Modebloggerin

Die Basler Influencerin Sandy Pinto: Aus dem Vorlesungssaal in die spanische «Vogue»

In Spanien wird sie von Fans auf der Strasse erkannt, hier wird sie belächelt: Die Baslerin Sandra Rodrigues Pinto ist eine der erfolgreichsten Modebloggerinnen der Schweiz.

Sie ist ein Profi. Mit 26 Jahren gehört Sandra Rodrigues Pinto, für Freunde und Bekannte einfach «Sandy», bereits zur älteren Garde der Instagram-Welt. Die Portugiesin rangiert mit ihren demnächst 200'000 Followern in den Top Ten der Schweizer Modebloggerinnen. In Basel, ihrer Heimatstadt, ist sie trotzdem kein Promi. Sie sitzt im Café Flore im Kleinbasel, im langen, knallgrünen Kleid. Für einen Kaffee um neun Uhr früh ist sie unüblich stark geschminkt; das bronzene Make Up schimmert auf ihren Wangenknochen. Äusserst höflich und zuvorkommend ist sie, und sie nimmt sich Zeit: Zwei Stunden lang erzählt sie, ohne einmal aufs Handy zu schauen.

Auf den ersten Blick lebt Sandy Pinto den Traum vieler Frauen. Sie reist um die Welt, sieht gut aus und ist erfolgreich. Vor ein paar Jahren noch führte sie ein Leben wie viele Frauen in Basel: Nach der Spanisch-Matur am Gymnasium Muttenz studierte sie an der Uni Basel Wirtschaft, in der Hoffnung, irgendwann im Modebusiness Fuss zu fassen. «Ganz ehrlich: Ich wusste nicht, was ich studieren soll», sagt sie mit entwaffnender Aufrichtigkeit. 2016 schliesst sie den Bachelor ab. Wirklich glücklich war sie im Studium nie. «Es war mir zu theoretisch», sagt sie heute. «Trotzdem würde ich mich heute wieder für diesen Weg entscheiden.»

Jeden Tag braucht es zwei Fotos

Die Frau weiss, wie sie argumentieren muss. Sie redet schnell, aber stets mit der nötigen Prise Vorsicht. «Zielstrebig, durchdacht und konsequent» sei sie, sagt Asmen Koc, der in den Anfangszeiten mit Pinto gearbeitet hat. Mit ihm als Fotograf gründet sie 2013 den Blog «Entredois», auf welchem sie ihre Lieblingsoutfits präsentiert. Nach dem Bachelor absolviert sie ein Praktikum bei Estée Lauder in Zürich, später erhält sie eine Festanstellung bei Bucherer in Luzern, wo sie im Digital Marketing-Team arbeitet. Ihr Instagram-Profil nimmt zeitgleich Fahrt auf. Bald läuft es so gut, dass Pinto ihren festen Job aufgibt und sich voll auf ihre eigenen Projekte konzentriert.

Mittlerweile führt die junge Baslerin ein eigenes Modelabel, arbeitet als Social Media-Freelancerin für die Manor und ist Chefin einer Social Media-Agentur, die sie mit einer Freundin gegründet hat. Gerade ist sie sechs Wochen am Stück in Basel. «Das gibt es sehr selten», erklärt sie. Danach geht es weiter nach Cannes, Bordeaux, Mallorca. Vor kurzem war sie für ein Wochenende in Arizona, wo sie für H&M vor der Kamera stand. Dass eine Frau mit 1.60 Meter Körpergrösse für einen Moderiesen abgelichtet wird, spricht für sie für eine Revolution innerhalb der Modewelt. «Ich bin definitiv kein Model!», sagt sie dann. Eine Bescheidenheit, die nur begrenzt authentisch wirkt. Schliesslich wird Pinto wie sonstige Models dafür bezahlt, Kleider und Accessoires ihrer Kunden zu tragen.

Pinto arbeitet rund um die Uhr: Jeden Tag steht sie um 7 Uhr auf und beantwortet ihre E-Mails. Die meiste Zeit über sitzt sie am Laptop, bearbeitet Bilder, führt die Buchhaltung, kümmert sich um die Rechnungen. Täglich postet sie zwei Fotos auf Instagram. Auch am Wochenende, auch in den Ferien, 365 Tage im Jahr. So will das der Algorithmus. Zum Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» bringt sie ihre eigene Fotografin mit. «Sie kennt meine Bildsprache», sagt sie dann.

