Literatur

Die Angst vor dem nahenden Ende: Die Basler Autorin Mena Kost hat alten Menschen zugehört

Die Basler Autorin Mena Kost.

Die Basler Autorin Mena Kost.

Die Basler Autorin Mena Kost hat alten Menschen zugehört und sich damit der eigenen Angst vor dem Tod gestellt.

Ein bescheidener Wunsch, und doch unmöglich: noch einmal einen Salat essen, wie ihn die Mutter zubereitet hat. «Der war so gut! Daran denke ich noch heute», sagt Alice Schaufelberger, die mit 111 Jahren älteste Frau der Schweiz. In «Ausleben», dem neu erschienenen Porträtbuch von Mena Kost und Annette Boutellier, erzählen 15 Menschen zwischen 83 und 111 Jahren von ihrem langen Leben, ihren Hoffnungen – und dem nahen Tod. «Es tut gut, über den Tod zu reden», schreibt die 40-jährige Basler Journalistin Kost im Vorwort zu ihrem Buch. «Weil man ihn damit, zumindest ein Stück weit, gemeinsam akzeptiert.»

Kost lässt eine Bergbäuerin, einen Nobelpreisträger oder einen ehemaligen Verdingbub in eigenen Worten und frei von jedem Pathos über die letzten Dinge reden. Wenn sie einmal wehmütig sei, sagt etwa die 2019 verstorbene Schauspielerin Monica Gubser, dann im Frühling. «Alles blüht, alles kommt wieder. Nur die Menschen, die mir am nächsten sind, kommen nicht mehr.»

Trotzdem ist immer auch von Dankbarkeit die Rede. «Ich beklage mich nicht», sagt etwa der 1933 geborene Erio Marazzi, der seine demente Frau und die Tochter mit Down-Syndrom pflegt. «Warum? Weil ich es im Leben nicht schlecht hatte.» Ergänzt werden die berührenden und oft auch überraschend heiteren Lebenszeugnisse durch die konzentrierten Porträts der Fotografin Annette Boutellier, von der auch das aktuelle Bundesratsfoto stammt.

Für nächste Woche ist die Vernissage Ihres Buches angesagt. Findet sie trotz der Pandemie statt?
Mena Kost: Nein, die ist abgesagt. Zuerst fand ich das sehr schade: Einmal im Leben eine Buchvernissage, und dann findet sie nicht statt. Aber jetzt bin ich sehr froh, weil einige der Porträtierten schon angemeldet waren. Und wir hatten so ein Glück: Wäre das Virus ein Jahr früher gekommen, gäbe es das Buch nicht.

Eine solche Krise könnte Anlass sein, sich gemeinsam über die eigene Endlichkeit Gedanken zu machen.

Genau. Unsere Gesellschaft beschäftigt sich viel mit Anfängen, aber zu wenig mit dem Aufhören. Dabei wird die ganze Fülle des Lebens erst erkennbar, wenn man das Ende mitdenkt.

Als Möglichkeit, eine Lebensgeschichte auf den Punkt zu bringen?

Ja, wobei man beim Erzählen des eigenen Lebens natürlich sehr an die Umstände und das Schicksal gebunden ist. Ab einem bestimmten Punkt im Leben ist viel vorgespurt, wer dann noch etwas ändern will, muss das ganz dezidiert tun. Sonst geht es darum, den Fokus auf das zu legen, was an der eigenen Geschichte gut ist. Für alte Menschen ist das die einzige harte Währung, denn die Möglichkeiten schwinden: Man wird schwächer, das Umfeld stirbt weg – die Welt wird wirklich kleiner. Deshalb war ich auch so beeindruckt, wie positiv und aufgeräumt die Porträtierten sind.

Was hat Sie an dem Thema gereizt?

Meine Grosseltern sind mir sehr wichtig, und meine Grossmutter hat mir gezeigt, was das Älterwerden bedeuten kann. Wie man sich mit seinen reduzierten Möglichkeiten immer und immer wieder neu arrangieren muss. Irgendwann hat sich der Tod einfach so in unsere Beziehung eingeschlichen. Davon wollte ich zuerst gar nichts wissen, bis ich merkte: Wenn ich unsere Nähe bewahren möchte, müssen wir auch darüber reden. Da erst merkte ich, wie reich das Thema ist. Wie gut es für unsere Beziehung ist, und für mich.

Und wie haben Sie die Gesprächspartner für Ihr Buch gefunden?

Ich wollte möglichst unterschiedliche Menschen zu Wort kommen lassen: aus der Stadt, vom Land, gläubig, nicht gläubig, mit Kindern und ohne. Dann habe ich eine Umfrage gestartet, wer mitmachen möchte, per Brief. Und es waren nur gerade zwei Leute, die aus guten Gründen abgesagt haben. Es sind mutige Menschen, die gemeinsam mit einer Öffentlichkeit auf ihr Leben schauen. Und, noch viel mutiger: die vorwärtsblicken. Sie sind auch sehr stolz auf das Resultat.

Hat diese Gelassenheit im Umgang mit dem eigenen Tod auch damit zu tun, dass diese Menschen mehr durchgemacht haben, zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg?

Gut möglich, dass der Tod während ihrer Jugend präsenter war. Es macht eben einen grossen Unterschied, ob man nur kondoliert, oder ob man die Toten mit eigenen Augen sieht. Früher ging man noch zu den Nachbarn und sass dort in der Stube, wo jemand aufgebahrt lag. Man hat viel mehr mitbekommen und dadurch auch mitgetragen.

Was mich verblüfft, ist die Demut und Dankbarkeit, mit der sich die Befragten ihrer Lebensbilanz stellen…

Das hat mich auch überrascht. Und dann ist es auch so, dass einige von der heutigen Zeit irritiert sind: nicht unbedingt von den jüngeren Menschen, aber von unserem Umgang mit Ressourcen, der Verschwendung von Essen zum Beispiel. Das betrifft diese Leute wirklich. Ich habe selbst alte Grosseltern, und wenn wir alle so leben würden wie sie, dann wäre vieles anders.

Denken Sie nach Ihrem Buch anders über das Alter?

Unbedingt! Wir klammern alte Menschen zu oft aus unserer Wahrnehmung aus. Das merke ich an mir selber: Vor dem Buch habe ich ältere Personen an der Tramhaltestelle gar nicht richtig beachtet oder sogar weggesehen. Jetzt schaue ich genauer hin, und dadurch ist die Stadt für mich vielfältiger geworden.

Und über den Tod?

Was ich durch das Buch gelernt habe, ist, dass es einen Unterschied zwischen dem Sterben und dem Tod gibt. Vor dem Sterben haben viele Angst, weil es mit Leiden verbunden sein kann. Den Tod selbst fürchten aber die wenigsten alten Menschen. Das hat mich sehr beruhigt, weil man sich offenbar mit dem Gedanken an den Tod versöhnen kann. Ich selbst aber bin in einer Phase, wo es schlimm für mich wäre, wenn jemand aus meinem Umfeld sterben würde. Und mein eigener Tod wäre schlimm für meine Kinder.

Haben Sie eine Vorstellung davon, was Sie danach erwartet?

Nein, und ich bin ganz froh, dass ich mich nicht festlegen muss. Ich bin nicht religiös. Aber meine Grossmutter hat mir einmal geschrieben, dass unsere Verbindung nie aufhören wird. Für eine solche Vorstellung bin ich schon empfänglich.

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Buch «Ausleben – Gedanken an den Tod verschiebt man gerne auf später» von Mena Kost und Annette Boutellier. Christoph-Merian-Verlag, 196 Seiten.

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