Frau Güdel, worüber plaudern wir? Was sagt das Nähkästchen?

Claudia Güdel: Dass wir über «Lohn» reden sollen.

Mit welchem Job haben Sie sich Ihr erstes Geld verdient? Und wofür haben Sie den Lohn ausgegeben?

Ich habe nach der Matur in einem Reisebüro gearbeitet, um einen Trip nach Kanada unternehmen zu können. Das war kurz bevor ich meine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Zürich angefangen habe.

Und Sie wussten schon damals, dass Sie Mode machen wollten.

Eigentlich schon, ja. Nach der Ausbildung – zuletzt in der Modefachklasse in Basel – hatte ich die Nase allerdings voll davon. Das Kleidermachen an sich hat mir sehr gefallen, aber den Zirkus drumrum empfand ich als schwierig. Für ein grosses Label hätte ich erst recht nicht arbeiten können, mich den Trends unterwerfen.

Was haben Sie stattdessen gemacht? Irgendwie musste ja Lohn rein kommen.

Ich gab Computerkurse an der Fachhochschule, ich habe mir das Programmieren Ende der 1990er im damaligen Hyperstudio selber beigebracht. Die neuen Medien faszinierten mich, ich überlegte gar eine zeitlang, der Mode den Rücken zu kehren.

Was hat dazu geführt, dass es doch nicht dazu gekommen ist?

Mir fehlte es, gestalten zu können. Ich bin ein sehr handwerklicher Mensch. Nach und nach habe ich die Liebe zum Kleidungsstück wiederentdeckt.

Seit 16 Jahren arbeiten Sie hier im Atelier, haben ein Geschäft in Zürich und eines in Basel, beschäftigen sieben Angestellte. Sie haben geschafft, wovon viele Designer träumen: Sie können vom Beruf leben. Ihr Erfolgsrezept?

Meine Kunden mögen es, dass ich keinen Trends hinterher hechle. Dass die Qualität stimmt, dass ich in Europa produziere. Ich mache keine Mode, sondern langlebige Kleider, in denen man sich wohlfühlt.

Warum produzieren Sie nicht in Asien?

Als kleiner Betrieb ist es unmöglich, die Abläufe dort zu kontrollieren. Ausserdem ist meinen Kunden sehr wichtig, wo und wie etwas produziert wurde. Es ist sogar das Kauf-Hauptkriterium.

Lassen Sie sich nicht doch hin und wieder von Trends inspirieren? Ich sehe, Sie tragen Turnschuhe...

...das ist ein Trend, den ich mag. Ich sage ja nicht, dass ich immun bin dagegen. Es ist interessant zu sehen, wie der Zeitgeist sich jeweils in der Mode widerspiegelt.

Haben die Basler einen guten Modegeschmack?

Wenn ich unterwegs bin, schaue ich stets um mich, suche nach Inspiration. Da ist grade ziemlich nichts; peinlich finde ich, dass alle mit diesen fellbesetzten Kapuzenjacken rumlaufen. Ich dachte, das krasse Modediktat hat sich abgeschwächt... Schade, dass die Menschen nicht auf mehr Individualität vertrauen.

Nicht jeder hat das Geld, um sich Kleider wie die Ihren leisten zu können.

Stil ist nun wirklich keine Frage des Geldes. Im Brocki oder auf dem Flohmi finden sich stets tolle Stücke, so habe ich das früher immer gemacht. Da kannst Du Dir coole Styles zusammenstellen.

Ihre neuste Sommerkollektion ist soeben in den Läden eingetroffen. Was ist in dieser Saison tonangebend?

Grün kommt oft vor, in allen Schattierungen, sogar knallgrün. Die Farbe tut gut.

Nicht zu frech für die zurückhaltenden Basler?

Nein, die Nachfrage danach ist sehr gross. Meine Kunden tragen das, wonach sie Lust haben. Frauen als auch Männer.

Diese leichte schwarze Bomberjacke in Lederoptik ist auch toll.

Das ist kein Leder, sondern ganz feine, plattgewalzte Baumwolle eines Schweizer Produzenten. Das gibt diesen schönen Glanz und den natürlichen Tragekomfort.

Experimentieren Sie gerne mit Materialien?

Ich lasse mich von ihnen inspirieren. Am liebsten von Stoffen alteingesessener Betriebe. Anfangs wollte ich ausschliesslich mit Naturfasern arbeiten, aber die Qualität von sauber produzierten synthetischen Stöffli ist sehr gut, etwa Soft-Shell, aus dem viele meiner Mäntel und Jacken sind. Bei synthetischen Stoffen kommt zum Beispiel Farbe besser zur Geltung, oft ist das Material auch langlebiger und pflegeleichter.

Wie bleiben Sie derart gelassen, so ohne geregeltes Einkommen? Es kann ja sein, dass plötzlich niemand mehr Ihre Kleider kaufen möchte. Und dann?

Alle meine Mitarbeiter erhalten denselben Lohn, inklusive mir. Diese sind nicht allzu hoch, auch wenn es gut läuft, sodass Rückstellungen möglich und die Löhne gesichert sind. Dieses Polster beruhigt mich. Der Februar lief zum Beispiel gar nicht gut, und da bricht dann nicht gleich Panik aus.

Grundsätzlich sind und waren Sie – auch während der Euro-Krise – gut unterwegs. Während andere Läden schliessen mussten. Was macht Sie krisenresistent?

Meine Kleider sind ennet der Grenze nicht erhältlich. Ich bewege mich in einer Nische. Und man muss ereit sein, etwas zu riskieren: Den Laden in Zürich habe ich im Finanzkrisenjahr 2008 eröffnet. Aber es hat funktioniert! Und ich hatte auch Glück.

Glück allein reicht nicht. Was hat Ihnen zum Durchbruch verholfen?

Mein Dickkopf sicher auch. Wenn ich von etwas überzeugt bin, ziehe ich es durch, egal, was andere sagen. Aber es war wirklich viel Glück dabei. Für den Basler Laden zum Beispiel bezahle ich einen humanen Mietzins, weil es der Eigentümerin wichtig war, dass ein lokales Geschäft einzieht.

Haben Sie viele Neider?

Ein grusiges Gefühl. Das Konkurrenzdenken ist mir zuwider; ich spanne lieber mit anderen Designern zusammen; mit Tanja Klein etwa habe ich das Geschäft in Zürich eröffnet. Eine gesunde Konkurrenz inspiriert und hebt die Qualität.

Sie sind Zürcherin, leben aber seit 24 Jahren in Basel. Was hat dazu geführt, dass Sie hier kleben geblieben sind?

Nach der Modefachklasse wollte ich eigentlich weg. Nach einem Praktikum in New York musste ich aber feststellen, dass das nicht meins ist. In New York muss man wahnsinnig viel Kompromisse eingehen, um eventuell Erfolg zu haben. Ich habe Showrooms gesehen, die von Ratten bevölkert waren, und die Designer trotzdem extrem hohe Mieten zahlen mussten.

Was mögen Sie an Basel?

Das Herzliche, das Verbunden-sein. Eine kulturell reiche Stadt, aber in den Quartieren herrscht fast dörfliche Atmosphäre. Man kennt sich, grüsst sich, kommt schnell mit anderen Menschen in Kontakt. Und die Basler schätzen meine Arbeit. Das ist für mich der grösste Lohn überhaupt.