Agenten-Filme
Die Agentenseele wird geschüttelt und gerührt

Eine Agentenfilm-Reihe im Stadtkino zeigt, wie es dem Spion im Lauf der Zeit immer mehr ans Eingemachte geht. Der Spion ist laut Co-Kurator Johannes Binotto «die strahlende Verkörperung männlicher Neurosen.»

Susanna Petrin
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In diesem Moment sagt Superagent Bob Saint-Clair (Jean-Paul Belmondo) im Film «Le Magnifique» zu seiner Co-Spionin: «Wie ihre Haut mit Bach harmonisiert.» Sie (Jacqueline Bisset) korrigiert ihn: «Händel».

In diesem Moment sagt Superagent Bob Saint-Clair (Jean-Paul Belmondo) im Film «Le Magnifique» zu seiner Co-Spionin: «Wie ihre Haut mit Bach harmonisiert.» Sie (Jacqueline Bisset) korrigiert ihn: «Händel».

Cinémathèque Suisse

2012 ringt James Bond nach zwei Klimmzügen um Atem. 007 mag nicht mehr. Er ist ein Wrack, körperlich und seelisch. Was hat der arme Kerl die vergangenen 50 Jahre – seit seinem ersten Kinofilm «James Bond – 007 jagt Dr. No» – alles durchstehen müssen, dass er nun im neusten Streifen «Skyfall» so erschöpft ist? Nicole Reinhard, Leiterin des Stadtkinos Basel, und ihr Team hätten es dem Publikum gern vor Augen geführt; aus aktuellem Anlass wollte sie diesen Monat sämtliche Bond-Filme Revue passieren lassen.

Doch das Broccoli-Imperium, Herrscherin über die 007-Verfilmungen, stoppte diese Mission im letzten Moment: Bis März duldet es keine anderen Bondfilme neben dem Laufenden. Damit hatte Reinhard überhaupt nicht gerechnet: «Ich habe noch nie ein Veto bekommen wegen eines Filmstarts. Ich hatte alle Kopien beisammen, die Rechte klären wir jeweils in einem letzten Schritt ab.» Das war Mitte Oktober. Jetzt bekam auch Reinhard zu spüren wie das so ist, im Wettlauf gegen die tickende Zeitbombe die Welt zu retten. Die Filmarchive standen ihr zur Seite – und es ist ihr gelungen. Zusammen mit dem Filmspezialisten Johannes Binotto hat Reinhard ein schönes Agenten-Filmprogramm zusammengestellt, «Beyond Bond» – über Bond hinaus.

Von den Anfängen bis zur Parodie

Die Kuratoren spannen den Bogen von der Stummfilmzeit bis heute, von Fritz Langs «Spione» (1928) bis Christopher Nolans «Inception» (2010). «Es war spannend, nachzuverfolgen, welche typischen Elemente dieses Genres woher kommen, und welche sich halten», sagt Reinhard. So entdeckte sie, dass der Bösewicht, der im Rollstuhl Weltallmachtsphantasien hegt, bereits bei Fritz Lang sein Unwesen treibt – lange bevor Bonds Antagonist Blofeld oder Kubricks Dr. Strangelove auftauchen. Oder auch, dass im witzigen «Our Man in Havana» (1959) ein Bond-Strassenschild auf die grosse Zukunft der Fleming-Verfilmungen verweist.

Verfügt ein Genre einmal über so klar etablierte Konventionen wie der Agentenfilm, fallen nicht nur Querbezüge leicht, sondern auch Regelverstösse und Parodien. Eine ebenso komische wie kluge Persiflage ist «Le Magnifique» (1973), der am 23. und 31. Dezember gezeigt wird. Da erschreibt sich ein ausgeschossener Schriftsteller sein omnipotentes Alter Ego. Während der Autor unter dem Regen, seinem knausrigen Verleger und seiner Schüchternheit gegenüber der Nachbarin leidet, hat seine von der Sonne Mexikos braungebräunte Geheimagentenfigur dieselbe Frau, in Spioninnen-Version, längst in seinem Bett und den Bösewicht, der des Verlegers Gesicht trägt, im Sack. Doch dann beginnt der Autor, Phantasie, Realität und Lesererwartungen durcheinanderzuwirbeln.

Ein bisschen homosexuell

Nicht einmal Bond, «diese eskapistische Fantasie für den Normalbürger» ist einfach der «souveräne Mann, der, immer alles länger und besser kann», sondern «ambivalenter als man glaubt», sagt Kulturwissenschaftler Johannes Binotto. Einem Historiker sagte er einmal: Die Frauen seien bei Bond vor allem Camou-flage, so richtig zur Sache gehe es zwischen Held und Bösewicht. Worauf dieser konsterniert antwortete: «Aber James Bond ist doch sehr heterosexuell.» Jetzt in Skyfall bekommt Binotto explizit Recht.

Als Beweis für die Ambivalenz des Helden sowie seine aufs Leiden verlagerte Lust, hat Binotto im Vortrag «Bond, Bondage und die ambivalente Lust am Agentenfilm» etliche Filmausschnitte zusammengetragen. Zweideutig bis zur Selbstironie müsse der Held sein, wie in den älteren Bond-Filmen, oder ernsthaft aber gebrochen, wie heute, lautet Binottos These – anders sei ein Superheld nicht auszuhalten.

«Wir nehmen die Agentenseele ins Visier», verspricht das Programmheft. So führt die «Beyond Bond» Reihe vor allem die innere Entwicklung des Protagonisten vor. Diese steure von den äusseren Abgründen zu den noch gefährlicheren im Kopf. So werde klar, schreibt Binotto, dass «die Jagd der Agenten rund um den Erdball immer nur ein verzweifelter Versuch war, sich den Abgründen im eigenen Kopf nicht nähern zu müssen.» Ungefähr seit «Bourne Identity» (2002) stellen die Helden sich ihrer inneren Zerissenheit – nach dieser Tortur bleibt keine Kraft für mehr als zwei Klimmzüge.

www.stadtkinobasel.ch

Webseite des Filmexperten Johannes Binotto: www.binotto.ch/johannes