Raphael Urweider ist ein Multitalent. Seit er im Jahr 2000 seinen ersten Gedichtband «Lichter im Menlo Park» herausgegeben hat, gehört der Berner zu den wichtigen und mit Preisen bedachten Stimmen der deutschsprachigen Lyrikszene. Der 44-Jährige ist aber auch Rapper, komponiert Theatermusik, begleitet sich selbst oder andere Literaten auf dem Piano. Er schreibt Theatertexte und leitete von 2008 bis 2010 das Schlachthaus Theater Bern.

Nun tritt er mit seinem neusten Gedichtband «Wildern» am Internationalen Lyrikfestival Basel auf. In der Woche darauf zeigt das Roxy Birsfelden das Stück «Faul». Urweider zeichnet bei dieser Produktion der Berner Theatergruppe Peng! Palast als Dramaturg und
Co-Autor. Wir führten mit dem Umtriebigen ein Telefongespräch.

Herr Urweider, das neue Stück, das Sie als Co-Autor mitverfasst haben, dreht sich um Faulheit. Sind Sie selbst faul?

Raphael Urweider: Faulheit ist ein beladener Begriff. Den Zusammenhang zwischen faul im Sinne von verrotten und nichts tun, den gibt es ja nur in der deutschen Sprache. Dadurch ist Faulheit bei uns negativ besetzt. Darum würde ich mich nicht als faul bezeichnen. Ich bin noch nicht am Verrotten (lacht).

Ist denn Ihr Stück ein Plädoyer für das Nichtstun?

Vielleicht eher ein Plädoyer gegen diesen blinden Eifer der Dauerbeschäftigung. Alle tun dauernd etwas, aber niemand überlegt sich genau, was er eigentlich tut. Einfach, weil die Gesellschaft das so vorgibt. Unsere Beziehung zur Arbeit ist eine religiöse geworden.

Wie meinen Sie das genau?

Wir leben in Zeiten einer ungeheuren Überproduktion. Wir stellen zu viele Güter her und besitzen auch zu viele. Kommt hinzu, dass die Beziehung zwischen Arbeit und Geld sich schon lange aufgelöst hat. Es wird ja niemand mehr reich durch Arbeit. Gleichzeitig wächst die Geldmenge, aber die hat eben nichts mehr mit Lohnarbeit zu tun.

Und wie kommt da die Religion dazu?

Für viele Menschen stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens gar nicht, solange sie Arbeit haben. Die Arbeit selbst ist zum Lebenssinn geworden. Deshalb gibt es Leute, die sich umbringen oder Depressionen bekommen, wenn sie nicht mehr arbeiten können. Wir definieren uns durch die Arbeit, der Wert unserer Existenz wird an ihr bemessen.

Sie und das Ensemble sind deswegen nach Griechenland gereist.

Die Idee war, über einen neuen Sinn der Arbeit nachzudenken, in einem Land, in welchem 40 Prozent der Menschen arbeitslos sind. Eine Gesellschaft, in der das kapitalistische Modell, das bei uns zu funktionieren scheint, nicht funktioniert.

Wieso ausgerechnet Griechenland?

Die Theorie ist, dass Krisen zu Kreativität führen. Aber das ist natürlich eine kitschige Ausgangslage, und wir machen uns auch lustig über uns selbst, die Sehnsucht nach einem solchen Modell zu haben. Es geht im Stück auch um das Klischee des armen Künstlers. Wir fragen uns, wie man Kreativität messen kann. Was ist eigentlich der genaue Wert eines Theaterstücks? Deshalb schaltet sich im Stück dann auch die Förderstelle ein, als Deus ex Machina, die hinterfragt, was wir mit dem Geld gemacht haben und ob wir noch den Kriterien entsprechen. Denn bei uns werden die Schweizer Schauspieler erst durch billige griechische, dann durch Roboter ersetzt.

Das klingt lustig.

Ja, für mich ist es eine Komödie, die unsere Theaterarbeit reflektiert, immer vor dem Hintergrund der Frage, was Arbeit überhaupt ist.

Sie selbst haben sich mal entschlossen, Dichter zu werden.

Entschlossen ist etwas hoch gegriffen. Ich habe 1999 diesen Leonce & Lena Preis erhalten. Von da an wurde gesagt, ich sei Dichter.

Nun ist Dichter nicht unbedingt ein lukrativer Beruf.

Im gewissen Sinn ist Dichten ja nicht ein Beruf, sondern eine Lebenseinstellung. Geld verdient man damit nicht, oder zumindest nicht genug. Das ist ja auch der Grund, warum ich so viele verschiedene Sachen mache. In anderen Sprachräumen ist es einfacher, als Dichter zu leben. Die meisten aus den USA beispielsweise, die ich kenne, können an Universitäten Creative Writing oder so etwas unterrichten.

Sie sagen, Dichter sein sei eine Lebenshaltung. Woraus besteht die?

Der Dichter betrachtet die Welt aus der Perspektive der Sprache. Es geht um Spracharbeit, darum, dass Sprache nicht nur als Kommunikationsmittel da ist, sondern auch als Masse, um Sprachskulpturen zu formen. Der Dichter schaut, wie Sprache sich verändert, wie sie verwendet wird. Gestern hat beispielsweise jemand in den Nachrichten gesagt: «Der Wald musste Federn lassen.» (lacht).

Das tönt nach einem stillen Beruf am Schreibtisch. In Ihrem neusten Buch «Wildern» reist da einer von Stadt zu Stadt. Ist Ihnen Reisen wichtig?

Es ist eine Existenzform, die sich entwickelt hat. Ich bin wegen Theateraufführungen oder Lesungen viel unterwegs und schreibe über das, was ich erlebe. Kommt hinzu, dass Umgebungswechsel inspirierend sind. Wenn man jeden Tag dasselbe sieht, wird es schwierig, es überhaupt noch zu sehen. Neue Orte öffnen die Sinne.

Im Zusammenhang mit «Wildern» wird geschrieben, es gehe darin um die Natur. Aber eigentlich wildert da jemand in der Zivilisation.

Ich mache zwischen Zivilisation und Natur nicht so einen Unterschied. Die Zivilisation wird immer mehr zur Natur. Wir sprechen ja vom Grossstadtdschungel. Und die Natur wird immer mehr zivilisiert. Der Mensch und die Natur sind untrennbar verbunden. Da gibt es keine klare Grenze. Andersherum hat die Natur etwas Zeitloses. Von daher bin ich ein klassischer Dichter. Ich versuche, Texte zu schreiben, bei denen der Leser nicht wissen muss, aus welchem Jahr sie stammen. Zum Beispiel mein London-Gedicht: Ich schrieb es 2005, aber ist auf überraschende Weise aktuell. Ich spürte damals schon, dass diese Briten nicht viel mit Europa zu tun haben wollen.

Und wie sehen Sie Theatertexte?

Das sind eher Gebrauchstexte. Sie haben mit Poesie nicht viel zu tun. Sie nehmen viel mehr Stellung. Theater ist für mich ein gesellschaftspolitischer Raum mit einer ganz anderen Dringlichkeit.

Anders als die Dichtung?

Es drängt dich ja kein Verlag dazu, den nächsten Gedichtband herauszugeben. Man muss schon froh sein, wenn man einen findet, der das überhaupt macht.