Vernissage-Besucher hatten in Basel die Qual der Wahl: Regenschirm oder Risiko? Und vor allem: Liste, Volta14, Swiss Art Awards, Art Unlimited – eine oder alle?

Die Kunstmesse-Woche ist voll lanciert. Und, wir sind ehrlich: Am meisten gespannt waren wir am Montag auf die Art Unlimited. Aus einfachem Grund: Die Präsentation grossformatiger Kunst, die man sich nicht an die Wohnzimmer-Wand hängen kann, ist aufgestiegen. In den ersten Stock der Halle 1. Und das wiederum klang nach einem Abstieg. Nach einer Degradierung, ist dieser Aufstieg doch nicht freiwillig geschehen.

Denn die Messe Schweiz steht unter Druck. Das mit Diamanten bestückte Flaggschiff, die Baselworld, musste 2018 stark redimensioniert werden, die Aussteller waren so unzufrieden mit dem Preis-Leistungsverhältnis, dass das Flaggschiff zu kentern drohte. Um den Untergang zu vermeiden, ist die Messe den grössten Ausstellern der Uhren- und Schmuckmesse entgegengekommen. Sie dürfen ihre grossen, kostspieligen Pavillons (die exklusivsten sollen angeblich eine Million Franken kosten) das ganze Jahr über in der Halle 1 stehen lassen. Damit will die Messe die wichtigsten Marken bei der Stange halten.

Art Basel Unlimited - ein Rundgang

Art Basel Unlimited – ein Rundgang

Die Sonderausstellung «Unlimited» an der Art Basel zeigt 72 grossformatige Werke. Darunter befinden sich Arbeiten von Ai Weiwei (Tiger, Tiger, Tiger) oder Nedko Solakov (I miss Socialism, maybe).

Aus diesem Grund also ist die Art Unlimited in den ersten Stock der 2013 fertig gestellten Halle 1 gezügelt worden. Das sei verkraftbar, liess Messe-Chef René Kamm im Vorfeld in der «NZZ» verlauten. Nur zwei von 65 geplanten Projekten für die «Unlimited» seien so gross, dass man sie im oberen Stockwerk nicht realisieren könne.

«Still fabulous!»

Tatsächlich haben sich die Befürchtungen, dass diese grosse Schau sich im ersten Stock nicht entfalten könnte, in Luft aufgelöst. «Still fabulous!» lautet der Konsens der Besucher. Viele erfreuen sich auch an der Tatsache, dass die Design Miami durch einen direkten Zugang mit der Unlimited verbunden ist. Das wird der Designmesse im Süden der Halle 1 sicherlich den einen oder anderen Besucher bescheren.

Nicht nur vor, auch in der Unlimited wird man positiv überrascht. Zwar wirkt es ein bisschen enger als sonst, aber das auch, weil bereits beim VIP Opening Hunderte von Besuchern durch die Halle streifen.

Was zunächst auffällt: Es ist kaum eine Installation in Bewegung, auch ist weniger performative Kunst vertreten. Dafür sichtet man viele dekorative Arbeiten, auffällig viele aus Stoff.

Manches wirkt auf den ersten Blick nur formschön, bei näherer Betrachtung erschliesst sich einem aber eine politische Komponente. Zum Beispiel «Death Star II» (2017/18) von Robert Longo: Er hat 40'000 Patronen zu einer Kugelskulptur formiert, sodass man auf Distanz gar nicht erkennt, um welches explosive Material es sich handelt. Mit diesem Werk reagiert der New Yorker Künstler auf die erschreckende Zunahme an Amokläufen in seiner Heimat. 20 Prozent des Verkaufserlöses wird er einer Organisation spenden, die sich für ein schärferes Waffengesetz starkmacht.

Düster ist die Stimmung auch bei Jenny Holzer. Die Künstlerin, die allgemein für ihre neonbunten Lichtinstallationen bekannt ist, zeigt mit «Such Words» (2017) Marmorbänke, in die sie Gedichte von Anna Swirszczynska eingravieren liess, einer Polin, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hat.

Schwarze Sichtbarkeit

Die Unlimited gibt auch tiefe Einblicke in die Kunst eines Kontinents, der hier normalerweise untervertreten ist: Selten hat man eine so grosse Dichte an afrikanischen Künstlerinnen und Künstlern an der Messe erlebt. Allen voran Candice Breitz: Die Südafrikanerin hat eine Art Musical mit Sexarbeiterinnen aus Kapstadt gedreht. Die Arbeit ist auf zwei Räume aufgeteilt, im ersten sprechen die Frauen direkt in die Kamera über ihre Erlebnisse, im zweiten ist das bewegende Stück zu sehen.

Schwarze Sichtbarkeit lautet die Devise und sie durchzieht die ganze Unlimited. Aus einer mächtigen Skulptur des Afroamerikaners Rashid Johnson ist Live-Jazz zu hören und bei Mikhael Subotzky und Patrick Waterhouse taucht man in die Geschichte eines 54-stöckigen Wolkenkratzers ein, der – ursprünglich für reiche Weisse gebaut – heute als Symbol städtischen Zerfalls aus der Skyline Johannesburgs ragt. Die beiden Künstler haben sechs Jahre lang die Geschichte des Gebäudes zusammengetragen, mit jedem Bewohner Gespräche geführt und Fotos und Dokumente zusammengetragen, die sie als Archivarbeit an der Messe zeigen.

Die Unlimited ist trotz Umsiedlung weniger limitiert als befürchtet, im Gegenteil, sie räumt in diesem Jahr auch sichtbar mehr Platz für schwarze Stimmen ein. Eine erfreuliche Entwicklung.

Unlimited Halle 1, Messe Basel. 14. bis 17 Juni.