Basel sonnte sich nach dem Urnengang vom 12. Juni 1994 im Glanz der liberalen Stadt am Rheinknie. 65,6 Prozent der Stimmbevölkerung sagten Ja zur Finanzierung eines wissenschaftlichen Versuchs, der die Abgabe von Opiaten wie Heroin, Morphin und Methadon ermöglichte. Im Stadtbuch 1994 hiess es, so ein progressiver Entscheid sei nur in einer aufgeklärten, humanistisch geprägten Stadt wie Basel möglich.

Die Liebe zu den armen Menschen, die an der Nadel hingen, dürfte allerdings zweitrangig gewesen sein. «Viele wollten die Drogenabhängigen aus dem Stadtbild weghaben. Die standen ja auch für schlimme Krankheiten wie Aids», sagt Otto Schmid. Er leitete über 15 Jahre lang das Behandlungszentrum Janus, das nach dem Volks-Ja zu den legalen Opiate-Abgaben gegründet wurde und Drogen abgeben durfte. «Zwar hatte Basel-Stadt keine offene Drogenszene wie Zürich, aber Treffpunkte gab es allemal: Unter der Mittleren Brücke, in der Rheingasse oder beim Claraplatz trafen sich die Drogensüchtigen, um sich den Stoff zu beschaffen.»

Was auch immer die Beweggründe für die Drogenliberalisierung in der Rheinstadt waren. Der Effekt gab den Verantwortlichen recht. Gegen Ende der 90er Jahre nahm die Zahl derjenigen, die auf offener Strasse fixten, merklich ab. Die Stadt hatte binnen eines Jahrzehnts Fixerstübli gebaut, ein Vier-Säulen-Modell aufgebaut, in der neben der Repression gegen Drogensüchtige auch die Prävention, die Überlebenshilfe und die Rehabilitation Faktoren waren. Vor exakt 25 Jahren wurde auch die Methadon-Abgabestelle eröffnet.

Allgemeinmediziner und Psychiater verfolgten ein anderes Ziel als der Bund. Dieser setzte auf totale Abstinenz. Basel tickte damals anders. So konnten hier die Abhängigen an der Abgabestelle Janus im Predigergässlein ihre Drogen beschaffen. Die anfänglichen Auflagen hierfür waren aber strikt. Wer am Programm teilnehmen wollte, der musste sich auch einer Therapie unterziehen. Und wer beispielsweise damit erwischt wurde, wie er Stoff nach draussen schmuggelte, der wurde ausgeschlossen.

Bedingung war, dass die Drogenabhängigen in den Räumlichkeiten von Janus konsumierten. Der Stoff sollte nicht auf den Markt gelangen. «Ziel war es, den Schwarzmarkt zu bekämpfen», sagt Schmid. Das Studiendesign im Janus sei sehr streng gewesen. Die 150 Probanden wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Sie bekamen entweder Morphium, Methadon oder Heroin. Alle Teilnehmer bekamen unter der ärztlichen Aufsicht zudem eine Trinklösung Methadon und wurden regelmässig auf ihren Gesundheitszustand kontrolliert. Psychotherapeutische Gespräche begleiteten die Therapie.

Ganz so entspannt sah Basel dem Projekt nicht entgegen, was vielleicht auch mit der internationalen Skepsis zu tun hatte. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stand dem Projekt beispielsweise kritisch gegenüber. Es wurde befürchtet, dass die Drogenabgabe Leute in die Sucht triebe.

Dreckiges Strassenheroin

Es kam anders. Das Basler Modell machte Schule. Heute gibt es schweizweit 23 solcher Behandlungszentren, in denen Süchtige ihre Opiate beziehen können. Mehrere Volksentscheide haben auch die liberale Handhabung in Basel-Stadt bestätigt, zuletzt auf eidgenössischer Ebene: 2008 stimmten die Schweizer einer Revision des Betäubungsmittelgesetzes zu, welche die heroingestützte Behandlung vorsieht.

Janus existiert seit knapp 25 Jahren. Schmid ist überzeugt, dass das Behandlungszentrum unzähligen Menschen das Leben gerettet hat. «400 Drogentote gab es in der Schweiz anfangs der 90er Jahre jährlich. Wären überall diese Programme zugänglich gewesen, dann hätte das bestimmt 2500 bis 3000 Leben gerettet.» Dies in erster Linie, weil das pharmazeutische Heroin, das staatlich verabreicht werde, rein sei im Gegensatz zu jenem von der Strasse.

