Saint-Louis
Die alte Danzas-Fabrik wird durch Künstler wiederbelebt

Aus einer alten Danzas-Industriebrache entsteht das Kulturzentrum «Cité des métiers d’art et rares». Das Gebäude wird aufwändig restauriert, doch der grosse Ansturm bleibt aus: Es gibt erst drei Bewerber.

Annette Mahro
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Das künftige Zentrum für seltenes Kunsthandwerk ist derzeit noch eine Baustelle.

Das künftige Zentrum für seltenes Kunsthandwerk ist derzeit noch eine Baustelle.

Annette Mahro

«Die Idee dahinter war, das industrielle Erbe unserer Stadt nicht verloren gehen zu lassen und gleichzeitig handwerkliches Können zu erhalten», erklärt Jean-Marie Zoellé, Maire von Saint-Louis. Eine seit Jahren verlassene Industriebrache an bester innerstädtischer Lage lässt die Stadt deshalb jetzt zur neuen «Cité des métiers d’art et rares» umbauen, zu einem Zentrum für Kunsthandwerker und Vertreter seltener Berufe. Das Projekt passt sich ein in das der Kultur verpflichtete Innenstadtkonzept, das, wo immer möglich, auch historische Bausubstanz erhalten will.

Ausbau im Danzas-Gebäude

Ein erster Schritt in dieser Richtung war das 2004 eröffnete Fernet-Branca Museum für zeitgenössische Kunst in der zuvor aufgegebenen Magenbitter-Destillerie. 2007 folgte das Literatur-Café, das in einem aufwändig renovierten Fachwerkbau seine Bleibe fand, dem einst als Hotel genutzten Maison David. Bis Ende des Jahres soll jetzt das neue Kunsthandwerkszentrum in die schon 1990 verlassenen Hallen eines 1806 in Saint-Louis gegründeten Zolldienstleisters einziehen.

1815 war der junge Marie Mathias Nicolas Louis Danzas in das Unternehmen eingetreten. Die später weltweit agierende Spedition seines Namens war geboren. Dass das schliesslich in Basel ansässige und 1999 von der deutschen Post übernommene Unternehmen in Saint-Louis seine Wurzeln hatte, wissen die Wenigsten. Umso wichtiger war es den politisch Verantwortlichen, eine Erinnerung zu behalten.

Industrie-Ruine

Mehr als die Aussenmauern des doppelstöckigen Ziegelbaus stehen jedoch derzeit nicht mehr. Innen klafft ein riesiges Loch. Noch scheint es schwer vorstellbar, dass die budgetierten 2,1 Millionen Euro vor Steuern ausreichen, um aus der abgestützten Ruine auf einer Grundfläche von 1500 Quadratmetern etwas Neues entstehen zu lassen. 16 zwischen 20 und 70 Quadratmetern grosse Werkstätten sind insgesamt geplant. Deren Infrastruktur soll sich an den Bedürfnissen ihrer Nutzer orientieren, etwa was Belüftung und Ventilation betrifft.

Zudem hat der Architekt, der Colmarer Alain Friedrich, die Decken speziell für grosse Lasten ausgelegt, sodass sie auch schweres Gerät oder entsprechende Werkstücke tragen können. Allen Mietern gemeinsam stehen im Erdgeschoss ein Ausstellungsraum zu Verfügung; Vitrinen, um ihre Werke zu präsentieren, aber auch ein begrünter Aussenbereich mit Sitzstufen, der ausdrücklich als Begegnungsort mit der Bevölkerung angelegt ist.

Idee von Ueberschlag und Vonville

Was mit dem vor Jahren von der Stadt gekauften Bau passieren sollte, war lange nicht klar. Die Idee für die Cité wird dem letztes Jahr altershalber zurückgetretenen früheren Maire Jean Ueberschlag zugeschrieben, aber auch dem einstigen Kulturbeauftragten der Stadt und heutigen Direktor des Fernet-Branca Museums, Guschti Vonville, dem schon in den späten 1990er-Jahren Ateliers und eine künstlerische Nutzung vorschwebten.

Man setzte sich in jedem Fall dafür ein, dass die Hallen, aller Baufälligkeit zum Trotz, nicht abgebrochen werden sollten. «Diese Ziegel sind schliesslich ein Sediment der Saint-Louiser Geschichte», sagt der Architekt. Nun beteiligt sich die Région Alsace mit 690000 Euro, das Département du Haut-Rhin mit 300000 und der europäische Regionalentwicklungsfonds FEDER mit 400000 Euro.

Den Mietern sollen nur die Kosten für den laufenden Unterhalt berechnet werden. Noch stehen die Interessenten nicht Schlange. Sicher für den Einzug vorgemerkt sind dem Vernehmen nach erst drei Kunsthandwerker: eine Keramikerin, ein Instrumenten- und ein Pfeifenbauer.

Wären denn auch Bewerbungen von jenseits der Grenzen denkbar? Man würde sie sogar begrüssen, sagt Jean-Marie Zoellé: «Die Cité ist ja ausdrücklich auf Austausch ausgelegt. Wenn der auch über die Grenzen geht: umso besser.»