Schweizerhalle
Die Akte Schweizerhalle ist auch nach 25 Jahren noch nicht geschlossen

Ein halbes Jahr nach Tschernobyl hatte die Schweiz am 1. November 1986 sein «Tschernobâle», wie damals die ausländischen Zeitungen schrieben: 19 Minuten nach Mitternacht entdecken eine Polizeipatrouille und ein Angehöriger des Werkschutzes der Sandoz AG Flammen in der Lagerhalle 956.

Fabian Muster
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25 Jahre nach der Umweltkatastrophe Schweizerhalle
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 Zeitungsverkauf in Basel nach der Brandkatastrophe im Sandoz-Werk in Schweizerhalle vom 1. November 1986.
 Mitglieder des Seuchenkommandos bei den Aufräumarbeiten nach der Brandkatastrophe vom 1. November 1986 in Schweizerhalle nahe Basel. Ueber 8'000 Fässer enthalten den ganzen giftigen Abfall der Sandoz-Katastrophe.
 Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle nahe der Stadt Basel in der Schweiz war ein Einschnitt in der jüngeren Geschichte der Region und der Rheinanlieger. Der Chemiebrand am 1. November 1986 bedeutete für die Bevölkerung eine Schreckensnacht und hatte Folgen bis auf die politische Ebene.
 Das Ortsschild von Schweizerhalle, Produktionsstandort zahlreicher Chemie- und Pharmakonzerne wie Novartis oder Ciba SC.
 Der Präsident des Basler Chemie - und Pharmakonzerns Sandoz, Marc Moret, spricht am 21. November 1986 zum ersten Mal nach der Katastrophe von Schweizerhalle zu den Medien in Basel. Moret ist zehn Jahre nach der Fusion von Sandoz und Ciba im 83. Altersjahr gestorben. Der Novartis-Ehrenpräsident starb am Freitag, 17. März 2006 nach längerer Krankheit. Moret gilt als Architekt der am 7. Maerz 1996 besiegelten Fusion von Sandoz und Ciba zur Novartis. Er hatte mit Ciba-Ehrenpräsident Louis von Planta die Fusion eingeleitet. Mit der Fusion trat Moret aus dem aktiven Berufsleben zurück. In seine Amtszeit fiel auch die dramatische Brandkatastrophe im Sandoz-Pestizidlager in Schweizerhalle vom 1. November 1986.
 Bei der Basler Chemiefirma Sandoz bricht am 1. November 1986 kurz nach Mitternacht ein Grossbrand in einer Fabrikationshalle in Schweizerhalle / BL aus. In der durch das Feuer zerstörten Lageralle befinden sich ueber 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Durch das giftige Löschwasser, das in den Rhein gelangt, werden über 150 000 Aale getötet. Dieses Bild zeigt das Einsammeln der toten Aale am Rheinufer bei Iffezheim in Baden-Baden / BRD.
 Bei der Basler Chemiefirma Sandoz bricht am 1. November 1986 kurz nach Mitternacht ein Grossbrand in einer Fabrikationshalle in Schweizerhalle / BL aus. In der durch das Feuer zerstörten Lageralle befinden sich über 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Unser Bild zeigt die Löscharbeiten durch die Feuerwehr einen Tag nach dem Brand, mit der Detailansicht eines Wasserwerfers in Aktion.
 In Schutzanzuegen und mit Schutzmaske werden am 10. November 1986 bei den Aufräumarbeiten nach der Brandkatastrophe vom 1. November 1986 in Schweizerhalle nahe Basel ausgebrannte Fässer untersucht.
 Eine Menschenkette im Rahmen eines "Internationalen Rheinalarms" am 14. Dezember 1986 reicht von Basel bis in das deutsche Freiburg im Breisgau. Für eine lückenlose Kette werden über 60 000 Menschen benötigt. Am 1. November 1986 kam es in Schweizerhalle nahe Basel in einer Lagerhalle der Firma Sandoz zu einem Grossfeuer, dem über 1'000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel zum Opfer fielen.
 Sicherheitskräfte der Sandoz befoerdern nach dem Chemieunglueck im November 1986 unsanft einen Fotografen vom Firmengelände in Basel, Schweizerhalle.
 Ein weiterer Chemieunfall im Sandoz-Werk in Schweizerhalle nahe Basel am 9. Dezember 1987. Nach einer Explosion in der Freiluftanlage des Baus 924 geriet die Anlage in Brand.
 Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle nahe der Stadt Basel in der Schweiz war ein Einschnitt in der juengeren Geschichte der Region und der Rheinanlieger. Der Chemiebrand am 1. November 1986 bedeutete fuer die Bevoelkerung eine Schreckensnacht und hatte Folgen bis auf die politische Ebene.
 Eine Grosskundgebung, bei der Demonstranten mit einem Transparent mit der Aufschrift "bla bla bla...blabla...bla!" aufmarschieren, anlässlich des Chemieunfalls nach dem Brand vom 1. November 1986. Hierbei kam es in Schweizerhalle bei Basel in einer Lagerhalle der Firma Sandoz zu einem Grossfeuer. Der Oberlauf des Rheins war nach den Löscharbeiten biologisch nahezu tot.
 Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle nahe der Stadt Basel in der Schweiz war ein Einschnitt in der jüngeren Geschichte der Region und der Rheinanlieger. Der Chemiebrand am 1. November 1986 bedeutete für die Bevölkerung eine Schreckensnacht und hatte Folgen bis auf die politische Ebene.
 Studenten des Konservatoriums Basel veranstalten in Basel einen Trauermarsch für den Rhein. Auf klassischen und modernen Instrumenten spielen sie Trauermusik und drüüen so ihre Gefühle über die Ereignisse um die Brandkatastrophe in Schweizerhalle aus, aufgenommen im November 1986.

