Basel
Die Basler Behörden stecken im «Gratis zum Mitnehmen»-Dilemma

Wer seine Sachen auf der Strasse verschenkt, macht sich automatisch strafbar. Selbst der SVP geht das zu weit. Doch die meisten wissen das nicht.

Moritz Kaufmann
Merken
Drucken
Teilen
Seit einer Woche steht dieses Sofa in der Inneren Margarethenstrasse und stinkt vor sich hin.

Seit einer Woche steht dieses Sofa in der Inneren Margarethenstrasse und stinkt vor sich hin.

Nicole Nars-Zimmer niz

Es gehört in Basel schon fast zum Stadtbild: Vergilbte Bücher, Schachteln mit Kinder-DVDs oder alte Möbelstücke mit einem Zettel, auf dem «Gratis zum Mitnehmen» steht. Was nur die wenigsten wissen: Sobald man seine Sachen auf Allmend-Boden abstellt, macht man sich strafbar. Da spielt es keine Rolle, ob es einen Zettel dran hat oder ob man seinen unerwünschten Grümpel abends wieder reinholt, wenn er keinen Abnehmer findet. Die Busse beträgt in jedem Fall 200 Franken – theoretisch.

Denn abschrecken tut das kaum jemanden. In den Quartieren ist diese Form von Abfall-Entsorgung Alltag. «Ich habe gar nicht gewusst, dass das verboten ist», sagt Theres Wernli vom Stadtteil-Sekretariat Kleinbasel. Beatrice Isler, Präsidentin des Neutralen Quartiervereins (NQV) Gundeldingen, meint: «‹Gratis zum Mitnehmen› ist oft ein Alibi. Eigentlich wollen die Leute nur ihren Müll entsorgen, ohne dafür zu bezahlen.»

Dabei finden sowohl Wernli als auch Isler das Prinzip an sich sinnvoll: Anstatt etwas nicht mehr Gebrauchtes einfach wegzuschmeissen, stellt man es anderen Leuten zur Verfügung. Denn Nachfrage besteht durchaus: «Kleine Dinge werden oft mitgenommen, doch alte, kaputte und hässliche Möbel bleiben lange stehen», sagt Theres Wernli.

«Wilde Deponie» auch mit Zettel

Die Behörden stehen dem Phänomen einigermassen hilflos gegenüber. Denn die Regeln sind an und für sich klar: «Wer etwas rausstellt, was nicht über die Sauberkeitshotline angemeldet wurde, nicht dem Abfuhrplan entspricht oder keine Sperrgutvignette trägt, macht sich strafbar», bestätigt Barbara Wilhelm, Sprecherin der Basler Stadtreinigung. Denn dann legt man eine sogenannte «wilde Deponie» an. Ausnahmen oder ein Entgegenkommen gibt es nicht.

Wenn Sperrgut länger draussen steht, werden die Abfalldetektive aktiv und versuchen herauszufinden, wer es dort hingestellt hat. «Die Verursacher werden anschliessend gebüsst», sagt Wilhelm. Doch in der Praxis ist das schwierig. Denn herauszufinden, wer etwas wo hingestellt hat, ist nicht einfach. Oft fehlt auch ganz einfach die Kapazität. «Der Kanton hat vier Abfalldetektive. Es stellt sich zu Recht die Frage: Reicht das?», meint die Stadtreinigungs-Sprecherin vielsagend.

Dabei sehen das die Baslerinnen und Basler gar nicht so eng. Selbst die SVP nicht, die vor zwei Jahren mit der «Sauberkeitsinitiative» noch Stimmung gegen eine verdreckte Stadt gemacht hatte, stört sich nicht am «Gratis zum Mitnehmen». Grossrat Joël Thüring meint: «Ich finde, man muss ein wenig grosszügig sein.» Seiner Meinung nach sollte man Leute, die ihre Sachen auf der Strasse abgeben wollen, erst büssen, wenn die nicht mehr gebrauchten Waren nach zwei Tagen immer noch draussen stehen.

Auswege aus dem Dilemma?

Doch das sieht der Kanton anders. «Das ist nicht fair gegenüber den Einwohnern, die korrekt für die Entsorgungsvignette bezahlen», sagt Barbara Wilhelm. Und so kommt es, dass alte Sofas und Möbel auf der Strasse längere Zeit vor sich hinmüffeln. Auch der Kanton sieht ein, dass er im Dilemma steckt: «Einerseits wollen wir eine saubere Stadt, andererseits dürfen wir Sperrgut nicht gratis entsorgen», sagt die Stadtreinigungs-Sprecherin.

Im Gundeli und im Kleinbasel fordert man derweil pragmatischere Lösungen. «Man sollte Bring-und-nimm-Stellen fördern», findet NQV-Präsidentin Beatrice Isler. Und Theres Wernli wünscht sich einen Gratis-Sperrguttag, wie es ihn früher gegeben hat. Einmal im Jahr könne sich das der Kanton leisten. «Damit wäre unserem Quartier sehr geholfen», sagt die Kleinbaslerin. Kommentar Seite 37