Suchthilfe
Die Band Stoffwechsel gibt Basler Drogensüchtigen Halt in der Musik

Stoffwechsel ist eine besondere Band: Die Mitglieder sind Klienten der Kontakt und Anlaufstelle Riehenring. Die Musiker um Baschi Hausmann können sich in der Musik mit ihrer Sucht auseinandersetzen und erzählen ihre Geschichten ohne Schönfärberei.

Jasmin Grasser
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Die Mitglieder von Stoffwechsel (v.l.n.r.): Marc, Milli, Projektleiter Baschi Hausmann, Emanuele, Dominique, Beat und vorne Lloyd.

Die Mitglieder von Stoffwechsel (v.l.n.r.): Marc, Milli, Projektleiter Baschi Hausmann, Emanuele, Dominique, Beat und vorne Lloyd.

Martin Töngi

Didgeridoo-, Gitarren- und Schlagzeugklänge dringen durch die Räumlichkeiten der Kontakt und Anlaufstelle (K+A) Riehenring. Die Band Stoffwechsel, in der ausschliesslich Klienten der K+A musizieren, führt gerade ihre wöchentliche Probe durch. «Durchschnittlich haben wir neun Mitglieder in der Band», sagt Sebastian «Baschi» Hausmann, der das Projekt zusammen mit Carsten Meyer betreut.

Sieben Musiker sind an der Probe anwesend. Die Atmosphäre ist erstaunlich warm, was man nicht unbedingt erwartet, wenn man kurz zuvor die sterilen Spritzen- und Raucherräume durchquert hat.

Halt und Rhythmus

«Die Band ist auch immer ein bisschen eine Familie», sagt Milli, die Songs schreibt und singt. Sie ist erst vor kurzer Zeit wieder zur Band gestossen. «Ich musste eineinhalb Jahre wegen gesundheitlicher Probleme pausieren», erklärt sie. Die regelmässigen Proben und die Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken, hätten ihr allerdings gefehlt. Auch Emanuele und Marc schätzen die Freiheit, eigene Geschichten zu erzählen. «Wenn Menschen deine Lieder mitsingen, die sehr persönliche Geschichten erzählen, dann ist das immer ein spezieller Moment», sagt Marc.

Es sind genau diese Erzählungen, welche die Konzerte der Band so besonders machen: Die Musik hilft, Grenzen zu verwischen.

Illusionen machen sich die Bandmitglieder allerdings nicht. «Klar hören uns die Leute zu, aber damit ändert sich nicht die Einstellung uns gegenüber», sagt Marc. Und Emanuele fügt an: «Vielleicht denkt das Publikum während des Konzerts positiv von uns - sobald wir allerdings die Bühne verlassen, sind wir wieder dieselben verlebten Drogensüchtigen, denen man mit den immer gleichen Vorurteilen begegnet.»

Die Instrumente sind gespendet

Nicht alle persönlichen Erlebnisse verarbeitet die Band in Liedern. Zwei ehemalige Mitglieder sind verstorben. «Das sind Erfahrungen, die wir nicht nach aussen tragen wollen», sagt Lloyd bestimmt. Wie Dominique machte er bereits vor Stoffwechsel Musik. «Mir fällt es heute schwerer, auf die Bühne zu gehen», gibt er zu. Die Bandmitglieder scheinen genau zu wissen, wie ein grosser Teil der Umwelt sie wahrnimmt.

Gegründet wurde das Projekt 2008 von Musiker Hausmann und Carsten Meyer, der ausgebildeter Sozialarbeiter ist. «Wir haben mit Flyern auf das Projekt aufmerksam gemacht», erklärt Hausmann. Die Hemmschwelle für die Klienten, zu den Proben zu kommen, sei das erste Mal oft sehr hoch. «Es brauchte für mich sehr viel Überwindung», sagt Emanuele.

Die Instrumente, auf denen die Gruppe spielt, wurden von Musikläden und Bands gespendet. «Für weitere Spenden sind wir immer offen», sagt Hausmann. Im Moment fehle es vor allem an Blasinstrumenten.

Geschichten aus dem Leben

Es lohnt sich, Stoffwechsel zuzuhören, sowohl ihrer Musik wie auch den Menschen dahinter. Das Vorurteil, das es sich bei Konsumenten von Drogen um Menschen handelt, die sich nur um ihren Rausch kümmern, widerlegen die Bandmitglieder sehr schnell. Sprechen sie über die Musik, entwickeln sie eine Leidenschaft und ihre Augen funkeln.

Emanuel, der seit der zweiten Probe dabei ist, hat durch das Projekt gelernt, Bass zu spielen. «Ich wollte es gerne lernen und Baschi hat mir einen Bass in die Hand gedrückt», erinnert er sich mit einem leisen Lachen. Das Projekt habe sein Leben verändert. «Durch die Proben hat man einen Rhythmus und auch etwas, mit dem man sich zu Hause in seiner Freizeit beschäftigen kann.»

Marc schliesst sich dieser Meinung an: «Die Musik hat mir geholfen, einige Dinge in meinem Leben in Ordnung zu bringen.» Zudem würde er weniger konsumieren. Damit ist er nicht alleine - denn an den Proben gilt ein Konsumationsverbot. «Das Konzept von Sex, Drugs und Rock 'n' Roll ist trügerisch», sagt Hausmann grinsend. «Musik muss man bewusst und mit einem klaren Kopf machen», fügt Milli nickend an und erntet dabei in der Runde grosse Zustimmung.

Konzert heute Abend im Polizeiposten Clarastrasse, 18 Uhr, Teilnahme nur mit Anmeldung.