Medien
Die Berichterstattung darf nicht zum Pranger werden

Bei den BVB in Basel-Stadt haben sich Manager bereichert, im Landkanton haben Regierungsräte und Chefbeamte Honorare eingesackt: Kontrollmechanismen haben Missstände aufgedeckt, doch die Öffentlichkeit darf im Urteil nicht übermarchen.

Matthias Zehnder
Drucken
Teilen
Der Baselbieter Regierungsrat wird als «Korruptionsrat» denunziert.

Der Baselbieter Regierungsrat wird als «Korruptionsrat» denunziert.

Kenneth Nars

Erschütterndes haben die Finanzkontrollen von Basel-Stadt und Baselland an den Tag gebracht: Bei den BVB haben sich Manager unrechtmässig bereichert, im Landkanton haben ehemalige Regierungsräte und Chefbeamte zu Unrecht Verwaltungsratshonorare in die eigene Tasche gesteckt. Gut, haben beide Kantone Kontrollmechanismen, welche die Missstände aufgedeckt haben.

Früher wären solche Skandale nicht möglich gewesen. Nicht etwa, weil sich niemand die Taschen gefüllt hätte, sondern weil es nicht ausgekommen wäre. Es hätte sich niemand getraut, einen honorigen Alt-Regierungsrat vor den Kadi zu zerren oder einen Chefbeamten anzuschwärzen. Darüber schwieg man. In der Stadt genauso wie auf dem Land. Kontrolleur Kirchmayr spricht in diesem Zusammenhang deshalb von einer Zeitenwende. In der Tat gibt es unabhängige Kontrollen im Landkanton erst seit etwa fünf Jahren.

Dass die Ergebnisse der Kontrollen unerbittlich öffentlich gemacht werden, ist ein Phänomen, das wohl noch jünger ist. Wikileaks und Edward Snowden haben ihre Spuren hinterlassen: Heute gilt fast bedingungslos das Öffentlichkeitsprinzip. Erstaunlich viele Menschen haben das bereits verinnerlicht: Im Zweifel werden Ergebnisse veröffentlicht. Wir Journalisten greifen die Informationen gerne auf.

Journalismus darf nicht zum Shitstorm verkommen

Leider bleibt es nicht dabei. Ganz egal, ob jemand nur verdächtigt wird und ob die Untersuchung noch läuft – die Öffentlichkeit hat ihr Urteil schnell gefällt. Und viele Medien geben noch eins obendrauf. Der Baselbieter Regierungsrat wird als «Korruptionsrat» denunziert, obwohl von Korruption keine Rede sein kann. Leitende Angestellte der BVB werden der Bestechlichkeit bezichtigt, weil sie mit einem Auftragnehmer im Rotlichtviertel waren. So wird rasch aus den Berichten eine Hexenjagd.

Das darf nicht sein. Aufdecken ja, Verurteilen nein. Journalismus darf nicht zum Shitstorm verkommen. Das Öffentlichkeitsprinzip verpflichtet zu Sorgfalt im Umgang mit den Informationen. Bei aller Empörung über Missstände und Skandale darf nicht vergessen gehen, dass die Beschuldigten Menschen sind, deren Leben sich schon durch einen einzigen Artikel radikal verändern kann. Selber schuld, sagen Sie? Möglich. Aber wer sagt, dass die Anschuldigungen in jedem Fall korrekt sind?

Vergessen wir nicht: Auch im Mittelalter war der Pranger eine Strafe, die erst nach dem Urteil folgte. Bevor ein Richtspruch gefällt war, wurde auch im Mittelalter niemand an den Pranger gestellt. Was Medien heute mit Prominenten machen, ist nichts anderes als ein medialer Pranger. Deshalb gilt auch heute: Bevor ein Urteil gefällt ist, steht uns kein Urteil zu. Und selbst dann: Wessen Weste ist so rein, dass er den ersten Stein werfen kann?