Es ist ein absurdes Bild. In einem Eimer Wasser liegt der kurze Arm einer Koralle, in einem anderen ein Stein. Daneben ein paar Zahnstocher und Gümmeli. Was haben die vier Utensilien miteinander zu tun? Rolf Glatz weiss es. Sachte sticht er mit einem Zahnstocher unten in die Weichkoralle. «Sie hat kein Skelett und ist sehr empfindlich auf seitlichen Druck», erklärt er. Dann legt er das Holzstäbchen quer über die Hohlräume des Steins und fixiert es mit – eben – den Gümmeli. Zum Schluss landet das Konstrukt wieder im Wasser.

Mit dieser Technik werden Glatz und sein Vivariumteam in den nächsten Jahren einen Teil ihrer Arbeitszeit verbringen. Denn sie haben eine grosse Aufgabe gefasst: Im Ozeanium soll ein 50 Quadratmeter grosses Korallenriff entstehen – gezüchtet im Zolli.

Die Zahnstocher-Gümmeli-Methode ist eine von vier, wie der Tierpfleger erläutert. «Wenn die Weichkoralle am Untergrund angewachsen ist, kann ich die Gümmeli und Zahnstocher entfernen.» Das wird ungefähr in einem Monat der Fall sein. Jeden Tag kümmert sich Glatz darum, die Lebensbedingungen für die Nesseltiere optimal zu gestalten. Korallenpflege bedeute in erster Linie nichts anderes als Wasserpflege, sagt er. Das Wasser müsse nährstoffarm sein und Spurenelemente wie Jod enthalten. Das sei wichtig für den Stoffwechsel der Korallen.

Dieser ist sehr anspruchsvoll. Temperaturwechsel des Wassers sowie starke Lichtschwankungen schaden ihnen. «Wenn in der Natur plötzlich die Sonne stark auf die Korallen scheint, wo sie zuvor noch durch andere schattiert waren, bekommen sie einen Lichtschock.» Vergleichbar mit einem Sonnenbrand. Die Tiere bleichen aus und sterben ab. Dass das Meer immer wärmer wird, ist nichts Neues. Ist das Wasser also über 30 Grad und somit die Strömung zu warm, überleben die Korallen nicht.

Die Korallen führen Krieg

In den Wasserbecken im Zolli leben unter anderen auch Stein- und Hornkorallen. Erstere bestehen aus einem Kalkskelett. Weil dieses hart wie Keramik ist, kann Glatz sie anstatt mit Gümmeli mit Kabelbinder an einem Untergrund befestigen. Die einfachste Variante sei, die Korallenzweige in einem Aquarium auf einem Rost abzulegen. Dort wachsen sie am schnellsten, allerdings «muss ich aufpassen, dass sie nicht am Gitter festwachsen.» Um das zu umgehen, bewege er sie regelmässig an einen anderen Platz. Ebenfalls wichtig ist die Strömung. Die Korallen sind angewiesen, Ausscheidungen abgeben zu können. Ohne Strömung bleiben diese auf ihrer Haut liegen. Konsequenz ist unter anderem, dass die Korallen von Algen überwuchert werden.

Heute hält Glatz die verschiedenen Korallen-Arten ausser in den Schaubecken noch in einem separaten Zuchtbecken hinter den Kulissen. Dort sind alle im selben Wasserbecken. Später aber müsse er sie trennen. Die Tiere tragen andernfalls einen chemischen Krieg aus, erklärt er. Sie schirmen ihren Lebensraum gegen andere Arten ab. Kommt ihnen eine andere Korallengruppe zu nahe, kann sie diese mit ihren Nesselzellen vergiften. Glatz zeigt auf eine grosse, trichterförmige Koralle, die mehrere Zentimeter lange Kampftentakeln ausstrecken kann.

Kitt wegen der Seesterne

Nebst der Rost-, der Gümmeli- und der Kabelbinder-Methode arbeitet Glatz mit Spezialkitt, mit dem man Steinkorallen befestigt. Man fixiert den Kitt an einem Stein und steckt die Koralle hinein. «Den Kitt brauchen wir in den Aquarien, in denen rüpelige Fische leben oder Seesterne, die die Korallen rumschubsen können.»

Für die 50 Quadratmeter Korallenriff hat das Vivariumteam rund um Glatz noch etwa sechs Jahre Zeit, dann soll das Ozeanium eröffnen. Diese Menge zu züchten sei eine Herausforderung, sagt Glatz. In ihrer Haltung sind die Korallen empfindlich, bricht aber ein Arm ab, kann man ihn in mehrere Teile brechen und jeder wächst nach und bildet gleichzeitig einen neuen Stock. Das Tempo des Wachstums bei den Korallen ist unterschiedlich: «Es gibt solche, die wachsen im Jahr zwei Millimeter, andere zehn Zentimeter und mehr.»

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