Ein Standardsatz des scheidenden Basler Erziehungsdirektors beginnt mit: «Am Änd vom Daag…» Das steht stellvertretend für jenen Pragmatismus, der Christoph Eymann auszeichnet und der ihn bei seinen Mitarbeitern so beliebt machte, dass sie sich zu Aberhunderten an seinem Abschiedsvideo beteiligten.

Eymann war es meist egal, ob eine Idee von ihm war, oder von seinen Fachleuten. Ob aus dem bürgerlichen oder dem linken politischen Lager. Hauptsache eben, am Ende des Tages brachte sie das gewünschte Resultat. Das trug ihm bei den stramm Bürgerlichen den Ruf ein, er sei ein «halber Linker». Aber einer, der Resultate lieferte.

Harmonie und Lehrplan

Im Erziehungsdepartement, von dem er selbst bei seinem Amtsantritt 2001 sagte, er verstehe nicht gerade viel davon, führte er mithilfe seiner Chefbeamten. Daraus machte er nie einen Hehl. Doch er verschaffte sich rasch Respekt, auch auf eidgenössischer Ebene, wo er 2013 zum Chef der Erziehungsdirektorenkonferenz gewählt wurde.

Er war die treibende Kraft hinter den Harmonisierungsbestrebungen zwischen den Kantonen, hinter den Programmen «Harmos» und «Lehrplan 21». Und es gelang ihm, dafür den wichtigsten Partner, Baselland, ins Boot zu holen. Bis sein Freund, SP-Regierungsrat Urs Wüthrich, dort durch die freisinnige Monica Gschwind ersetzt wurde. Sie, die Eymann politisch näher stehen müsste als der linke Wüthrich, krebste an allen Fronten zurück. Sie droht Eymanns Erbe zu gefährden. Sowohl was die gemeinsame Uni der beiden Basel angeht, als auch wenn es um die Schulharmonisierung geht.

Da passt es, dass Eymann letzte Woche, sozusagen zum Abschied, noch folgende Nachricht ereilte: Das Komitee «Starke Schule», das gegen alles kämpft, wofür er sich eingesetzt hatte, will jetzt auch in Basel aktiv werden. An der Spitze ausgerechnet ein alter Bekannter Eymanns, René Roca, Lehrer am Humanistischen Gymnasium, der einst gegen Eymann kämpfte, als der ein Sammelfach begrenzen wollte, kämpft nun gegen jene Sammelfächer, die Eymann sinnvoll findet. Einer, gegen den Eymann eine seiner wenigen Niederlagen erlitt: Das Sammelfach PPP ist nach wie vor im Basler Lehrplan zu finden und für alle Schüler zugänglich.

Mit diesem Video wird Christoph Eymann verabschiedet.

Zurück an den Anfang

Was wünscht man einem 65-Jährigen, der seinen Job verlässt? Normalerweise eine schöne Zeit mit Rente, Lesestoff und Enkelkindern. Im Falle des scheidenden Basler Regierungsrates dagegen darf man eine gute Zeit im nächsten Amt wünschen.

Statt sich in den Schaukelstuhl zu lehnen, geht der Basler Erziehungsdirektor wieder ganz da hin, wo seine politische Karriere richtig durchstartete: nach Bern. Eymann war zuvor bereits Mitglied des Bürgergemeinderates und des Grossen Rates, aber wirklich in politischen Schwung kam der damalige Basler Gewerbedirektor 1991 mit seiner Wahl in den Nationalrat. Dort spielt Eymann nun auf eidgenössischer Ebene die Rolle, für die er in Basel schon länger stand: einen liberalen Politiker mit ausgeprägtem grünen Gewissen, einen hervorragenden Kommunikatoren – und einen, der mit Charme und Härte auch Positionen des politischen Gegners im eigenen Lager beliebt machen kann.

Eymann war treibende Kraft hinter der Aktion Flachdachbegrünung, dem Gotthard-Basistunnel und bei Solardächern. Dieser Einsatz führte dazu, dass Eymann auf Wunsch von Bundesrätin Ruth Dreifuss Präsident des schweizerischen Patronatskomitees für das «Europäische Naturschutzjahr 1995» wurde.

Frauen und Sehnen

Und noch etwas blieb ihm treu, die zwei roten Fäden in seinem Privatleben: Er sei der Schöne, der Frauenversteher, der Ladykiller, so das beliebteste Klischee in Medien und Schnitzelbänken. Und er ist der Mann der Sportverletzungen. Kaum eine Sehne, ein Knochen oder ein Knorpel, den Eymann nicht irgendwann einmal riss, anknackste oder zerrte. Der FC Nationalrat hatte in ihm einen ausgezeichneten Spieler, aber auch einen, der immer wieder bis an die Grenzen ging.

Wenig überraschend darum, dass Eymanns erster Auftritt in den nationalen Medien – in der NZZ notabene – im Jahr 1967 mit Politik nichts zu tun hatte, sondern mit Sport. Er erreichte damals mit 2052 Punkten an den Eidgenössischen Leichtathletik-Nachwuchskämpfen in der Kategorie der 15-16-Jährigen den 2. Rang.

Was Eymanns Beziehungen zur Damenwelt angeht, ist das Interessanteste daran ein medialer Tabubruch des damaligen «Blick Basel». Dieser berichtete über die aussereheliche Geburt von Eymanns Tochter und löste damit eine Debatte aus, wie die Medien mit der Privatsphäre von Politikern umzugehen hätten. Und Eymann bewies in dieser unangenehmen Situation etwas, das ihm auch später in anderen Zusammenhängen gut zu Pass kommen sollte: ein Gefühl für die richtige Kommunikation. Er liess den Journalisten sec wissen, politisch und beruflich habe er alles im Griff, privat aber sei es kompliziert.

Diese Offenheit und Klarheit wusste er auch später zu nutzen, denn Eymann wurde immer wieder angegriffen, sei es von einer Sekretärin beim Gewerbeverband, die ihn beschimpfte und danach gegen ihre Kündigung klagte, sei es von einem Lehrer, der ihm ein eigenes Internet-Forum voller Beleidigungen und abstruser Verschwörungsgeschichtchen widmete.

Eymann verlor nie die Contenance, er blieb sich selber treu und zeigte seine grösste Kunst: die Distanz zu wahren, dabei aber offen und warmherzig zu bleiben. Mit Christoph Eymann verliert die Basler Regierung nicht nur ihren Doyen, sondern auch ihren eigentlichen Staatsmann.