Blick in die Rheinhäfen

Die Baselbieter Rheinhäfen sichern die Öl-Landesversorgung

Jedes Produkt – nicht zuletzt das Flugpetrol, das besonders rein sein muss – hat seine eigenen Tanks, Leitungen, Filter, Füllstutzen und Tankwagen.

Jedes Produkt – nicht zuletzt das Flugpetrol, das besonders rein sein muss – hat seine eigenen Tanks, Leitungen, Filter, Füllstutzen und Tankwagen.

Die Rhytank AG in den Baselbieter Rheinhäfen bewältigt pro Jahr einen Umschlag von rund 1,2 Millionen Tonnen Mineralölprodukten und Basis-Chemikalien.

Mit kräftigen Schlägen dreht Thomas Zaugg die überdimensionalen Flügelmuttern am Deckel des Zisternenwagens fest. Der Hammer ist aus Kupfer und die Sicherheitsschuhe haben antistatische Sohlen, um Funken zu vermeiden, Handys und andere elektronische Geräte sind hier verboten, denn auf dem rechten Gleis wird Jet-Fuel und auf dem linken schwefelarmes Öko-Heizöl in Kesselwagen abgefüllt, die wie in einer Schlucht zwischen den Tanks stehen.

Trotz der grossen Mengen – das Befüllen eines Zugs mit 20 Wagen, der 1,6 Millionen Liter fasst, dauert rund sechs Stunden – riecht es weniger intensiv als auf einer Tankstelle. «Sicherheit ist oberstes Gebot», betont Severin Plüss, Direktor der Rhytank AG im Birsfelder Hafen. «Unser Geschäft stinkt nicht. Die Luftreinhalte-Verordnung verpflichtet uns, die Emissionen auf null zu reduzieren.»

Gesicherte Landesversorgung

Unfälle wie kürzlich mit dem Rohölzug in Kanada oder in der Hochseeschifffahrt möchte Plüss – er ist auch Geschäftsführer der Tankschiffreederei Fluvia – nicht kommentieren. Doch für ihn ist klar: «Das Binnenschiff hat für Mineralöltransporte einen grossen Sicherheitsvorsprung.»

Dies bezieht Plüss nicht nur auf die Sicherheit der Mitarbeitenden, der Umwelt und der Produkte, sondern auch auf die Landesversorgung. «Als 2012 die Raffinerie in Cressier (NE) von einem auf den anderen Tag still stand und somit deren Import per Pipeline ausfiel, konnte die Rheinschifffahrt dies sofort kompensieren.» Er sei selbst überrascht gewesen, als er die Zahlen der Erdöl-Vereinigung auswertete: «Mangels Trassen brachte die Bahn keine einzige zusätzliche Tonne in die Schweiz, während der Rhein dank Kapazitätsreserven sehr flexibel reagieren konnte.»

Dabei geht es nicht nur um den kurzfristig verfügbaren Tankraum auf Binnenschiffen, sondern auch die Kapazitäten in Birsfelden und im Auhafen. «Wenn wir auf 24-Stundenbetrieb umstellen, das Personal flexibel einsetzen, Überstunden und Mehrarbeit leisten, können wir kurzfristig 60 Prozent mehr bewältigen.» Fazit: Der Endkunde, der sein Auto tankte oder Heizöl bestellte, merkte nichts vom Ausfall der Raffinerien – zeitweilig stand aus technischen Gründen auch die zweite in Collombey (VS) still. Die befürchtete 40-Prozent-Versorgungslücke blieb aus.

Nicht nur Insolvenzen wie in Cressier, auch Streiks bei Bahnen in Deutschland, Frankreich und Italien können die Mineralölversorgung kurzzeitig aus dem Takt bringen. Auch hier sieht Plüss Vorteile: «Wegen der Mannheimer Akte ist der Rhein ein internationales Gewässer und darf nicht bestreikt werden.»

Trotz solcher Vorteile beträgt der Anteil der Rheinhäfen an der gesamten Mineralölversorgung der Schweiz im Schnitt nur knapp ein Viertel, 2012 kurzfristig ein Drittel. Dies erklärt Plüss damit, dass zunehmend Raffinerien in die Schweiz liefern, die nicht im Raum Antwerpen-Rotterdam-Amsterdam angesiedelt sind.

Ende des fossilen Zeitalters

Der künftig abnehmende Verbrauch fossiler Brennstoffe aus Klimaschutzgründen sei für die Rheinhäfen kein Problem – im Gegenteil: Plüss rechnet bis 2030 mit mindestens 15 Prozent Abnahme der Schweizer Erdölnachfrage. Dies dürfte zur Schliessung mindestens einer der beiden Schweizer Raffinerien führen.

Deren Importe und Produktion müssten teilweise ersetzt werden. «Dafür kommt nur der Rhein infrage, denn auf der Oberrheinstrecke der Deutschen Bahn werden ab 2018 die Trassen vor allem den Neat-Transitgütern vorbehalten bleiben.» Der heutige Mineralöl-Umschlag in den Schweizerischen Rheinhäfen von 2,9 Millionen Tonnen (Durchschnitt der letzten fünf Jahre) dürfte also bis 2020 auf 4,5 Millionen steigen, und auch 2030 noch 3,2 Millionen Tonnen betragen.

Keine Schlieren auf dem Wasser

Ölschlieren auf dem Wasser sucht man am Steiger vergeblich, obschon der Koppelverband «Liberté» gerade mit Schweröl aus Cressier für den Export beladen und von der «Panamera» Heizöl gelöscht wird. Je nach Wasserstand kann ein Tanker bis zu 3000 Tonnen aufnehmen, was in einem normalen Jahr rund 1300 Tankschiffe für die Baselbieter Hafenteile ergibt. Und was ist, wenn ein Schiff abtreibt und – wie ein Auto an der Tankstelle – den Schlauch abreisst? «So einen Fall hatten wir noch nie», betont Plüss. «Aber der Schlauch hat eine Sollbruchstelle mit beidseitigen automatischen Ventilen, die sich in einem solchen Fall sofort schliessen.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1