Sandra Rodrigues Pinto ist eine Geschäftsfrau, die ihr Handwerk beherrscht. Das zahlt sich auch finanziell aus: Mit ihrer Arbeit als Influencerin, Social Media-Freelancerin und ihrem Modelabel verdient sie monatlich einen fünfstelligen Betrag. Klar, sie hat auch ein Privatleben. Doch mit ihrem Freund, der in Spanien lebt, führt sie seit fünf Jahren eine Fernbeziehung. Es ist ein Auf und Ab. Einmal im Monat sehen sich die beiden. «Mehr Zeit bleibt mir im Moment einfach nicht.»

Modelabel für den Feminismus

Die Arbeit bestimmt Pintos Leben. Doch die Vergänglichkeit ihres Berufs macht ihr Sorgen. «Ich habe grossen Respekt vor dieser Branche. Schliesslich weiss ich nie, ob mein Account morgen noch gefragt ist.» Der Druck, konstant liefern zu müssen, ist immens. Seit Jahren kämpft sie mit den Schattenseiten ihres Jobs. «Es gab Phasen, in denen mich der Job beinahe krank machte. Ich musste lernen, auch mal offline zu sein.»

An die hundert Nachrichten erhält sie täglich von ihren Followern. Lesen tut sie diese nur noch selten. «Ich würde gerne alle Nachrichten beantworten, aber leider reicht mir die Zeit nicht. Früher beantwortete ich alle, aber das stresste mich zu sehr.»

Ohnehin hat Pinto viel zu tun. Vor zwei Jahren lancierte sie ihr Modelabel Lamarel und erfüllte sich damit einen Kindheitswunsch. Alle Kleidungsstücke produziert sie in Portugal, jedes Textil kontrolliert sie auf dessen Produktionsbedingungen, alle Beteiligten – von der Schneiderin bis zur Chefin der Produktionsstätte – sind Frauen. «Feminismus ist mir sehr wichtig», sagt Pinto dann.

«Instagram ist eine idealisierte Welt»

Was sie sich darunter vorstelle? «Als Frau unabhängig sein, egal ob im Beruf oder im Alltag.» Die Bloggerin sagt das ernst, mit echter Passion. Dennoch bleibt da ein Widerspruch. Wie kann eine Frau, die täglich ihre Bilder retouchiert und junge Mädchen zum Schönsein animiert, feministisch sein? «Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst», sagt Pinto dann. Doch sie erklärt im Anschluss auch: «Instagram ist eine idealisierte Welt. Die Leute wollen sich inspirieren lassen, nicht das Leiden, das Negative sehen.»

Das Konzept der Baslerin geht auf. Mit ihrem Modelabel hat sie es bereits in die spanische «Vogue» geschafft. In Spanien wird Pinto auf der Strasse erkannt. Mittlerweile hat sie mehr Fans aus dem Aus- als aus dem Inland. Das liege auch an dem einseitigen Bild von Influencern, das in der Schweiz vorherrsche.

Pinto ärgert sich: «Hier denken die Leute bei Influencerinnen an Sechzehnjährige, die sich ihre Follower kaufen.» Welche Arbeit hinter dem professionellen Betreiben eines Instagram-Profils steckt, werde dabei oft ausgeblendet. «Ältere» Bloggerinnen wie sie selbst seien nur selten im Fokus der Berichterstattung. Sie habe sich «noch nie» einen Follower gekauft, beteuert Pinto: «Jede Person kann das mittlerweile überprüfen. Diese Daten lassen sich alle tracken.»

All das erzählt Pinto mit einer Lockerheit, die überrascht. Schnell geht vergessen, dass hier alles Teil eines Gesamtkunstwerks ist: die Herzlichkeit, die Offenheit, die Reflexion. Die Grenze zwischen beeindruckender Präsenz und kluger Selbstinszenierung ist nur schwer auszumachen. Bis zum Schluss bleibt das Lächeln auf Sandys Lippen haften, ganz egal, wie kritisch die Fragen sind. Und die geschickte Influencerin weiss genau: Dafür muss man sie einfach mögen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1