügel spielt er nahezu alle Tasteninstrumente – auch Orgel: Er ist Organist in der Kirchgemeinde Allschwil-Schönenbuch. Dort versieht er ein kleines Pensum, die für ihn nötige Festanstellung, ohne die er als Musiker seit der Masseneinwanderungsinitiative in der Schweiz nicht leben dürfte.

Doch Sprosse nimmt solche Notwendigkeiten gelassen hin. Als er 2011 nach Basel kam, um hier zu studieren, da war die Schola Cantorum Basiliensis sein Leitmagnet – und ist es noch heute.

Mit seinem damaligen Lehrer Jörg-Andreas Bötticher steht er mittlerweile sogar gemeinsam auf dem Podium, so auch am kommenden Montag. In der Reihe «Cembalomusik in der Stadt Basel» spielen die beiden Duette mit Hammerflügel und Cembalo. Eine ungewöhnliche Kombination mit Seltenheitswert. Warum sollte man sich dieses Konzert nicht entgehen lassen? «Weil das Publikum ein Feuerwerk der Klangfarben erwartet», ist Sprosse überzeugt. «Cembalo und Hammerflügel sind nicht nur verschieden, sondern sie multiplizieren sich auch im Klang.» Improvisiert wird hier natürlich auch: in den Wiederholungen, und ganz bestimmt auch in den Zugaben.