Verkehrskonzept
Die autofreie Innenstadt macht den City-Zulieferern zu schaffen

Das neue Basler Verkehrskonzept stellt die City-Zulieferer vor Probleme. Bis um 11.30 Uhr müssen sie die Strassen und Gassen der Innenstadt den Fussgängern überlassen haben. Das wird zu noch mehr Chaos führen, befürchten die Lieferanten.

Martina Rutschmann
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Die autofreie Innenstadt macht den City-Zulieferern zu schaffen
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Doch City-Zulieferern graut es vor den kürzeren Zufahrtszeiten und dem damit verbundenen Chaos.
Bis um 11.30 Uhr müssen die Lieferanten die Strassen und Gassen der Innenstadt ganz den Fussgängern überlassen haben.
Sie fragen sich: «Wie soll das gehen, wenn wir noch weniger Zeit haben?» Eine Antwort erwartet niemand. Getränkelieferant Denis Wagner von der Theo Rietschi AG prophezeit: «Dann kommen eben alle aufs Mal.»
Wenn möglich parkieren die Mitarbeiter des Getränkelieferanten Rietschi ihren Wagen weiter vorne in der Steinenvorstadt – doch da steht bereits die Konkurrenz.
Während die Bierlieferanten einen Parkplatz gefunden haben, dreht der Handwerker die dritte Suchrunde um den Barfüsserplatz.

Die autofreie Innenstadt macht den City-Zulieferern zu schaffen

Martin Töngi

So viel Harmonie bei so viel Konfliktpotenzial ist selten. Doch es bleibt beim Potenzial. Und wenn ein Chauffeur schräg auf der Strasse parkiert und der andere kaum durch kommt, dann ist es eben so. Kein Gehupe, kein Fluchen. Stilles Schaffen.

Getränke-, Gemüse-, Toilettenpapierlieferanten gehen Hand in Hand mit Sanitären, Fensterputzern, Malern, Kurierdiensten aller Art und Fahrern, die notfallmässig Blut transportieren. Dazwischen: Trams, Velos, Hunde. Menschen mit Rollatoren, Blindenstöcken, Stöckelschuhen.

Und dann kommen alle aufs Mal

Bis um 11.30 Uhr müssen die Lieferanten die Strassen und Gassen der Innenstadt ganz den Fussgängern überlassen haben. Eigentlich wäre die Regel seit 1. Januar: Anlieferzeit unter der Woche bis 11 Uhr, samstags bis 9 Uhr – und überhaupt nicht mehr nach Ladenschluss. Da die entsprechenden Signalisationen frühestens nach der Fasnacht im März montiert werden, herrscht Übergangs-Stimmung. Die baldige Änderung aber ist Thema bei den Lieferanten.

Sie fragen sich: «Wie soll das gehen, wenn wir noch weniger Zeit haben?» Eine Antwort erwartet niemand. Einer sagt: «Da hilft nur noch beten.» Und Getränkelieferant Denis Wagner von der Theo Rietschi AG prophezeit: «Dann kommen eben alle aufs Mal.» Bereits jetzt braucht er manchmal starke Nerven, wenn er die dritte Runde fahren muss, weil kein Platz frei ist. Oder wenn er 20 Meter vom Ziel entfernt parkieren muss, wenn auf seinem gewohnten Platz die Konkurrenz steht. «Wie gehts?», fragt er den Kollegen von der anderen Getränkefirma dann. «Bien, toi?» Am nächsten Tag ist es möglicherweise umgekehrt.

Zuversicht bei der Verwaltung

Die Verantwortlichen bei der Verwaltung sind zwar seit Monaten gefordert mit der parlamentarisch beschlossenen Verkehrsberuhigung; eine abschliessende Antwort, wie dem befürchteten Gedränge entgegengekommen werden soll, fehlt ihnen jedoch. «Die Praxis wird zeigen, wie gut das System angenommen wird und wie es funktioniert», sagt Romeo Di Nucci vom Amt für Mobilität.

Ähnliches weiss Andreas Knuchel vom Justiz- und Sicherheitsdepartement (JSD) zu berichten: «Wir gehen davon aus, dass die einzelnen Anlieferungen nicht die ganze zur Verfügung stehende Zeit in Anspruch nehmen und die Lieferanten wie bisher einen Weg finden werden, um aneinander vorbeizukommen.» Bereits heute funktioniere dies in der Fussgängerzone in der Regel problemlos.

Wann ist ein Notfall ein Notfall?

Denis Wagner beliefert Beizen wie den Stadthof und die Bodega am Barfüsserplatz oder die Piadina Bar in der Steinenvorstadt jeweils morgens und unter der Woche. Von seinen Kollegen, die auch samstags fahren, weiss er aber, wie eng es dann manchmal wird. Und wie gross die Befürchtung ist, dass es noch enger wird, wenn die Zeiten verkürzt werden. Hinzu komme ein weiteres Problem: «Viele Beizer arbeiten bis spät in der Nacht, müssen sie künftig noch früher aufstehen?» Es bleibe ihnen wohl nichts anderes übrig.

Recht hat er: Nur Blaulichtorganisationen sowie andere öffentliche Dienste hätten rund um die Uhr freie Zufahrt in den Kern der Innenstadt, heisst es beim JSD. In begründeten Fällen könne für «nicht aufschiebbare und nicht während den Güterumschlagszeiten vornehmbare Verrichtungen» gebührenpflichtige Kurzbewilligungen beantragt werden. Für Denis Wagner ist klar: Er muss die Zeiten einhalten.

Schwierig wird es bei Ausnahmesituationen. Wann ist ein Notfall ein Notfall? Ist es ein Notfall, wenn ein Förderband für Waren in einem Kaufhaus streikt und der Handwerker von der Firma Stöcklin das Band reparieren muss? Anders als ein Rohrbruch oder ein stecken gebliebener Lift ist die Sachlage hier unklar. «Das müsste im speziellen Fall beurteilt werden», sagt Andreas Knuchel vom JSD. Für den Handwerker spielt das keine Rolle, er ist jetzt schon gehetzt, wenn er seine Arbeit bis um 11 Uhr erledigen muss. «Wenn es länger dauert, bekomme ich eine Busse.» Sagts, und schleppt seine Reparatur-Koffer zum Förderband. Die Zeit läuft. Bald ist die Freie Strasse für den Nachmittag, was ein Schild an der Strasse seit Jahren suggeriert: Fussgängerzone.

Grossräte reichen Vorstösse ein

Das Parlament erhofft sich mit der autofreien Kernzone eine attraktivere Innenstadt. Ausgereift ist das Konzept offensichtlich aber nicht: Für mehrere Situationen ist noch nicht klar, wie sie gehandhabt werden sollen. Klar ist jedoch für den Gewerbeverband: «Das Verkehrskonzept muss gewerbefreundlicher werden.» Heute teilt der Verband mit, mit welchen Vorstössen einige Grossräte die «nicht akzeptable Situation» ändern wollen.

Eine aus Gewerbe- und Verwaltungsvertretern bestehende Begleitgruppe für Härtefälle habe erst für einen Bruchteil der Betroffenen «befriedigende Lösungen» gefunden.