25 Jahre nach der Umweltkatastrophe Schweizerhalle

Silvio Mettler/Keystone

Kurz darauf gibt es die ersten Explosionen. Noch Stunden später verbrennen die 1300 Tonnen Chemikalien explosionsartig. Feuerwehrleute kämpfen zum Teil ohne Schutzmasken gegen den Brand, die Behörden rufen die Bevölkerung auf, die Fenster zu schliessen und verhängen eine mehrstündige Ausgangssperre, weil eine stinkende Wolke von Osten her über Basel zieht.

Bis zu 40 Tonnen vergiftetes Löschwasser färbt den Rhein rot und lässt in den nächsten Tagen Tausende von Fischen sterben, darunter bis zu 220 Tonnen Aale. In der Sondersendung am Morgen nach dem Unfall spricht Tagesschau-Sprecher Erich Gysling von der «grössten Katastrophe in der Basler Chemie».

Die Brandkatastrophe hat das Vertrauen der Bevölkerung in die Basler Chemie nachhaltig erschüttert. Schon eine Woche nach dem Ereignis gehen 10 000 Leute auf die Strasse. Als an einem Podium mit der Sandoz-Spitze und der Baselbieter Regierung die vom Volk geforderte Entschuldigung ausbleibt, fliegen tote Fische – die Verantwortlichen müssen sich durch den Hintereingang fortmachen.

Verurteilt werden später nur zwei Feuerwehrkaderleute, welche am Tag nach dem Unfall Löschwasser in den Rhein geleitet haben. Der Firmenleitung ist keine Verantwortung nachzuweisen. Als vermutliche Brandursache wird der leicht entzündliche Markierfarbstoff Berliner Blau identifiziert.

Regierung muss Kritik einstecken

Die Brandkatastrophe bei Schweizerhalle wurde nicht nur zum Mahnmal, sondern auch zum Weckruf: Mit der Störfallverordnung verbesserte der Bund die Sicherheitsstandards, zudem wurden die Lücken im Umweltrecht gestopft. Heute wäre eine solche Katastrophe nicht mehr möglich, weil das vergiftete Löschwasser ins Rückhaltebecken fliessen würde.

Sandoz, 1996 mit Ciba-Geigy zu Novartis fusioniert, leistete Schadenersatzzahlungen und finanzierte Projekte, welche die Wasserqualität des Rheins verbesserten. Bereits drei Jahre nach dem Unfall hatte sich der Fluss einigermassen regeneriert.

Doch nach 25 Jahren ist die Akte Schweizerhalle noch nicht geschlossen: Am Brandort gelangen bis heute vier- bis sechsmal mehr Schadstoffe ins Grundwasser, als bei den Sanierungszielen zwischen den Behörden und der Chemie festgelegt wurde. Trotzdem hat der Kanton Baselland die Unfallstelle kürzlich nur als «belasteten Standort mit Überwachungsbedarf» eingestuft. Weitere Sanierungsmassnahmen sind damit unnötig. Was die Chemiefirmen begrüssen, entsetzt die Kritiker: Die Regierung fasse die Chemie mit Samthandschuhen an und erteile ihr einen Freipass.

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