«Die Beine sind nicht gut.» Sie nimmt die Gipseule, dreht sie, hält sie an ihren Holzbeinen fest. «Die Figur braucht einen anderen Ausdruck.» Die Beine werde sie «abhauen» und kürzen. Und dann werde sie sehen, wie die neuen Beine sein müssen.

Das Original dieser Eule hat Helen Balmer für eine Enkelin angefertigt; den Guss, an dem sie nun arbeitet, möchte sie selber behalten. Die Enkelin ist längst erwachsen. Und Helen Balmer selber ist alt, greise, würde man sagen. Wobei das klingt, als ob sie nicht mehr ganz da wäre. Doch Helen Balmer ist da. Und wie. «Ja, das könnte man sagen», antwortet sie auf die Frage, ob sie kerngesund sei. «Bloss hier.» Sie zeigt auf den Kopf. Aber auch dort ist gut. Dort stecken fast 94 Jahre Leben drin. 94 Jahre Kampf auch.

Dieser Kampf betrifft etwa das Haus, in dem sie seit 64 Jahren lebt. Ein verwunschenes Anwesen im Wettsteinquartier, versteckt zwischen den düsteren «Kispi»-Neubauten und dem Roche-Turm. Hier an der Alemannengasse befindet sich Helen Balmers Paradies. «Ich möchte, dass es erhalten bleibt», sagt sie. Zwei ihrer Enkel, eine Historikerin und ein Musiker, leben inzwischen bei ihr. «Ich kann sie rufen, wenn ich was brauche.»

Altes Waschhaus als Refugium

Das Atelier ihres 2004 verstorbenen Mannes Lorenz Balmer dient inzwischen einer ihrer Töchter als Ort des kulturellen Austausches (Box). Der Mathematiker Johann Jakob Balmer liess das Anwesen Mitte des 19. Jahrhunderts für seinen Sohn, den Maler Wilhelm Balmer, bauen. Später arbeitete Helen Balmers Mann hier.

«Man hörte es bis zum Wettsteinplatz, wenn er am Arbeiten war», sagt sie. Das ehemalige Waschhaus unweit des Ateliers machte sie einst zu ihrem eigenen Refugium. Hier liegt die Eule auf dem Arbeitstisch, hier stehen lauter andere Figuren aus Gips, Lehm oder Holz. Die Künstlerin geht täglich mindestens einmal ins Atelier; aufwendige Steinarbeiten beginnt sie keine mehr.

Ihr Anwesen ist manchem Immobilienhai ein Dorn im Auge. Was da alles gebaut werden könnte, dieser Garten, wie man den zupflastern könnte! «Ich verkaufe das Grundstück nicht», sagt Helen Balmer bestimmt. Sie ist zuversichtlich, dass sich auch die nächsten Generationen durchsetzen werden.

Und wenn wir schon dabei sind: Eine Heizung braucht sie keine. Der Holzofen genügt ihr. «Im Winter schlafe ich unter einer so hohen Decke.» Ihre Arme formen einen Berg.

Schatzkammer im Keller

Helen Balmer wird gern als «Doyenne der Schweizer Bildhauerinnen» bezeichnet. Seit sie – mit über 40 Jahren erst – einen Wettbewerb der jetzigen Universitätsklinik gewann, wird sie als Künstlerin wahrgenommen. Trotzdem weiss in Basel kaum jemand, welche Schätze bei ihr lagern; das ändert nichts an der Tatsache, dass es so ist. Ihr Keller ist ihre Schatzkammer. Ein Raum voller Vogelgestalten, Gesichter, Menschenfiguren.

Selten bekommt dies jemand zu sehen, da ist die Kunst im Garten rund um die alte Linde exponierter. So mancher Passant bleibt am Zaun stehen und staunt. «Einmal habe ich deswegen sogar zwei Werke nach Hollywood verkauft», erzählt die Künstlerin. Eine Galeristin aus Amsterdam sei während der Art  zufällig an ihrem Anwesen vorbeispaziert. Ein Blick, Begeisterung, Ausstellung in Holland. Und von dort auf direktem Weg in die USA.

Die meisten Werke im Garten sind Gemeinschaftswerke des Ehepaars Balmer. 50 Jahre lang haben sie als Team gearbeitet. Manche ihrer Werke stehen auf öffentlichem Grund in Pratteln, Oberwil, Basel. «Er war ein guter Steinhauer, ich hatte die Fantasie», sagt sie. Ihr Mann führte in Stein aus, was sie zuvor als Kleinplastik angefertigt hatte.

Als Frau sei es schwer gewesen, in der Kunstwelt anzukommen, sagt sie. «Bei Wettbewerben wurden meine Skulpturen anfangs als Hausfrauenkunst abgetan.» Die Rollenteilung, «die Frau als Weib, der Mann als Oberhaupt», bekam sie schon als Kind vorgelebt. «Meine Tochter, eine Bildhauerin? Kommt nicht infrage! Du machst was Rechtes!», hatte der Vater befohlen. Also wurde Helen Balmer Juristin. «Das war aber nie meine Leidenschaft, ich wollte Bildhauerin werden», sagt sie.

Politikerin-Büste im Rathaus

Als «naives» Emmentaler Meitschi habe sie sich bei ihrer ersten Anstellung als Juristin auch noch blamiert. Es ging um eine Vaterschaftsklage. Der mutmassliche Vater wollte nichts davon wissen, die Mutter bestand darauf, dass er der Vater sei. Er betonte, «Pariser-Strümpfe» verwendet zu haben, was Juristin Helen Balmer freute. Sie sagte: «Strümpfe aus Paris! Welch schönes Geschenk!» Gelächter. Und das freiwillige Ende ihrer Juristenkarriere. 

Helen Balmer reiste nach Paris, wo die berühmte Bildhauerin Germaine Richier sie unter ihre Fittiche nahm. Richier war es auch, die Helen mit Lorenz Balmer verkuppelte.
Ende Oktober wird Helen Balmer 94 Jahre alt. Die Enkel in der Nähe und ab und zu die Spitex im Haus erleichtern ihr den Alltag. Für die Frau von der Spitex gehört der Besuch bei Helen Balmer zu den Highlights. «Sie ist eine wunderbare Dame! Ich hoffe, noch viele Jahre zu ihr kommen zu dürfen», sagt die Spitex-Frau – und verschwindet im Nebenzimmer. Dort bügelt sie auf einem selber gebastelten Bügelbrett ein paar Blusen.

Als der Grosse Rat im Mai dieses Jahres «50 Jahre Frauen im Parlament» feierte, wurde Helen Balmers Büste der ersten Grossratspräsidentin aus dem Keller geholt. Dort lagerte sie, nachdem die Künstlerin sie 1984 geschaffen hatte.

Sie ist froh, dass Frauen heute mehr Wertschätzung erfahren, sagt aber: «Was die jungen Frauen tun, ist auch wichtig!» – und meint damit die neue Feministinnen-Bewegung. Sie selber sei zu alt, sich zu engagieren. «Ich bin einfach da und nehme, was kommt.» Bald ist Mittag. Vorher möchte sie nochmals ins Atelier und schauen, wie es der Eule geht. Vielleicht klappt es ja jetzt mit den Beinen.