Corona-Virus

Die Art Basel Hongkong findet statt – virtuell

Blick auf das HKCEC(Bildmitte) auf Hongkong Island. Hier findet die Art normalerweise statt.

Blick auf das HKCEC(Bildmitte) auf Hongkong Island. Hier findet die Art normalerweise statt.

Die Kunstmesse nimmt die Zukunft vorweg und bietet den Galerien eine Onlineplattform, um sich an sieben Tagen zu präsentieren.

Pünktlich um 18 Uhr Ortszeit startete gestern die Art Basel Hongkong für die VIP der globalen Kunstwelt. Für einmal öffneten sich jedoch nicht die Türen des Messezentrums der chinesischen Metropole, sondern bloss die Fenster auf den Computerbildschirmen.

Nach der Absage der Art Basel Hongkong bereits Anfang Februar aufgrund des Corona-Ausbruchs findet die Kunstmesse lediglich online statt. 235 Galerien beteiligen sich am supponierten Event. In ungewohnter Gleichheit hat jede von ihnen eine Box im passwort-geschützten Portal erhalten. Von da führt ein Link in die jeweiligen Galerie-Räume. In denen sind wiederum bis zu zehn Werke in einheitlicher Form an einer weissen Wand gezeigt. Die Grossen der Branche wie Zwirner und Gagosian sind ebenso vertreten wie Schweizer Galerien, angeführt von Peter Kilchenmann, Hauser & Wirth, Eva Presenhuber oder Urs Meile.
Über 2000 Werke der modernen und aktuellen Kunst werden in gewohnter Art-Qualität präsentiert. Anstelle des sonst sehr diskret angebrachten Preisschildes steht deutlich geschrieben, was die Preisvorstellungen sind. Die Spanne reicht von einem meist fünfstelligen Betrag bis zu über einer Million Dollar als Verhandlungsbasis etwa für einen Georg Baselitz.

Was fehlt, wenn die Kunstmesse fehlt

Ob die Galerien tatsächlich über diese rasch aufgebaute Online-Präsentation Kunst verkaufen werden, muss sich erst weisen. Schliesslich ist die Situation auch für den Sammler speziell. Gewohnt ist er sich eine Messeumgebung, wie auf dem Werk «The Disconnect» (siehe Abbildung) des US-amerikanischen Künstlers Eric Fischl aus dem Jahr 2015. In gedankenschwerer Haltung geht der Sammler durch die Galerien, macht sich künstlerische, aber auch pekuniäre Überlegungen, ob und welches Werk er sich leisten soll. Wird es eher ein Keith Haring sein, wie an der linken Seite des Gemäldes angedeutet? Oder doch eher das Bild hinten an der Wand, dessen erotischer Stil der Sammler sonst von Fischl kennt?

850 000 Dollar ist die Verhandlungsbasis für Fischls Werk, das vor dem Kauf lediglich als elektronisches Abbild zu betrachten ist. Wer sich dennoch dafür interessiert, kann sich über einen direkten E-Mail-Link mit einer Anfrage an die New Yorker Galerie Skarstedt wenden. Es fehlen jedoch die messetypischen Situationen, wie Käufer und Verkäufer so vertraut wie vertraulich am kleinen Klubtisch in einer Koje den konkreten Preis aushandeln. An dessen Stelle tritt nun die hygienisch-cleane Korrespondenz. Das Social Distancing ist mehr als nur gewährleistet.

Die Art Basel erhält sich ihre Sichtbarkeit

Für die Art Basel ist die virtuelle Kunstmesse gleichzeitig ein Akt der Schadensbegrenzung wie ein doppelter Vorgriff. Mit der Absage der Hongkonger Messe haben die Aussteller drei Viertel der einbezahlten Standmieten zurückerhalten. Welchen Verlust der Basler Messebetreiber MCH Group zu tragen hat, hängt nicht zuletzt von der Frage ab, was die Versicherung bereit sein wird, zu übernehmen. Mit der Online-Präsentation ermöglicht die Art Basel den Ausstellern zumindest wieder eine gewisse Sichtbarkeit; nicht zuletzt jene zum erlesenen Kreis der Art-Basel-Galerien zu gehören. Eine solche ist besonders wichtig, weil derzeit auch nicht sichergestellt ist, dass die Art Basel in Basel tatsächlich wird stattfinden können. Deren Eröffnung soll am 18. Juni sein.

Ein Vorgriff ist die virtuelle Messe jedoch auch, weil die MCH Group ohnehin davon ausgeht, dass der Kunstmarkt künftig stärker vom Onlinehandel bestimmt sein werde. Die neuesten Daten aus dem Report «The Art Market», den die UBS jährlich mit der Art Basel publiziert, zeigt allerdings, dass diese Entwicklung weniger rasant erfolgen wird. Neun Prozent des Umsatzes im Kunsthandel werden mittlerweile zwar online abgeschlossen. Bei einem Gesamtrückgang des Marktes im Jahr 2019 gegenüber Vorjahr um fünf Prozent auf 64 Milliarden Dollar, ist allerdings volumenmässig auch der Onlinehandel um zwei Prozent geschwunden.

Der Online-Kanal ist der Weg zu den Neukunden

Für die Art Basel, die sich im High-end-Bereich positioniert, hat der Onlinehandel bisher eine noch geringere Bedeutung. Denn die UBS-Erhebung zeigt, dass das Onlinegeschäft vor allem bei kleineren Galerien wichtig ist, die weniger als eine Million Dollar Umsatz pro Jahr machen; diese erwirtschaften heute bereits 12 Prozent ihres Umsatzes im Onlinegeschäft. Galerien mit über zehn Millionen Dollar Umsatz wickeln dafür nur gerade ein Prozent im Onlinehandel ab.

Dies kann sich jedoch rasch ändern. Denn aus der UBS-Studie geht auch hervor, dass Neukunden stark über den Online-Kanal zu akquirieren sind; jeder zweite Onlinekunde ist neu im Kunstmarkt unterwegs. Noch stärker würde ins Gewicht fallen, wenn wie derzeit der freie Personenverkehr über weite Distanzen erschwert oder verhindert wird; rund drei Viertel der Onlinekäufer sind über 1000 Kilometer vom Verkäufer entfernt zu Hause. So wie viele Kunstinteressierte, die sich von morgen an von irgendwo auf der Welt frei bei der Art Basel Hongkong einloggen können.

Autor

Christian Mensch

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