Was machen die Orchester, wenn der meistbespielte Konzertsaal der Stadt umgebaut wird? Sie weichen aus. Ins Musical Theater, zum Beispiel. Dort ist das Sinfonieorchester Basel derzeit öfter zu hören als in seiner eigentlichen Heimbasis. Denn im Musiksaal geben die Bauarbeiter den Ton an: Nach den Plänen des Basler Architekturbüros Herzog & de Meuron (HdM) wird das Konzerthaus renoviert und erweitert. Die Transformation ist unübersehbar, wenn man derzeit den Steinenberg passiert: Die Verbindung zum Stadtcasino wurde in den letzten Monaten abgerissen, eine neue Passage zum Barfüsserplatz geschaffen.

Die Bauarbeiten dauern noch zwei Jahre an. Nicht nur die sinfonischen Orchester begeben sich in dieser Zeit auf Reisen, auch manche Artefakte des Hauses. Das manifestiert sich in einer neuen Ausstellung, die Kuratorin Sandra Fiechter im Auftrag der kantonalen Denkmalpflege konzipiert hat. Sie rollt die 147-jährige Geschichte des Musiksaals auf, mit Plänen, Bildern, Klängen.

Die Zeit der Zionistenkongresse

Zu den Artefakten gehört etwa eine Gedenktafel in deutscher und hebräischer Schrift, die temporär ins Museum Kleines Klingental gezügelt worden ist. Die Tafel verdeutlicht, dass der Musiksaal nicht nur Pilgerort für Musikfreunde ist, sondern in mehrfacher Hinsicht Geschichte geschrieben hat.

1897 tagte im als Mehrzwecksaal genutzten Gebäude der erste Zionistenkongress unter der Leitung von Theodor Herzl. Es folgten weitere Zionistenkongresse, die Basel internationale Ausstrahlung verliehen und den Grundstein für die Gründung des Staates Israel legten. Kein Wunder, dass die Gedenktafel ein beliebtes Fotosujet bei israelischen Touristen ist.
Stehlin, der prägende Architekt

Einen Platz in den Geschichtsbüchern hat sich auch der Architekt des Musiksaals gesichert: Johann Jakob Stehlin (1826–1894). Man könnte ihn etwas salopp als den HdM des 19. Jahrhunderts bezeichnen, hat er doch das Basler Stadtbild nach der Kantonsspaltung geprägt. Dass sein Vater zwischen 1858 und 1868 Basler Bürgermeister war, erwies sich sicher nicht als Nachteil für den jungen Architekten.

Aber Stehlin Junior hatte nicht nur Vitamin B, sondern auch grosses Talent. Das stellte er mit prestigeträchtigen, markanten Bauten wie der Hauptpost an der Freien Strasse, dem Gerichtsgebäude an der Bäumleingasse, der Kaserne oder dem Bernoullianum bei der Universität unter Beweis.

Paris als Vorbild

Stehlin liebte die grossstädtische Atmosphäre, ganz besonders hatte ihn Paris beeindruckt. Er wünschte sich für seine Heimatstadt Basel ebenfalls ein Ensemble von Kulturbauten an zentraler Lage. Eine Kulturmeile.

Die Gelegenheit war günstig, angetrieben von Industrialisierung und Wohlstand erlebte Basel einen Boom. Und mit dem Abbruch der alten Stadtmauern hatte man im frühen 19. Jahrhundert vom mittelalterlichen Stadtbild Abschied genommen, die Stadt quasi entfestigt.
Die Umbruch- und Aufbruchstimmung machte sich auch in der Gesellschaft bemerkbar: Die Bevölkerung organisierte sich in Vereinen, rege wurden solche gegründet, angefangen etwa beim Basler Gesangverein, den es seit 1824 gibt und der heute als ältester gemischter Chor in der Schweiz noch immer aktiv ist.

Die Kultur, sie wurde durch die Vereine zunehmend aus dem Privaten, den Salons, herausgeholt und öffentlich zugänglich. Veranstaltungen mit Spiel und Spass fanden im Stadtcasino statt, doch damit nicht genug: In unmittelbarer Nähe realisierte Johann Jakob Stehlin seine stadtplanerische Vision einer Basler Kulturmeile.

Zunächst baute er die Skulpturenhalle (1887), gefolgt von der Kunsthalle und dem Stadttheater. Letzteres wurde Mitte der 1970er-Jahre gesprengt und durch einen Neubau ersetzt. Wie viel architektonischer Charme dabei verloren ging, belegen die historischen Bilder in der Ausstellung.

Ausgezeichnete Akustik

1875/76 schliesslich erfolgte die Realisierung des Musiksaals. Auftraggeberin war die Casino-Gesellschaft Basel, die für ihre Veranstaltungen mehr Platz brauchte. Stehlin baute einen Saal für 1500 Besucher, orientierte sich dabei am «Schuhschachtelprinzip», welches das Leipziger Gewandhaus berühmt gemacht hatte, das für seine ausgezeichnete Akustik bekannt war. Dem Basler Architekten schwebte ein vergleichbares Prunkstück vor.

Was ihm auch gelang: Der Musiksaal gilt bis heute als «State of the Art», der Akustiker Leo L. Beranek platzierte den Basler Saal im globalen Ranking auf Platz sechs. Ein bisschen bedauerlich, dass auf die viel gerühmte, hervorragende Akustik nicht spezifisch eingegangen, das internationale Renommée nicht gespiegelt wird.

Dafür erfährt man, dass der Saal nicht nur für Konzerte genutzt wurde. Vor 100 Jahren fand hier die erste Schweizerische Mustermesse statt. Ebenfalls im 20. Jahrhundert erfreuten sich Maskenbälle und Boxkämpfe grosser Beliebtheit, was nicht immer konfliktfrei mit den tonangebenden Orchestern über die Bühne ging. Auf diese unbekannteren Seiten der Saalnutzung wird mit sehenswerten historischen Fotografien, Plänen und Dokumenten hingewiesen.

Brücke zur Gegenwart

Am Ende wird eine Brücke zur Gegenwart geschlagen: Die Ausstellung erinnert an den Wettbewerb für einen Neubau des Stadtcasinos, den die irakische Star-Architektin Zaha Hadid zu Beginn des neuen Jahrtausends gewann. Trotz breiter Unterstützung von Politikern und Kulturschaffenden wurde das Projekt aber 2007 in einer kantonalen Volksabstimmung versenkt.

Der grössere Neubau wurde von einer Mehrheit als zu dominant empfunden.
Die Probleme des Konzerttempels blieben somit ungelöst: Das Haus brauchte neue Foyers, Garderoben, Lüftungen und Serviceräume. Die Casino-Gesellschaft gab Herzog & de Meuron den Auftrag, eine neue Lösung zu finden. Die Architekten kamen zum Schluss, dass die Erweiterung aus dem Altbau heraus wachsen müsse, als sei es schon immer so gewesen. Die Erweiterung wird daher für den flüchtigen Blick in der gleichen, neobarocken Sprache gestaltet, der Eingang aber künftig auf der Seite des Barfüsserplatzes liegen.