Bildung

Die Angst, aufzufliegen: Wie Lese- und Schreibschwäche das Leben einer Baslerin bestimmten

Kaschierte ihre Unsicherheit gekonnt: Viviane Rueff tritt souverän auf.

Kaschierte ihre Unsicherheit gekonnt: Viviane Rueff tritt souverän auf.

Jede zehnte Person in der Schweiz hat Mühe mit Lesen und Schreiben. Eine von ihnen ist die Baslerin Viviane Rueff. Der Weg zur Selbstsicherheit war lang und fordernd – der Erfolg aber lohnte sich.

Die Taktik funktionierte gut. Wenn sie mal wieder unsicher war, ging Viviane Rueff nach der Schulstunde zum Lehrer nach vorn und liess sich genau erklären, welche Seiten wichtig sind für die Prüfung. Die 56-Jährige leidet seit ihrer Kindheit an einer Lese-, Schreib- und Rechenschwäche. Acht Seiten waren für die Schülerin viel, Rueff las sie so gut es ging durch, lernte sie in stundenlanger Detailarbeit auswendig – und bestand ihre Prüfung. «Ich habe mich durchgeschlängelt», sagt sie heute.

Lehrer, Vorgesetzte, Mitarbeiter: Rueff wickelte sie mit ihrem Charme um den Finger, um von ihren Unsicherheiten abzulenken. Wie ihr geht es rund zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung. Sie sitzen in Büros, arbeiten in Spitälern oder besetzen Chefpositionen. Oft merkt niemand etwas von ihrer Schwäche. Damit das so bleibt, haben alle ihre Tricks. «Ich habe meine Brille verlegt», sagen sie dann und lassen die Sekretärin die Mails beantworten.

Rueff lacht, wenn sie solche Anekdoten erzählt. Der Auftritt der Ernährungsberaterin ist selbstbewusst, sie redet schnell und mit Schalk. Die zweifache Mutter sitzt im Garten ihres Einfamilienhauses. Sie hat ihre Kartei mit den persönlichen Lernkarten für die kompliziertesten Wörter aus dem Büro geholt. «Diskussion» steht auf einer Karte, auf der Rückseite die Eselsbrücke: Auch der Kuss schreibt sich mit zwei s. «Akzeptieren» steht auf der nächsten. «Das schwierigste Wort überhaupt», sagt Rueff. «Wer kommt schon auf die Idee, ein K mit einem Z zu kombinieren?» Wenn ihr die Aussprache eines Wortes schwerfällt, beginnt sie kaum merklich zu murmeln, in der Hoffnung, dass ihr Gegenüber es für sie richtig artikuliert. «Jetzt habe ich geschummelt», sagt sie dann entschuldigend.

Leseschwäche: eine Volkskrankheit

Rund 800'000 Personen in der Schweiz teilen das Schicksal von Viviane Rueff. Bei allen äussert sich das Defizit in unterschiedlichen Bereichen. Sie können lesen und schreiben, besuchen während neun Jahren die Schule, aber immer wieder stolpern sie über scheinbar einfache Wörter. «Betroffene sind zu langsam, um das Geschriebene zu verstehen und aufzunehmen. In der Rechtschreibung sind sie unsicher, weil sie während der Schulzeit nicht genügend individuell gestärkt wurden», erklärt Barbara Gadient, die an der Volkshochschule beider Basel auch schon Rueff unterrichtete.

Zum Weltalphabetisierungstag diesen Sonntag möchte Gadient auf die Thematik aufmerksam machen. Mittlerweile sei klar, dass es sich nicht nur um ein sprachliches Defizit handle. Die Kursleiterin spricht von Grundkompetenzen, die fehlen. Zu den Hürden zählen Alltagsmathematik und der Umgang mit digitalen Medien.

Das zeigt auch das Gespräch mit Rueff. Wenn sie wissen will, wie alt sie in einem bestimmten Jahr war, rechnet sie das schriftlich aus. Online einen Artikel zu lesen, ist für sie besonders schwierig. «Das Schlimmste ist, wenn nebenan noch Werbung auftaucht, die sich bewegt. Das stresst mich total», erzählt sie. Andere Betroffene können nur Texte im Blocksatz lesen, weil sie der Flattersatz ablenkt.

