Überfluss
Die Basler Tafel verteilt Gourmet-Menüs aus dem Mülleimer

Die Organisation Basler Tafel verteilt täglich zwei Tonnen Lebensmittel, die sonst im Abfall enden würden. Ein Streifzug durch den Tag, an dem die Basler Tafel all jene beglückt, die kein Essen ausgeben können.

Andreas Maurer (Text und Fotos)
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Basler Tafel verwertet Coop-Köstlichkeiten
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Die Coop-Filiale in Kaiseraugst bietet der Basler Tafel mehr Lebensmittel an, als diese an einem Tag verteilen kann.
Der Osterhase für Drogenabhängige: Rosemarie Benzinger, Leiterin der Basler Tafel, beliefertdie Kontakt- und Anlaufstelle an der Heuwaage.

Basler Tafel verwertet Coop-Köstlichkeiten

Die Tour beginnt am Hintereingang der Kaiseraugster Coop-Filiale. Das Kühlfahrzeug der Basler Tafel kennt man hier. Es kommt jeden Morgen vorbei – wie bei rund 70 anderen Lebensmittelproduzenten der Region. Etwa 30 weitere Geschäfte sind regelmässige Spender. Alle geben der Organisation Basler Tafel gratis Lebensmittel ab, die sie nicht mehr verwenden können.

Der Kaiseraugster Coop hat mehr im Angebot, als die beiden Mitarbeiter der Basler Tafel mitnehmen können. Die Kiste mit frischem Brot etwa müssen sie stehen lassen. Dieses beziehen sie lieber bei kleinen Bäckereien. «Es kann nicht jeder Gutes tun», scherzt ein Mitarbeiter. Das Coop-Brot lassen sie zurück, da sie wissen, dass es vom Grossverteiler weiterverarbeitet wird. Bei kleinen Bäckereien fällt es mehr ins Gewicht, wenn diese dank der Basler Tafel ihre Abfallmenge reduzieren können.

Bei den Lebensmitteln, welche die gemeinnützige Organisation einsammelt, handelt es sich nicht um Abfall. Im Gegenteil: Es ist hochwertige Ware. Das Mindest-haltbar-Datum ist nicht überschritten: In der Regel sollten die Produkte am selben Tag konsumiert werden. Auch die Lebensmittelspender behandeln die Ware nicht wie Müll: Viele packen sie für die Basler Tafel extra ein und betreiben somit einen grösseren Aufwand als bei einer herkömmlichen Entsorgung. «Die Ware ist teilweise so gut, dass wir uns fragen, ob sie versehentlich für uns bereitgestellt wurde», bemerkt ein Mitarbeiter.

Volle Lager wegen Ostern

Besonders exquisit ist der Überfluss des Kaiseraugster Roche-Personalrestaurants: Feine Confiserie-Produkte liegen auf einem Tablett bereit. «Qualitätskontrolle!», ruft ein Mitarbeiter der Basler Tafel und schiebt sich ein Erdbeertörtchen in den Mund. Er nickt zufrieden. In diesen Tagen sind Süssigkeiten stärker im Überfluss vorhanden als üblich: Die Lager der Basler Tafel sind gestossen voll mit Osterware. Derzeit lagert sie etwa drei Tonnen Schokolade. Bei den Abnehmern der Basler Tafel, von denen sich die wichtigsten um Leute am Rand der Gesellschaft kümmern, ist diese begehrt. «Drogenabhängige haben eine hohe Nachfrage nach Süssem», weiss Rosemarie Benzinger, Leiterin der Basler Tafel.

Ihre auf ehrenamtlicher Arbeit aufbauende Organisation boomt: Jährlich steigert sie den Umsatz um 10 bis 20 Prozent. Es kommen ständig neue Lebensmittelspender und -abnehmer hinzu. Leiterin Benzinger nennt zwei Gründe: «Wir werden bekannter und gewisse Arbeitsabläufe zur Wiederverwertung rentieren bei Grossverteilern nicht mehr.» Nur kleinere Betriebe schmelzen etwa die Osterschokolade wieder ein, um sie zu Pralinen weiterzuverarbeiten.

Exquisite Menüs für Obdachlose

Ihre Ware verteilt die Basler Tafel an rund 90 Abnehmer der Region. Der Lebensmittelüberfluss entwickelt sich wellenartig: Manchmal ist viel zu viel vorhanden und kurz darauf können manchmal nicht alle Abnehmer beliefert werden. «Priorität haben jene Institutionen, die sonst kein Essen ausgeben könnten», sagt Benzinger.

Auf der gestrigen Tour waren dies unter anderem das Basler Tagesheim für Obdachlose an der Wallstrasse und die Kontakt- und Anlaufstelle an der Heuwaage. Bevor die Basler Tafel 2003 gegründet wurde, bot das Obdachlosenheim sehr einfache Mittagessen an: hauptsächlich Teigwaren mit Sauce.

Heute tischt der Koch seinen Randständigen verblüffende Menus auf, die er aus den verschiedenen erhaltenen Lebensmitteln zusammenstellt. Der Überfluss der Wegwerfgesellschaft nährt hier jeden Mittag rund 30 Mägen. Ein Dreigangmenü kostet symbolische drei Franken.

«Tafel» möchte sich abschaffen

Rosemarie Benzinger ist eine der wenigen Geschäftsführerinnen, die hoffen, dass es ihrem Geschäft bald schlechter geht. «Ich wünsche mir, dass es unsere Dienstleistung irgendwann nicht mehr braucht.» Zwei Lösungen böten mehr Effizienz: Die Lebensmittelhersteller würden weniger Überfluss produzieren – oder sie würden diesen direkt an gemeinnützige Organisationen verteilen. Dann brauchte es den Umweg über die Basler Tafel nicht mehr. Doch die Arbeit geht dieser nicht aus, sie nimmt rasant zu. Soeben wurden der Organisation 54 Paletten Eistee angeboten. Statt sich über das Geschenk zu freuen, wird Benzinger nachdenklich: «Was läuft schief, dass so viel Überfluss produziert wird?»

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