Wer sich das Zeug vom Schwarzmarkt spritze, der müsse damit rechnen, dass sein Stoff zu 90 bis 95 Prozent verunreinigt sei. Um eine möglichst grosse Marge zu erzielen, mischen die Dealer Strychnin, Rattengift und sogar Waschpulver in ihr Produkt. Wer das über Jahre hinweg konsumiert, dem drohen Organschäden. Nahezu unschädlich sei hingegen das reine Heroin, sagt Schmid.

Zahlen Heroinschwerpunkt Schwawo

Ziel ist die Normalisierung

Viele der Janus-Besucher der ersten Stunde haben dank des Programms den Anschluss an die Gesellschaft geschafft, andere sind gestorben, einige sind neu hinzugekommen. Das Gros sind ältere Opiatabhängige, die sich mit ihrer Sucht arrangiert haben. Der Fokus hat sich gewandelt. Ziel ist nicht mehr, den Drogenkonsum generell zu verhindern, sondern die Opiatabhängigkeit gesellschaftlich akzeptierter zu machen, zu «normalisieren», wie Hannes Strasser sagt. Er ist der ärztliche Leiter von Janus, welches heute Behandlungsstelle für 160 Personen ist – und somit gar etwas mehr als zu den Anfangszeiten.

Die Klientel ist heute eine andere als vor 25 Jahren. Viele werden wohl nie von ihrer Sucht wegkommen – und führen, das wissen viele nicht, gleichwohl ein geregeltes Leben. «Die meisten haben immer noch das Bild des Heroinjunkies vor Augen, der mit zerrissenen Hosen um Geld bettelt.» Das sei aber nicht der typische Janus-Patient, sagt Strasser. Viele gehen morgens bei der Abteilung Janus vorbei, spritzen oder schlucken ihr Opiat und gehen dann zur Arbeit. Anders als beim Alkoholkonsum sei es nach der Einnahme etwa von Methadon, Herointabletten oder Schmerzmitteln nicht unmöglich, zu arbeiten, die Konsumenten seien danach nicht berauscht.

Etwas anders verhält es sich beim injizierbaren Heroin, das denjenigen gegeben wird, die immer noch den Kick brauchen. Wer sich pharmazeutisches Heroin spritzt, ist danach kurze Zeit high; bereits nach einer halben Stunde ist diese Wirkung allerdings vorbei. «Man kann ziemlich problemlos einer Arbeit nachgehen, wenn man sich professionell mit Opiaten behandeln lässt» sagt Hannes Strasser. «Aber die meisten Arbeitnehmer trauen sich bis heute nicht, über ihre Sucht zu sprechen.»

Nüchterne Geburtstagsparty

Erfreulich ist hingegen, dass der Nachwuchs immer rarer wird. Früher war die Klientel im Janus vielschichtiger. Es kam auch vor, dass man aus vermeintlich gutem Haus in den Drogensumpf schlitterte. Oder als Alt-Hippie, der etwas zu viel mit starken Drogen experimentiert hatte. Die heutigen jungen Fixer haben meistens gravierende psychische Probleme, viele mussten Gewalt in der Familie über sich ergehen lassen.

Die heroingestützte Behandlung im Janus, welches den Universitären Psychiatrischen Kliniken angegliedert ist, habe deswegen längst nicht nur die Aufgabe, Opiate zu verabreichen, sondern insbesondere die Konsumenten zu begleiten. «Wir sind alle psychiatrisch geschult», sagt Strasser. Die Therapien dauerten meist mehrere Jahre; doch die Behandlungsbedingungen sind über die Jahre gelockert worden. Heute sind die Opiat-Abgaben nicht mehr an strenge Behandlungsregimes geknüpft. Das sei kontraproduktiv, sagt Strasser. Denn so würden die Süchtigen einfach wieder dort landen, wo man sie nicht haben wollte: auf der Strasse.

Im Herbst begeht die Institution, die zum Sinnbild eines liberalen Basel wurde, ihren runden Geburtstag. Wie feiert man, wenn man hunderte, vielleicht tausende Menschenleben gerettet hat, aber auch den Tod so mancher nicht verhindern konnte? Nüchtern, könnte man sagen. Zum 10-jährigen und zum 20-jährigen Bestehen gab es eine Fortbildungsveranstaltung mit einem Apéro. Zum 25. Geburtstag soll es ein Fest für die Patienten und einen Angehörigenanlass geben. «Zudem sind wir dabei, einen Kurzfilm über Vorurteile im Janus zu drehen», sagt Strasser. Vorurteile, die selbst in der liberalen Stadt Basel immer noch vorherrschen.