Es gibt Menschen, die sich einen Beruf erfinden. Mats Staub ist einer von ihnen. Der 47-jährige Berner sammelt seit zehn Jahren Geschichten, die ihm wildfremde Menschen erzählen. Zum Beispiel zum Thema Grosseltern. Oder zur Frage, was die zehn wichtigsten Erlebnisse im Leben waren. Oder er will wissen, was seine Gesprächspartner gemacht haben, als sie 21 Jahre alt waren. Aus den Ton- und Videodokumenten kreiert er Installationen, die er in Theaterhäusern oder Museen zeigt. Dort zerbricht man sich jeweils den Kopf darüber, ob ein Theater- oder Filmemacher oder ein Künstler angekündigt werden soll.

«Ich selbst bezeichne mich gerne als Zuhörer», sagt Staub vor der Generalprobe zu seinem neusten Projekt, dessen Uraufführung sich die Kaserne gesichert hat. Danach geht die Installation auf Tour: Hannover, Edinburgh, Paris, Manchester, München, Madrid, Frankfurt. Im September zeigt er fünf seiner Arbeiten im Centre Culturel Suisse in Paris.

Was 2009 mit dem Grosseltern-Projekt als kleines Einzelunternehmen startete, ist zu einer veritablen Unternehmung mit einem festen Team ausgewachsen. Über tausend Geschichten zu unterschiedlichen Themen hat Staub mittlerweile in seinem Archiv, für dessen Präsentation er immer wieder neue Formen entwickelt. Der Mann, geboren im bernischen Murg, heute von Stadt zu Stadt ziehend, hat einen langen Atem und Geduld. Er arbeitet langsam, aber präzise an seinen Formaten, die sich meist als Langzeitprojekte über Jahre hinziehen.

Die Kraft des Erzählens

Staub hat Theater- und Religionswissenschaft und Journalismus studiert. Der Journalismus habe ihn gelehrt, dass die Geschichten einfacher Menschen oft interessanter sind als diejenigen der Prominenz. «Nur sind diese Geschichten in den Medien schwer zu platzieren», sagt er, der fünf Jahre für Zeitungen und Magazine geschrieben hat.

Um die Energie für so gross angelegte Projekte zu haben, braucht es für Staub jedoch mehr als das herkömmliche Sammeln von Oral History. «Bei jedem meiner Projekte gibt es einen biografischen Kern, etwas, das in mir brennt.» Antrieb für das Grosseltern-Projekt war die Erkenntnis, dass er die eigenen kaum kennt. Das Projekt «21» entstand, weil das 21. Lebensjahr für ihn ein entscheidendes war. Die Frage, was die zehn wichtigsten Ereignisse im Leben, ja was überhaupt wichtig ist im Leben, trieb ihn selbst um, bevor er sie anderen stellte.

Im Lauf der Jahre entdeckte Staub die Kraft des Geschichtenerzählens. «Es passiert immer etwas mit den Menschen. Erzählen ist ein emotionaler Akt. Es hat etwas Heilsames an sich», erklärt er. Dabei gehe es nicht nur um Erinnerung und das Ordnen derselben. «Erzählen hat für mich weniger mit der Vergangenheit, sondern mit dem Hier und Jetzt zu tun. Es geht ja darum, was das Erlebte mit mir heute macht.»

Er macht die Erfahrung, dass die Menschen, die mit ihm ihre Geschichten teilen, dies letztendlich als Geschenk empfinden. Und er, der Zuhörer, ist immer wieder von neuem fasziniert davon, wie interessant der Mensch doch ist.

Die letzten Fragen

Auch sein neustes Projekt «Death and Birth» hat einen sehr persönlichen Hintergrund. 2014 ist Mats Staubs Bruder gestorben. «Das hat mich umgeworfen, obwohl sein Tod absehbar war, und ich meinte, ich sei darauf vorbereitet.»

Der Schmerz führte zur Frage, wie wir mit den letzten Dingen umgehen. Wo haben sie Platz in unserem Leben? Staub suchte nach einer Form, diesen Fragen Raum zu geben. Während er in vorhergehenden Projekten die Interviews meist selbst führte, tritt er nun einen Schritt zurück. Jeweils zwei Menschen erzählen sich vor laufender Kamera ihre ganz persönlichen Geschichten über Geburt und Tod.

Wie immer kreiert Staub für die Erzählenden einen schützenden Gesprächsrahmen und für das Publikum ein entsprechendes Setting. Im grossen Saal der Kaserne sind vier Inseln aufgebaut, mit jeweils fünf bequemen Sesseln und zwei Monitoren. Auf ihnen sind die Gesprächspartner wechselweise als Zuhörerinnen und als Sprechende zu erleben. Die Gespräche dauern rund 50 Minuten. Je zwei davon bekommt jeder Gast zu sehen.

Nur schon ein kurzer Einblick vor der Premiere zeigt: Die Form erzeugt Sog, lässt Platz für die eigenen Gedanken und Erinnerungen. Ein angenehmes Arrangement für ernste Themen. Staub schenkt uns die Kunst des Zuhörens.