Vor der Schule schlief sie schlecht

Wie andere Personen in ihrem Alter bereitet der technische Fortschritt auch Rueff Mühe. Einfache Alltagssituationen können bereits zur Herausforderung werden. Am Billettautomaten ein Veloticket zu lösen, beispielsweise. Für Rueff eine besonders unangenehme Situation. «Da bekomme ich leichtes Herzklopfen, alles geht mir zu schnell.» Dass sie mit gewissen Aufgaben mehr Schwierigkeiten hat als andere, merkt Viviane Rueff bereits im Alter von sieben Jahren. Sie geht nicht gerne zur Schule, schläft schlecht, fühlt sich unwohl. Sie wiederholt die erste Klasse, absolviert die obligatorische Schulzeit und später eine Lehre als Papeteristin. An der Abschlussprüfung in Mathematik benutzt sie jeweils ihre Finger, um Rechenaufgaben zu lösen. Ihr Defizit ist ihr und ihrem Umfeld bewusst, ein wirkliches Problem ist es nicht.

Mit 25 Jahren wird Rueff Mutter eines Sohnes, dreieinhalb Jahre später kommt der zweite Sohn zur Welt. Statt ihren Kindern vorzulesen, hören alle zusammen Hörbücher. Der Wendepunkt kommt mit der Einschulung ihres Ältesten. «Plötzlich kam alles wieder hoch. Ich hatte wahnsinnig Angst, meinen Kindern bei den Hausaufgaben nicht helfen zu können.»
Im «Baslerstab» entdeckt Rueff Anfang der Neunzigerjahre eine Anzeige für Grundkurse in der Volkshochschule. Drei Jahre lang geht sie zwei Mal die Woche für drei Stunden in einen Kurs.

Der Weg zur Selbstsicherheit

Gewissenhaft und herausfordernd sei sie gewesen, erinnert sich ihre damalige Kursleiterin Barbara Gadient. Der Weg zu mehr Selbstsicherheit sei ein «riesiger Prozess», der viel Zeit und Ausdauer beanspruche. Über ihre ehemalige Kursteilnehmerin sagt Gadient: «Sie hat ihren Weg gefunden. Sie hat gemerkt, wo sie Unterstützung braucht und was ihr hilft.» Ganz ablegen können werde Rueff ihre Unsicherheit aber wohl nie. Auch die Betroffene selbst ist sich bewusst, dass die Ängste nicht ganz verschwinden werden. Jede private Korrespondenz, jede E-Mail lässt sie von ihrem Mann kontrollieren. Seit vierzig Jahren sind die beiden ein Paar. Manchmal fehlt ihnen die Geduld, aber sie sind ein eingespieltes Team. «Sie ist sicherer geworden», sagt ihr Mann über seine Frau.

Dass es Rueff heute schafft, schlagfertig aufzutreten, ist das Ergebnis harter Arbeit. Auch auf das Interview mit der «Schweiz am Wochenende» hat sie sich vorbereitet, auf einem kleinen Zettel hat sie sich wichtige Stichworte notiert. Wie nahe ihr das Thema geht, lässt sich nur erahnen. Es ist ihr wichtig, wie sie auf andere wirkt. Sogar im Austausch mit Freunden und Bekannten will Rueff schriftliche Fehler möglichst vermeiden. Statt Kurznachrichten zu schreiben, zieht sie es vor, Sprachnachrichten zu versenden.

Schreibt sie doch einmal eine Nachricht, dann hilft ihr das Schweizerdeutsch. «Hier gibt es ja keine Regeln, da kann ich schreiben, wie ich will.» Menschen, die in Kurznachrichten die Rechtschreibung nicht beachten, kann Rueff nicht verstehen. Nachlässig wirkt das auf sie, die pingelig genau darauf achtet, alle Hauptwörter auch wirklich gross zu schreiben.

Die Freude am Lernen neu entdeckt

Trotz aller Schwierigkeiten gibt Rueff nicht auf. Mit 44 Jahren absolviert sie trotz Schulneurose eine Ausbildung zum Ernährungscoach und schliesst sie erfolgreich ab. Auch privat ist ihr Leben im Umbruch. Ihre Söhne zog es in die Ferne, mittlerweile leben beide im Ausland. Derweil arbeitet ihre Mutter, die neben Deutsch und Französisch auch Englisch versteht, pausenlos an sich. Um sich mit der Schwiegertochter besser unterhalten zu können, vertieft sie nun ihre Englischkenntnisse in einem Konversationskurs. «Es ist schwierig», sagt sie nur.

Sie hat gelernt, ihre Stärken zu schätzen. Ihre Offenheit, ihre herzliche Art, ihr Können. Für die Organisation ihrer Firma «Lebende Geschichte» kann sie diese nun auch beruflich einsetzen. Als Geschäftsfrau ist sie für die Werbung und Kommunikation zuständig.
Heute weiss Rueff, was sie braucht. Sie nimmt sich Zeit, um ihren Tag zu strukturieren. Auch ihre Korrespondenz erledigt sie mittlerweile meist selbst. Rechtschreibfehler macht sie schliesslich kaum mehr.

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