Siegfried Brockmann, Leiter Unfallforschung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), hat eine klare Meinung und die liegt quer zur langjährigen Praxis der Schweiz. «Es ist nicht gut, die gleichen Promillegrenzwerte für Auto- und Fahrradfahrer zu haben, sonst sagen die Leute, da kann ich ja gleich das Auto nehmen. Wir brauchen deutliche Sprünge.»

Eine Bestrafung von alkoholisierten Velofahrern mit 0,5 oder 0,8 Promille mache zum Beispiel erst dann Sinn, wenn für die Autofahrer 0,0 Promille gelte. Seine Einschätzung werde von Experten in ganz Deutschland geteilt.

Grenze bei 1,1 Promille

Mit einer neuen Studie von 2014 konnte Brockmann nachweisen, dass die Leistungsfähigkeit der meisten Probanten bei 1,1 Promille deutlich abnahm. Der Vorschlag des GDV, in Zukunft 1,1 Promille statt den bisherigen 1,6 Promille als strafrechtliche Grenze für die absolute Fahruntüchtigkeit festzulegen, konnte sich allerdings beim Deutschen Verkehrsgerichtstag Anfang 2015 nicht durchsetzen. Bei dem Treffen kommen jährlich Verkehrsexperten zusammen.

Da die Studie keine Handhabe dafür gab, dass ab 1,6 Promille ausnahmslos jeder Velofahrer als fahruntüchtig anzusehen ist, konnte sich die Forderung weder beim deutschen Verkehrsminister, noch beim Präsidenten des Verkehrsgerichtstags, Kay Nehm, durchsetzen. «Wir haben heute schon eine ausreichende Möglichkeit im Strafgesetzbuch, alkoholisierte Fahrradfahrer zu bestrafen. Darüber hinaus ist es nicht Aufgabe des Strafrechts, Verkehrsteilnehmer (und deren Versicherung) vor sich selbst zu schützen», schreibt er der bz in einer E-Mail.

Derzeit können Velofahrer in Deutschland strafrechtlich schon ab 0,3 Promille belangt werden, wenn sie auffällig werden oder einen Unfall verursacht haben. In der Praxis spiele dies aber keine Rolle, so der GDV.

Ab 1,6 Promille gilt es ernst

Richtig ernst gilt es auf dem Velosattel also erst ab 1,6 Promille, denn dann kann in Deutschland wie auch in der Schweiz der Fahrausweis für das Auto abgenommen werden. In beiden Ländern muss dem Fehlbaren dafür allerdings Trunksucht nachgewiesen werden.

Die Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) hat eine differenzierte Haltung zum Thema. So schreibt Mediensprecher Daniel Menna, dass alkoholisiertes Velofahren in der Schweiz nur eine geringe Unfallrelevanz habe. Die 0,5-Promillegrenze stelle die BFU nicht infrage, verfolge aber die Entwicklung in Deutschland mit Interesse. So teilt Menna zwar mit: «Mit 0,8 Promille das Velo statt das Auto zu nehmen, ist grundsätzlich eine richtige Überlegung». Er schränkt aber ein: «Noch deutlich besser und sinnvoller ist es allerdings, auf den öV oder ein Taxi zu setzen oder zu Fuss nach Hause zu gehen. Es wäre also keine gute Idee, in Hinblick auf einen alkoholseligen Abend bereits fest einzuplanen, das Fahrrad zu nehmen.»