Weltmarke

Die Basler Welt-Architekten Herzog & de Meuron werden 70

Jaques Herzog (rechts) und Pierre de Meuron (links) vor der Fensterfront im 38. Stock des «Bau 1».

Jaques Herzog (rechts) und Pierre de Meuron (links) vor der Fensterfront im 38. Stock des «Bau 1».

Ihre Bauten setzen in den grossen Metropolen London, Hamburg und Peking Landmarken. Dennoch sind die Welt-Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die in diesen Tagen beide ihren 70. Geburtstag feiern, mit ihrer Heimatstadt Basel eng verbunden geblieben.

Die glitzernde Glaskrone an der Elbe in Hamburg ist unübersehbar. Übersehen will sie auch niemand: Der 2016 fertiggestellte Bau der Elbphilharmonie in der Hafencity ist flugs zum neuen Wahrzeichen der Stadt avanciert - vergessen sind die immensen Kostenüberschreitungen und Verzögerungen, welche die Baugeschichte getrübt hatten.

Die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron setzen Landmarken noch und noch. Der Um- und Erweiterungsbau der Gallery of Modern Art in London katapultierte das Duo im Jahr 2000 an die Weltspitze der Architekturszene; ein Jahr darauf konnte es mit dem, Pritzker-Preis die bedeutendste Auszeichnung für Architektur entgegennehmen.

Weltweit für Aufsehen sorgten die Architekten 2008 auch mit dem Bau des Olympia- oder Nationalstadions in Peking, bei dem der Künstler Ai Weiwei mitgearbeitet hatte. Man könnte hier noch zahlreiche weitere Beispiele anfügen, wie etwa die Allianz-Arena in München oder das spektakuläre 250 Meter hohe Stapel-Hochhaus 56 Leonard Street in New York. In der Wolkenkratzermetropole besitzt das Architekturbüro unter anderem neben Madrid, London und Hongkong eine Niederlassung.

Der Hauptsitz des Architekturbüros befindet sich aber nach wie vor in Basel. Hier haben die beiden Architekten zusammen die Primarschule besucht, waren einst gemeinsam als Fasnächtler unterwegs und in ihrer Heimatstadt haben sie 1978 nach ihrem gemeinsamen Studium an der ETH Zürich ihr Büro gegründet. In Basel setzen und setzten sie Zeichen als Kunstmäzene und vor allem mit sehr vielen Bauten.

Basel blieb stets wichtiges Feld

«Basel ist stets ein ganz wichtiges Feld für unsere Arbeit geblieben», sagt Jacques Herzog, der am Sonntag (19. April) seinen 70. Geburtstag feiert; Pierre de Meuron wird am 8. Mai nachfolgen. Von der anhaltenden Verbundenheit mit der Stadt zeugen laut Herzog unter anderem mehrere Studien und Schriften zur Stadtentwicklung.

Herzog arbeitet derzeit, wie alle mehr als 400 Mitarbeitenden des Architekturbüros, vom Home Office aus. Das klappe ganz gut, sagt er. Architektur sei ein langsames Business, was zumindest bis jetzt ein Vorteil sei. Es sei kein Projekt abgesagt worden.

Zu den Basler Landmarken von Herzog & de Meuron gehört allen voran der 2015 fertiggestellte 178 Meter hohe Roche-Turm am Rhein, neben dem bis 2022 ein mit 205 Metern noch höherer Turm emporwächst. Ein unübersehbares Zeichen setzt auch das wie eine vertikale Stadt aufgebaute Meret Oppenheim Hochhaus beim Bahnhof SBB, das 2019 fertiggestellt worden ist.

Wer durch Basel und Umgebung flaniert, der wird gewahr, dass das Schaffen von Herzog & de Meuron weit weg von einem einheitlichem Stil liegt. Die grosse Qualität ihrer Architektur liegt in der stetigen Neudefinition von Form, Stil und Materialität und der Berücksichtigung der städtebaulichen Umgebung.

Augenscheinlich wird dies, wenn man den Erweiterungsbau des Basler Stadtcasinos mit dem 2003 entstandenen Bau des Schaulagers im basellandschaftlichen Münchenstein vergleicht. Während der alleinstehende Schaulager-Bau im Spiel mit der Umgebung auffallen will, ist bei der Stadtcasino-Erweiterung das pure Gegenteil der Fall: Hier entwarfen Herzog & de Meuron einen Anbau, der das klassizistische Erscheinungsbild des Altbaus aus dem Jahr 1872 voll und ganz übernimmt.

Die Architekten von Weltrang nutzten den Heimplatz Basel immer wieder auch als Experimentierfeld. «Hier konnten und können wir neue Sachen ausprobieren», sagt Herzog. Als Beispiel nennt er den 2002 fertiggestellten Neubau der Basler Rehab-Klinik, ein eleganter Pavillon-Bau mit einer lamellenartigen Holzverkleidung. «Wir konnten mit dem Baustoff Holz experimentieren und einen neuen Typus eines Klinikums verwirklichen, den es bis dahin sonst nirgendwo gab», sagt Herzog.

Das Spiel mit den Häuschen

So unterschiedlich die Entwürfe von Herzog & de Meuron daherkommen, ein Stilelement taucht in abgewandelter Form immer wieder auf: dasjenige des Häuschens in seiner archetypischen Urform.

Bereits zu Karrierebeginn 1979 überraschten die Architekten die Fachwelt mit einem Häuschen in einem Basler Vorort, das entgegen der damals gängigen Flachdach-Regel mit einem spitz zulaufenden Giebeldach auffiel. Vor die voluminöse Fassade des Schaulagers setzten sie Jahre später ein Pförtnerhäuschen, das mit der Form der gesichtslosen Einfamilienhäuschen der Nachbarschaft spielt.

Beim Vitra-Haus auf dem gleichnamigen Firmengelände im deutschen Weil am Rhein führten sie 2010 das Spiel weiter: mit einem Haus, das aus verschiedenen Häuschen besteht, die kreuz und quer aufeinandergestapelt wurden. Beim Vitra-Schaudepot setzten sie 2016 auf demselben Gelände mit einem puristischen Häuschen-Prototyp aus Backstein einen neuen Akzent.

Und nun tragen sie das Häuschen hinaus in die metropolitane Welt: Im Berliner Kulturforum entsteht bis voraussichtlich 2026 ein Neubau für das Museum der Moderne. Für den langgezogenen Bau zwischen den bestehenden Bauikonen Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe und der Philharmonie von Hans Scharoun wählten Herzog & de Meuron die Form eines immens vergrösserten Satteldach-Häuschens oder einer «Scheune», wie in Berlin bereits gespottet wird.

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